KlassikInfo Kalender

3. September 1987 - Der Komponist Morton Feldman stirbt in Buffalo in den USA

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Meldungen

ARD-Wettbewerb: Finale Klavierduo

Die Teilnehmer des Fachs Klavierduo für das Finale und Vergabe des Publikumspreises am 31. August, 18 Uhr im Herkulessaal, mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen stehen fest: Remnant Piano Duo, Korea, Susan and Sarah Wang, USA,Klavierduo Grobner - Trisko,...

Knapp 250.000 Besucher bei den Salzburger Festspielen

Mit einer Platzausnutzung von 95% und an die 250.000 Besuchern werden die diesjährigen Salzburger Festspiele am kommenden Montag, 30. August, zu Ende gehen. Die Zahlen gab der scheidende Intendant Jürgen Flimm heute, 27. August, in Salzburg bekannt. 2011 wird der bisherige Musikchef Markus...

Jos van Immerseel erhält den Musikfest-Preis Bremen 2010

Der belgische Pianist, Dirigent und Musikforscher Jos van Immerseel erhält den Musikfest-Preis Bremen 2010. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Mit dem Musikfest-Preis zeichnet das Festival seit 1998 jährlich bedeutende Solisten, Ensembles, Orchester und Dirigenten aus, die durch ihr...

Benefiz-Konzert der Salzburger Festspiele für Pakistan

Am Donnerstag, 26. August, 21.00 Uhr, im Haus für Mozart, findet in Salzburg ein Benefiz-Konzert zugunsten der Aktion "Nachbar in Not" für Pakistan statt. Mit: Ben Becker, Piotr Beczala, Adrian Kelly, Christopher Maltman, Sunnyi Melles, Birgit Minichmayr, Anna Netrebko, Nicholas Ofczarek,...

59. Internationaler Musikwettbewerb der ARD hat begonnen

Vom 22. August bis 10. September 2010 findet in München wieder der Internationale Musikwettbewerb der ARD statt, einer der weltweit renommiertesten Musikwettbewerbe überhaupt. Ausgeschrieben wurden in diesem Jahr die Kategorien Klavierduo, Violoncello, Horn und Flöte. Von den 425 Bewerbern aus 51...

Goldener Löwe für Wolfgang Rihms Lebenswerk

Dem Komponisten Wolfgang Rihm, dessen Werk integrativer Bestandteil des aktuellen internationalen Musikprogramms ist, wird für sein Lebenswerk der Goldene Löwe 2010 des Bereichs Musik der Biennale di Venezia zugesprochen.

Luca Francesconi, der Musikdirektor der Biennale, schlug vor, die...

Chipkarte: Türöffner für kulturelle Teilhabe?

Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Ursula von der Leyen plant für Mitte 2011 die Einführung einer Bildungs-Chipkarte, um damit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010 gerecht zu werden, die Teilhabe der Kinder von Hartz IV-Empfängern am Vereinsleben und an...

Konzertveranstalter will Besucher des Villazón-Konzerts doch entschädigen

Der Veranstalter des Konzert von Rolando Villazón am 8. August im Tivoli in Kopenhagen will die Besucher nach anfänglichem Abwiegeln nun doch entschädigen. Das berichtet die Kopenhagen Post. Villazon hatte das Konzert nach nur drei Gesangsnummern abgebrochen. KlassikInfo.de berichtete.Villazón habe...

Vierteljahresliste der dt. Schallplattenkritik

Die Vierteljahresliste der deutschen Schallplattenkritik nennt folgende Highlights:

Orchestermusik und Konzerte-Igor Strawinsky: Der Feuervogel, Psalmensymphonie. City of Birmingham Symphony Orchestra, AndrisNelsons. Orfeo 804 101 AKammermusik-Beethoven: Streichquartette op. 18/6, 130 & 133....

Süchtigmachend

Jérôme Ducros, Philippe Jaroussky Foto: Silvia Lelli

Französische Lieder mit Countertenor Philippe Jaroussky bei den Salzburger Festspielen

(Salzburg, 27. August 2010) Er ist wahrlich nicht der erste Countertenor, der sich jenseits der Barock-Oper - oder der zeitgenössischen Musik - dem intimem Lied-Repertoire des 19. oder 20. Jahrhundert widmet, aber Philippe Jaroussky steht mit den französischen "Mélodies" seiner Heimat doch auf einem einsamen Gipfel, den ihm derzeit niemand streitig machen kann. Vor anderthalb Jahren ist seine CD "Opium" mit Liedern eines Reynaldo Hahn, Cécile Chaminade, Ernest Chausson, Jules Massenet, Vincent d'Indy oder César Franck erschienen, jetzt bewies Jaroussky wieder mit Jérôme Ducros am Flügel - welchen Zauber diese Lieder gerade live und im intimen Rahmen des Mozarteums entfalten können und wie man danach süchtig wird. [weiter]

Mahlers elfte Symphonie

Karita Mattila und Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Bild: Silvia Lelli

Die Berliner Philharmoniker spielten zum Abschluss der Salzburger Festspiele ein Programm mit Werken von Wagner, Strauss, Schönberg, Webern und Berg

(Salzburg, 29. August 2010) Das letzte Konzert der Salzburger Festspiele 2010 war den Berliner Philharmonikern überlassen. Chefdirigent Sir Simon Rattle dirigierte im Großen Festspielhaus ein Programm, das auf ein ganz spezielles Phänomen der europäischen klassischen Musik hinwies: auf die Ablösung von der Tonalität.

Ja, es geht eben nicht um die "Aufgabe" der Tonalität. Dieser Prozess fand allmählich statt und wurde nicht schlagartig von Arnold Schönberg, für viele der "Böse" schlechthin, vollzogen. Rattle und "sein" Orchester illustrierten den Prozess mit passenden Beispielen. [weiter]

Tagebuch des ARD-Musikwettbewerbs

Am 22. August begann der 59. Internationale Musikwettbewerb der ARD in München mit dem ersten Durchgang im Fach Klavierduo. Wir berichten wie in den vergangenen Jahren regelmäßig, dieses Jahr mit dem Schwerpunkt auf dem Fach Violoncello. Wir werden alle Teilnehmer bis zum Finale begleiten. Dazu lesen sie Berichte von allen Semifinali (ab 30. August - mit Ausnahme von Klavierduo) und allen Finali (31. August bis 5. September) sowie von den drei Preisträgerkonzerten am 8., 9. und 10. September. [Zum Tagebuch]

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Rosamunde Pilcher an der Adria

Der König in der Irrenanstalt: "Sigis­mondo" Foto: studio amati bacciardi

Das Rossini Opera Festival in Pesaro präsentiert in diesem Sommer zwei Raritäten: "Sigismondo" und "Demetrio e Polibio" sowie als Wiederaufnahme "Cenerentola"

(Pesaro, im August 2010) Pesaro, die Geburtsstadt Gioachino Rossinis, wartet seit 30 Jahren im Sommer mit mit einem besonderen Gastgeschenk auf: Dem Rossini Opera Festival (ROF), das in einen größeren Rahmen eingebettet ist, in dem eine Gesangs­akademie den Rossinigesang lehrt und in dem sukzessive eine kritische Ge­samtausgabe der Werke des Komponisten herausgegeben wird. Außerdem liegt Pesaro am Meer, man kann also - Ombrellone an Ombrellone - die adriatische Art des Badens in Anspruch nehmen, am Abend bei Lorenzo und Bibo besten frischen Adriafisch genießen und - so man Lust hat - Orte wie Urbino besuchen oder einfach in den gut sortierten Buchläden stöbern.
Klein und fein ist das Rossini-Festival. Drei Opern des "Schwans von Pesaro" werden jeden August gezeigt. Dazu kommen in den letzten Jahren eine Opern­produktion der Rossini-Akademie mit jungen Sängern, Liederabende und andere Veranstaltungen, die das Werk des namensgebenden Komponisten von allen erdenklichen Seiten beleuchten und umkreisen. [weiter]

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Barock durch Mozarts Brille

Doppel-CD Wolfgang Amadeus Mozart: Complete Works for String Trio (TrioFenix)
Fuga Libera FUG569, LC 14899

Ein "Unikum" hat der Musikwissenschaftler und Mozart-Experte Alfred Einstein das Streichtrio KV 563 einst genannt, ist diese Komposition mit der unschuldigen Bezeichnung "Divertimento" doch alles andere als leichte Unterhaltung, vielmehr ein ausgewachsenes Kammermusikwerk, das Interpreten und Zuhörer gleichermaßen fordert. [CD-Besprechung lesen]

Orchester auf Landpartie

Sommernachtsgala in Grafenegg Foto: PhotoWerk

Grafenegg, das sind ein Schloss, ein Park und ein paar Weiler außen herum. Seit drei Jahren kommen alljährlich im August und September die weltbesten Orchester in die niederösterreichische Provinz. KlassikInfo.de hat sich auf die Suche begeben nach dem "Geheimnis von Grafenegg".

(Grafenegg, im August 2010) Einer, ohne den der Erfolg von Grafenegg nicht denkbar wäre, ist der Pianist Rudolf Buchbinder. Ihm hat man beim Start des Festivals im Jahr 2007 die künstlerische Leitung übertragen, unlängst wurde der Vertrag bis 2015 verlängert. Buchbinder, der weltweit mit allen bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet hat, ist bestens vernetzt in der Klassikszene, er weiß, wie er die großen Namen bekommt. [weiter]

Christoph Schlingensief ist gestorben

Christoph Schlingensief bei seinem Opernprojekt in Afrika © Aino Laberenz


Der Performance-Künstler, Film- und Theaterregisseur ist am heutigen Samstag (21. August) seinem Krebsleiden erlegen. Er starb an seinem Wohnort Berlin im Alter von 49 Jahren. Erst vor wenigen Wochen hatte Schlingensief die für die diesjährige Ruhrtriennale in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin geplante Produktion "S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken" kurzfristig abgesagt. "Nach einer neuen schweren Krebsdiagnose sieht sich der Autor und Regisseur nicht in der Lage, im geplanten Zeitrahmen sein Werk zur Aufführung zu bringen", hieß es in einer Erklärung. In einem Schreiben an sein Team und die Leitung der Ruhrtriennale bedauert er die Absage.
Darin heißt es u.a.: "Es gibt jetzt leider ein paar harte Neuigkeiten, denen sofort nachgegangen werden muss! Meine Ängste während unserer letzten Produktion "Via Intolleranza II" haben sich leider bestätigt, und schon diese Arbeit war ein harter Kampf, den ich nur mit Eurer Hilfe bewältigen konnte. Bitte versteht mich, wenn ich jetzt Zeit brauche und eben nicht darüber phantasieren möchte, ob ich in dieser Situation nicht die Möglichkeiten mich künstlerisch auszudrücken, gerade nutzen sollte. Die Zeit verlangt aber gerade den reinen Realismus, und der Ausdruck kommt so oder so. Ob durch mich oder andere, die darüber ihre eigenen Existenzfragen beantworten wollen. Vielleicht kann "S.M.A.S.H." sogar später noch stattfinden. Die Erfahrungen gehen doch weiter, und die damit verbundenen Gedanken werden sowieso einfließen ... Aber bitte lasst Aino, meinen Freunden und mir jetzt diese Zeit, und Willy Decker und Ulrich Khuon haben das auch sofort verstanden.
Es ist für uns alle sehr bitter ... aber ich sehe nach sehr gründlichen und traurigen Überlegungen: diese Arbeit zu diesem Zeitpunkt würde keine Kraftspende, sondern nur ein höchstriskantes "Spielchen" werden, das nur den einen Zweck hätte, nämlich so zu tun, als wäre die beste Therapie: Augen zu und durch. Und das darf jetzt auf keinen Fall passieren.
Aino und ich haben uns unglaublich auf diese Arbeit gefreut. Wieder bei der Ruhrtriennale arbeiten zu können, die mir schon vor zwei Jahren zu Beginn dieser nicht enden wollenden Krise sehr geholfen hat, wäre für mich eine große Ehre gewesen! Aber nun heißt es, schnell auf die neuen Befunde reagieren, und dann erst sehen wir weiter. Ich danke Euch allen und vermisse Euch schon jetzt! Ich hoffe sehr, dass wir die jetzt entstandene Situation bewältigen werden. Euer Christoph!"

Christoph Schlingensief gehörte zu den bekanntesten und umstrittensten deutschen Regisseuren. Immer wieder hat er mit spektakulären Theaterprojekten, wie z.B. der "Church of Fear", versucht, gesellschaftliche Mißstände zu thematisieren und anzuprangern. 2008 war bei ihm Krebs diagnostiziert worden. Nach einer OP arbeitete Schlingensief zunächst mit großen Eifer an neuen Projekten, wie seinem Afrika-Projekt in Burkina Faso.
Bei den Opernfestspielen in München war im Juni seine VIA INTOLLERANZA II zu sehen - siehe Artikel auf KlassikInfo.de. 2009 hatte er sich mit seinem Theaterstück "Mea culpa" mit seiner Krebserkrankung auseinander gesetzt (Artikel auf KlassikInfo.de). Im März 2010 wurde Schlingensief mit dem Helmut-Käutner-Preis ausgezeichnet. Im kommenden Jahr sollte er den deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig gestalten. Biographie: www.schlingensief.com/schlingensief.php

Auf dem Weg zum Paradies

"Albert Herring" Foto: Festival Montepulciano

Eindrücke vom 35. Festival Cantiere Internationale d'Arte in Montepulciano

(Montepulciano im Juli/August 2010) Die Mauern sind alt, sie gehören zu einem Konvent der "Padri Serviti" aus dem 13. Jahrhundert. Einen Raum des Weingewölbes stellt die alteingesessene Winzer-Familie Gattavecchi für Veranstaltungen zur Verfügung. Ideal für kammermusikalische Präsentationen. Ideal für den Kontrast zwischen dem archaischen Ambiente und den innovativen Klängen, die zum Beispiel das Turiner "Duo Alterno" - eine Sängerin, ein Pianist, Tiziana Scandaletti und Riccardo Piaccentini - beim Festival "Cantiere" in Montepulciano darbot. Die Spannung von Alt und Neu setzt Inspirationen frei. Texte von James Joyce vertonte etwa John Cage (The beautiful widow of eighteen springs) für Stimme und geschlossenes Klavier. Bei den ein wenig eklektischen "Tages-Gebeten" von Fabrizio Festa, oder den ungeheuer packenden, stilistisch erstaunlich experimentellen "Epitaphen" des Star-Filmkomponisten Ennio Morricone oder bei den so skurrilen "Tränen für jede Stimme. Ein ideales Ballett" (Lachrimae, per ogni voce. Un balletto ideale) von Silvano Bussotti war das Klavier geöffnet. Es war fantastisch, zu erleben, auf welchem exzellenten, internationalen Niveau das "Duo Alterno" sein Programm darbot. [weiter]

In der Allmacht Gottes

Vogelkundliche Wanderungen auf den Spuren des Komponisten - das Festival Olivier Messiaen au Pays de la Meije

Auf der Visitenkarte von Olivier Messiaen (1908 - 1992) standen zwei Berufe: Komponist und Ornithologe. Vogelstimmen haben ihn in seiner musikalischen Sprache stark beeinflusst, wie auch die Natur überhaupt. Er hasse die Stadt, hat er mehr als einmal gesagt, er sei ein Mann der Natur. Die Sommerferien verbrachte er gern im Gebirge, in der Nähe von Grenoble, wo er aufgewachsen ist. Und dort, im Dörfchen La Grave, findet seit 1998 alljährlich ein Festival statt, das Messiaen gewidmet ist.

In 1500 Metern Höhe klebt La Grave am Hang, mit Blick auf einen der berühmtesten Gipfel der französischen Alpen: die 3983 Meter hohe Meije, felsig, zerklüftet, von Gletschern überzogen, weltbekannt unter Extremskifahrern und unter Bergsteigern gefürchtet als einer der schwierigsten Gipfel der Alpen. [weiter]

Nicht unbeschwert

Gerold Huber, Klavier; Rolando Villazón, Tenor Foto: Silvia Lelli

Rolando Villazón singt Schumanns "Dichterliebe" bei den Salzburger Festspielen und überzeugt, wenn auch nicht ganz

(Salzburg, 15. August 2010) Unsicherheit lag in der Luft. Zumindest bei all jenen, die wussten, dass Rolando Villazón vor zwei Wochen ein Konzert im Kopenhagener Tivoli nach nur sieben Minuten abgebrochen hatte. Würde er singen, würde er absagen? Hélène Grimaud, seine Begleiterin beim Salzburger Festspiel-Liederabend (am Sonntag) hatte sich bereits im Vorfeld (krankheitsbedingt) zurückgezogen. [Besprechung lesen]

Klang der Macht

Riccardo Muti und Gérard Depardieu während der Probe zu "Iwan der Schreckliche". Foto: SF/Silvia Lelli

Sergej Prokofjews Oratorium "Iwan der Schreckliche"  - für Sprecher, Alt, Bariton, Chor & Orchester wurde bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Als Sprecher wirkte Gérard Depardieu mit. Die musikalische Leitung hatte Riccardo Muti.

(Salzburg, 15. August 2010) "Ich liebe das Kino", bekannte Sergej Prokofjew 1932 in einem Interview in einer französischen Zeitung. Das war kurz vor Beginn seiner Karriere als Filmkomponist, während der er nicht weniger als sieben Partituren für den Film schrieb. Die letzte ist die zu "Iwan der Schreckliche" von Sergej Eisenstein von 1948.
Den Auftrag zu einem Film über den ersten Herrscher und Beherrscher Russlands hatte Eisenstein vom Staatlichen Kinokomitee der UdSSR 1941 erhalten. [weiter]

Jeder gegen jeden und Gott gegen alle

Ann-Beth Solvang, Martin Oro, Jeffrey Francis, Raffaella Milanesi (c) Larl

Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik bringen Giovanni Battista Pergolesis Oper "L'Olimpiade" heraus

(Innsbruck, 10. August 2010) Nicht nur Salzburg und Bayreuth haben ihre sommerlichen Feste. Noch näher an den hohen Bergen geht es ruhiger und auch großnamenloser zu. Da fahren nicht die Adabeis hin, sondern die Crème der Interessier­ten.
Viel Barockes gibt es zu hören, aber die Höhepunkte sind in Innsbruck natürlich doch die Opernproduktionen, mit denen sich die Festwochen der Alten Musik einen Namen gemacht haben. Da geht es - in immer neuen Variationen - ums Herrschen, Lieben und Intrigieren. Und es wird einem dabei wahrlich nicht fad ums Herz. [Premierenkritik lesen]

Von der Abendsonne beschienen

Anne-Sophie Mutter, die Wiener Philharmoniker und Riccardo Chailly mit Rihm und Bruckner bei den Salzburger Festspielen

(Salzburg, 10. August 2010) Dass Wolfgang Rihms 1992 uraufgeführtes Violinkonzert "Gesungene Zeit" noch keinen Siegeszug durch die Konzertsäle angetreten hat, blieb nach der grandiosen Aufführung im Großen Festspielhaus ein Rätsel. In den letzten 20 Jahren ist für Geige und Orchester nicht vieles von ähnlicher Qualität komponiert worden: Fasslichkeit ohne Anbiederung, Lyrik ohne Pathos, Virtuosität ohne vordergründige Zirzensik - dieses Stück hat alles und hat es bislang doch nur in das Repertoire einer einzigen großen Geigerin geschafft: Anne-Sophie Mutter, die Widmungsträgerin, die es auch an diesem Abend im Rahmen des "Kontinent Rihm" der Salzburger Festspiele interpretierte. [Aufführungskritik lesen]

Alle wollen Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm in Salzburg Bild: Salzburger Festspiele/W. Lienbacher

Der zentrale Komponist der Salzburger Festspiele 2010 ist Wolfgang Rihm. In seinen Konzerten wird er gefeiert wie ein Künstler der Pop-Branche

(Salzburg, 10. August 2010) Wolfgang Rihm, ein Pop-Star? Warum auch nicht? Warum soll ein lebender Komponist, der keine Songs, sondern Stücke von einer etwas komplizierteren Machart schreibt, nicht auch die Begeisterung seines Publikums entzünden? Möglicherweise war auch das ein Denkfehler der Gralshüter des Elitären, dass sie meinten, Ihren Kultfiguren sei nur mit stiller Anbetung, allenfalls wohldosiertem Applaus zu begegnen. Allerspätestens seit dem achten Konzert des "Kontinents Rihm" bei den Salzburger Festspielen sollte das Schnee von gestern sein. [weiter]

Im Strudel der Rachlust

Alleine steht Elektra da im Hof der von Raimund Bauer gestalteten fallenden Beton-Burg. Bild: Hermann und Clärchen Baus

Die vierte Opernpremiere der Salzburger Festspiele 2010 galt "Elektra" von Richard Strauss. In der diskreten Regie von Nikolaus Lehnhoff entladen grandiose Sängerinnen und Sänger die Wucht der Leidenschaften

(Salzburg, 8. August 2010) Selten hat es bei den Salzburger Festspielen einen so einhelligen Beifall gegeben wie bei der Premiere der "Elektra"- Inszenierung von Nikolaus Lenhoff am Sonntag im Großen Festspielhaus. Keiner der Sängerinnen und Sänger blieb unbeachtet, auch dem Regie- und Ausstattungs-Team wurde Lob gespendet. Aber was passierte dem Dirigenten, Daniele Gatti? Er erntete eine Mischung aus Beifall und deutlichen Buhs. Und die waren kein Zufall. Jedes Mal, wenn er vortrat, waren sie wieder zu hören. [Premierenkritik lesen]

Der Fluch eines Bildes

Foto: Karl Forster

Mieczyslaw Weinbergs "Das Portrait" bei den Bregenzer Festspielen als westeuropäische Erstaufführung

(Bregenz, 5. August 2010) Nachdem Mieczyslaw Weinbergs grandiose erste Oper "Die Passagierin" aus dem Jahr 1968 gerade ihre szenische Erstaufführung in Bregenz erlebt hat, wurde ihr nun die satirische Kammeroper "Das Portrait" nach Gogol zur Seite gestellt. 1980 als vorletztes Werk für das Musiktheater komponiert - "Der Idiot" nach Dostojewski sollte 1989 noch folgen - hat Weinberg hier  auch eine Art Selbst-Portrait geschaffen: Bei Gogol erwirbt ein mittelloser Maler das Bild eines alten Mannes mit beängstigend lebendig gemalten Augen, das auf mysteriöse Weise zum Leben erwacht und sich als sprudelnde Geldquelle erweist. Der junge Tschartkow erhält so neben dem dringend benötigten Geld auch enormes Selbstbewusstsein. Das verschafft ihm Aufträge und Renommee, er wird der reiche Modemaler von Sankt Petersburg. [Premierenkritik lesen]

Startenor im Rattenkäfig

(c) Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath

Die zweite Vorstellung des neuen "Lohengrin" in Bayreuth

(Bayreuth, 3. August 2010) Schon der silbern tönende Anfang gehört ihm ganz allein und natürlich auch der Schluss: Denn bereits während des Vorspiel versucht Lohengrin alias Jonas Kaufmann (der im weißen Hemd mit schwarzer, ungebundener Fliege um den Hals exakt wie auf seinen Promofotos aussieht) Raum zu schaffen. Mit aller Kraft stemmt er sich gegen eine weiße Wand, die schließlich bis fast an die Hinterbühne gedrückt wird. Dann öffnet sich für einen Moment die Doppel-Türe wie von Zauberhand und Lohengrin verschwindet. Am Ende aber steht er, jetzt ganz in Schwarz, im hellen Spot auf leerer Bühne, an deren schwarze Rückwand ein großes Fragezeigen projiziert ist. Alle haben sich von ihm abgewandt und er singt herzzerreißend schön und ergreifend seine Gralserzählung, mit dem Festspielorchester unter Andris Nelsons am Ende in die höchste Emphase getrieben. [weiter]

Spekulieren auf Jungfrauen-Aktien

Lulu (Patricia Petibon) / Dr. Schön (Michael Volle) © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Vera Nemirova inszeniert, Marc Albrecht dirigiert Salzburgs neue "Lulu", und der Maler Daniel Richter schuf die Bühnenbilder dazu

(Salzburg, 1. August 2010) Aufruhr im Auditorium der Felsenreitschule: Gäste, die noch ihre Plätze suchen und einige, die lauthals einen Geburtstagstoast ausbringen. Dreimal geht das so, Gelächter des Publikums, leise aufkommender Unmut und schließlich Einsatz des Orchesters vor dem dritten Akt und nun alles noch einmal - gesungen! Vera Nemirova lässt weite Teile dieses Paris-Bildes in der dreiaktigen Fassung (von Friedrich Cerha komplettiert) zwischen den Reihen des Publikums spielen und singen, mit frappierender Wirkung! Auf einmal erhält dieses Geschehen um geplatzte Aktienspekulationen, Geldgier, mehrfache Erpressung und Vergnügungssucht innerhalb einer fiktiven High Society inmitten des real reichen Salzburger Festspielpremierenpublikums eine ungewöhnliche Brisanz. [Premierenkritik lesen]

Musikalische Übermalungen

Wolfgang Rihm Foto: Universal Edition / Eric Marinitsch

Das ausufernde Orchester- und Perkussionsstück "Tutuguri" leitete den Konzertzyklus "Kontinent Rihm" bei den Salzburger Festspielen ein.

(Salzburg, 29. Juli 2010) Schon die erste Begegnung mit Texten des Theatererneuerers und Dichters Antonin Artaud bewirkte bei  Wolfgang Rihm eine musikalische Initialzündung. In einer Werknotiz schrieb er: "Musikstrom, Musik-Sturz (...) Vorstellung eines dunklen und grellen Kultus. Suche nach reflexhafter Musik, nach einem Klang-Körper, dessen Zuckung und Umformung Melos, Rhythmus und Farbe wird."
Das hört sich nach reichlich Archaik an, und so klingt auch das daraus entstandene Werk mit dem Titel "Tutuguri - Poème dansé". [weiter]

Im Reich des Rausches

Im Faden der Ariadne verfangen: Johannes Martin Kränzle als N., Mojca Erdmann als Ariadne Foto: Ruth Walz

Wolfgang Rihms neue Oper "Dionysos" nach Friedrich Nietzsche wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt

(Salzburg, 27. Juli 2010) Der Anfang wirkt wie ein Remake von Wagners "Rheingold". N, die Hauptfigur in Rihms "Dionysos" und unschwer als Nietzsche zu identifizieren, tappst linkisch hinter drei Frauen her ("drei Delphine"), die N. umgarnen, ihm aber immer wieder neckisch entwischen. Dazu erklingt ein stark an Wagners Rheintöchtern angelehnter Frauen-Dreigesang. Auch die Regie ist den albernen Fangenspielchen, die man so oft im "Rheingold" mit ansehen muss, ziemlich ähnlich.
Rihm beginnt seine neueste Oper "Dionysos" wie er seine Botho-Strauß-Oper "Das Gehege" aufhört: rückwärtsgewandt, referentiell und ein wenig kunsthandwerklich. [Premierenkritik lesen]

Beispielhafte Programmatik

Thomas Zehetmair als Solist und Dirigent beim Münchner Kammerorchester

(München, 22. Juli 2010) Wieder einmal war das Programm vom Feinsten. Der Bogen spannte sich von Schönbergs frühen Walzern, in denen das Münchner Kammerorchester zeigte, wie viel unterschiedliche Gesichter der Dreivierteltakt schneiden kann, bis zu Beethovens Spätwerk. Und weil am Pult mit Thomas Zehetmair ein renommierter Geiger stand, fehlten die solistischen Glanzpunkte nicht. Für die hatte er sich allerdings Quartett-Partnerin Ruth Kilius mitgebracht. [weiter]

Mahler zu Gast in Bamberg

Foto: P. Eberts

Die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott ehren Gustav Mahler in ihrer akustisch runderneuerten Philharmonie

(Bamberg, 17. - 19. Juli 2010) Was für eine wunderbare, mittelalterlich-barocke Stadt mit ihrem hoch über den Dächern thronendem romanischem Dom und der ebenfalls auf einem der Hügel weithin sichtbaren barockisierten Klosterkirche von St. Michael! Gerade wieder haben ein Wochenende lang Zauberkünstler, Feuerschlucker und andere Artisten die historischen Plätze der vollständig erhaltenen Altstadt bevölkert. Doch auch ein besonderes Ereignis der klassischen Musik fand zum überhaupt ersten Mal statt: eine sommerliche Biennale der Bamberger Symphoniker kurz vor den Bayreuther Festspielen, bei denen viele Bamberger im Orchester sitzen. Schwerpunkt war und ist noch bis Sonntag "Der späte Mahler". [weiter]

Erinnern heißt Erlösung

Und die Musik spielt dazu. Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

In Bregenz erlebte Mieczyslaw Weinbergs Oper "Die Passagierin" eine zutiefst berührende szenische Uraufführung

(Bregenz, 21. Juli 2010) Eine Oper über Auschwitz. Hat es das überhaupt je gegeben? Es ist wohl der polnisch-russische Komponist Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1996) der sich in seiner Oper "Die Passagierin" als bislang einziger an das Thema wagte. Und auch diese Oper war bis jetzt so gut wie nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelang. Jetzt gab esdie szenische Uraufführung des 1968 entstandenen Werks bei den Bregenzer Festspielen. Zuvor hatte es nur eine konzertante Aufführung in Moskau 2006 gegeben. Dass das Thema bis zum heutigen Tag an die tiefsten Emotionen rührt, das zeigte die Reaktion des Publikums am Ende der fast dreistündigen Aufführung im Bregenzer Festspielhaus. [Premierenkritik lesen]

Lustvoller Belcanto

Nino Machaidze (Adina) Foto: W. Hösl

Pavol Breslik brilliert anstelle von Rolando Villazon im "Liebestrank" an der Bayerischen Staatsoper

(München, 21. Juli 2010) Das war ein Fest! Der kredenzte Liebestrank moussierte heftig. Dabei hatte eine Absage die Bayerische Staatsoper zunächst arg in die Bredouille gebracht und die Festspielaufführung von Donizettis "L'elisir d'amore" ins Schwanken: Publikumsliebling Rolando Villazon war nach eifriger Probenarbeit akut erkrankt und fiel als Nemorino aus. Wer sollte nun "Una furtiva lacrima" trocknen?
Pavol Breslik, der heiß umschwärmte Jungspund mit dem lyrischen Strahle-Tenor und dem Filmstar-Body, war genau der richtige "Ersatzmann". [Kritik lesen]

Übel zugerichtetes Eheopfer

Kann ins Auge gehen, wenn man die Falsche heiratet. Franz Hawlata (Morosus), Diana Damrau (Aminta) Foto: W. Hösl

Barrie Kosky inszeniert "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss bei den Münchner Opernfestspielen, am Pult ist Kent Nagano

(München, 20. Juli 2010) Zwei Akte lang lassen sich Regisseur Barrie Kosky und seine Bühnenbildnerin Esther Bialas Zeit, bis sie das Geheimnis um das seltsame Podest lüften, das bis dahin als reichlich eigenwillige und für die Sänger eher unpraktische Spielfläche dient. Außer diesem ca. 30 qm großen und etwa einen Meter hohen, dunkel angestrichenen Sockel, auf dem sich die Protagonisten tummeln, dass man Angst haben muss, dass einer mal daneben tritt, bleibt die Bühne des Münchner Prinzregententheaters völlig leer. Im Hintergrund sieht man die schwarze Rückmauer und eine nicht dekorativere Wellblechwand. Kein wirklich erheiterndes Ambiente für Strauss' späte komische Oper, die soviel wunderbare Zwischentöne in Wort und Musik enthält, dass man schon gar nicht mehr von einer Komödie sprechen kann. [Premierenkritik lesen]

Sensationell

Olli Mustonen mit Beethovens Klavierkonzerten Nr.4&5

Es kommt selten vor, dass die Aufnahme zweier zigfach aufgeführter und eingespielter Repertoire-Stücke als sensationell bezeichnet werden darf. Aber der Abschluss der Gesamtaufnahme aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens mit Nr. 4 und 5 durch Olli Mustonen und die Tapiola Sinfonietta unter seiner Leitung verdient dieses Prädikat. Jeder Takt klingt, als höre man ihn zum ersten Mal. Böse Zungen mögen es exzentrisch nennen, wie flexibel in Phrasierung, Lautstärke, Tempo-Differenzierung auf kleinstem Raum und federnd trockener Akzentsetzung frei von allem titanischen Pathos Mustonen spielt, mit welch' stupender Unabhängigkeit der beiden Hände. Bei den ersten beiden Klavierkonzerten mag der Eindruck auch noch etwas befremdend sein. Doch wer jetzt diese dritte Platte unvoreingenommen hört, ist fasziniert von der kammermusikalischen Durchdringung, der subtilen Leuchtkraft, der Lebendigkeit dieser Aufnahmen in jedem Akkord, jedem glasklaren Lauf, jedem einzelnen Ton, jedem Triller, der so schnell vibriert wie der Flügel eines Kolibris.[CD-Besprechung lesen]

Breitbeinige Norma

Foto: Marc Wohlrab/Konzerthaus Dortmund

Nein! Ja! Warum nicht? Cecilia Bartoli debütiert als Norma in Dortmund

(Dortmund, im Juli 2010) Sie fühlt sich ein wenig wie Maria Malibran, die berühmte Sängerin des frühen 19. Jahrhunderts, ein Star ihrer Zeit. Deshalb versucht sich Cecilia Bartoli immer öfter im Repertoir der Malibran und erstaunt damit ihre Fans, sehen sie doch in der Römerin vor allem eine Barockinterpretin.

Aber Cecilia Bartoli will überraschen und das gelingt ihr immer wieder. Jetzt in Dortmund, im Konzerthaus, und nicht, wie man bei einem Weltstar annehmen sollte, in Mailand, Berlin, London oder New York. Nein, Dortmund und mit einem Aufsehen erregenden Debüt in Bellinis "Norma". Ein mit grosser Spannung erwartetes Debüt, für das Musikkritiker aus ganz Europa anreisten. [weiter]

Zum Klang wird hier der Raum

Im Münchner Orff-Zentrum erkundete der griechische Komponist Minas Borboudakis elektronisch erweiterte Klangräume in eigenen Werken sowie bei Cage, Riley und Kokoras

(München, 14. Juli 2010) Was ist für die Musik der Raum? Die Stille, die sich als Raum zum Lauschen auftut. Der Notationsraum, in dem der Komponist das musikalische Material anordnet. Nicht zuletzt die Architektur eines Saales, die den Schallwellen charakteristische Brechungen zufügt und den Höreindruck an jedem Platz ein wenig anders sein lässt. Der in München lebende griechische Komponist und Pianist Minas Borboudakis, einem breiteren Publikum durch das für die Münchner Opernfestspiele 2007 konzipierte Musiktheater "liebe. nur liebe" bekannt geworden, hat die Erkundung des Raums zu einer zentralen Aufgabe seiner Musik gemacht. Im Münchner Orff-Zentrum ließ er nun gemeinsam mit Klangregisseur Felix Dreher an der Elektronik den Raum selbst zum Klang werden. [Konzertbesprechung lesen]

Sprudelnde Energie

Fauré Quartett Foto: KASSKARA

Das Fauré Quartett mit Klavierquartetten von Robert Schumann und Johannes Brahms in Schloss Nymphenburg

(München, 9. Juli 2010) Johannes Brahms trug, da war sich Robert Schumann in seinem 1853 verfassten Artikel "Neue Bahnen" ganz sicher, "alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener". Schumann hatte ein untrügliches Gespür für kompositorische
Talente. Schon als Zwanzigjähriger hatte er den gleichaltrigen Chopin neidlos als Genie gefeiert. Diese Sensibilität für die Größe anderer ging einher mit andauernden Zweifeln am eigenen Können. Wie unbegründet die waren, war mitzuerleben, als das Fauré Quartett im Hubertussaal des Schlosses Nymphenburg Brahms' 2. Klavierquartett und Schumanns Klavierquartett einander gegenüberstellte. [Konzertbesprechung lesen]

Verschiedene Arten Abschied

Am Geburtstag von Gustav Mahler sang Christian Gerhaher ein Gedenkkonzert mit Liedern des Komponisten im Bayerischen Rundfunk

(München, 7. Juli 2010) Ein ganzes Mahler-Gedenkjahr liegt vor uns. Denn bis zum 100. Todestag am 18. Mai 2011 wird es Zyklen der Symphonien (nicht nur) bei den Münchner Philharmonikern und dem Symphonieorchester des BR geben, dazu Rundfunksendungen und Symposien. Ein gewichtiges Mahler-Handbuch ist bei Metzler/Bärenreiter erschienen, umfangreiche Boxen mit dem Gesamtwerk auf CD bei EMI und Deutsche Grammophon sowie zahlreiche Einzelveröffentlichungen von Symphonien und Liedern.Auch Christian Gerhaher hat letztes Jahr, exzellent begleitet von Gerold Huber eine bemerkenswerte Mahler-Platte bei RCA veröffentlicht, nun sang er exakt am 150. Geburtstag zu Ehren von Gustav Mahler im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks ein höchst anspruchsvolles Programm. [Besprechung lesen]

Händel in Idealbesetzung

Foto: Festival La Coruno

Händels fast vergessene Oper "Giove in Argo" beim Festival in La Coruna

(La Coruna, im Juni 2010) Georg Friedrich Händel war ein ebenso guter Komponist wie Geschäftsmann. Wenn es ihm gerade recht kam, komponierte er keine nagelneue Oper, sondern zimmerte aus musikalischen Versatzstücken seiner bisherigen Opern etwas anscheinend Neues zusammen. Alte Melodien und neue Texte, alles neu gemischt und mit einer neuen Handlung. So etwas nennt man Pasticcio. Eine zu Händels Zeiten gebräuchliche Form der Oper, bei der man auch nicht davor zurückschreckte, bei Kollegen Arien zu klauen und sie als die eigenen auszugeben. Eine Technik, die Händel nicht nötig hatte, denn er konnte auf ein schier unerschöpfliches Reservoir an eigenen musikalischen Erfindungen zurückgreifen. [weiter]

Kent Nagano will München verlassen

In einem öffentlichen Schreiben gibt der Dirigent Kent Nagano bekannt, dass er für eine Verlängerung seines Vertrag als GMD der Bayerischen Staatsoper über 2013 hinaus nicht zur Verfügung steht. Wörtlich heißt es:

"Angesichts der kulturpolitischen Entwicklungen der letzten Monate in München - am Staatstheater am Gärtnerplatz und bei den Münchner Philharmonikern - und deren Folgen sowohl für den Ruf dieser Institutionen als auch für den der Stadt, habe ich mich entschlossen, für eine Vertragsverlängerung als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper nach dem Sommer 2013 nicht zur Verfügung zu stehen. Mit dieser Entscheidung möchte ich den Schaden, der durch eine Personaldiskussion entstehen und der zu hausinternen Spannungen und Verwerfungen führen kann, von der Staatsoper abwenden.
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Nordische Kühle und Münchner Sonne

Eivind Gullberg Jensen Foto: Paul Bernhard

Dirigent Eivind Gullberg Jensen und Cellist Alban Gerhardt bei den Münchner Philharmonikern

(München, 5. Juli 2010) Dass die Münchner Philharmoniker nach wie vor auf der Suche sind nach einem Chefdirigenten mit Perspektive - fast hätte man es ob des vom Feuilleton angeheizten Kleinkrieges zwischen Bachler und Nagano an der Münchner Staatsoper ganz vergessen: München hat derzeit mehrere dirigentische Baustellen. Lorin Maazel, der bei Amtsantritt 82 sein wird, kann für die Philharmoniker nicht mehr sein als eine Übergangslösung. So läuft also das Casting, um bis 2015 einen jungen Nachfolger mit wohlklingendem Namen und profundem Können gefunden zu haben. Und weil derzeit die Jungen schwer im Kommen sind, hat man sich für die nächste Saison eine ganze Reihe von ihnen eingeladen: Theodor Currentzis, Lionel Bringuier, Kristjan Järvi, James Gaffigan. Noch in dieser Saison kehrte einer wieder, der schon 2008 als Einspringer überzeugt hatte: der junge Norweger Eivind Gullberg Jensen. [Konzertkritik lesen]

Die Münchner Oper verlangt nach mehr

Die Ära von Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper könnte 2013 beendet sein - ein Kommentar

Nikolaus Bachlers Bilanz nach 2 Jahren als Intendant der Bayerischen Staatsoper ist so herausragend nicht, dass er es sich erlauben können dürfte, seine Vertragsverlängerung an den Weggang von Kent Nagano zu knüpfen. Der zuständige Minister Wolfgang Heubisch sollte daher genau abwägen, wo die Stärken und Schwächen sowohl Naganos als auch Bachlers liegen, bevor er über deren jeweilige Zukunft in München entscheidet.
Bachler ist vor allem anderen ein wirkungsvoller Impressario seiner selbst. Er versteht es, sich als gelernter Schauspieler unüberseh und -hörbar in Szene zu setzen. Das kann und will Nagano nicht. Er ist ein Künstler der leisen, aber deshalb nicht weniger gewichtigen Töne.
Dass beide ziemlich gegensätzlich sind und manche Schwierigkeiten miteinander auszufechten haben, liegt auf der Hand. Das hat aber bislang ganz gut funktioniert. Über tiefere Verletzungen drang jedenfalls nichts nach draußen. Wenn Heubisch Nagano nun wohl nicht verlängern will (siehe Meldung auf KlassikInfo.de), gibt es jedenfalls dafür nicht nur Bachler als Grund. [Kommentar lesen]

Magische Momente

Donizettis "Lucrezia Borgia" in der Münchner Produktion von Christof Loy auf DVD

Auch in der Oper ist das keine alltägliche Geschichte: Ein Monster von Mörderin und Giftmischerin wird uns schon zu Beginn von Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" als liebende Mutter präsentiert, die es einen ganzen Abend nicht wagt, sich ihrem Sohn zu offenbaren. Damit setzt sie eine Lawine in Gang, die auch zweimal verabreichtes Gegengift und das Geständnis "Tu sei un borgia - Du bist ein Borgia!" nicht stoppen kann.Christof Loy hat das vor einem knappen Jahr in München auf karger Bühne, die nur den leuchtenden Schriftzug LUCREZIA BORGIA und ein paar Stühle kennt, mit großer Präzision inszeniert. [weiter]

Zweiter Aufguss als Festspielpremiere

Karita Mattila (Floria Tosca), Jonas Kaufmann (Mario Caravadossi) Foto: Wilfried Hösl

Mit einer "Tosca" in Starbesetzung mit Karita Mattila, Jonas Kaufmann und Fabio Luisi am Pult eröffnet die Bayerische Staatsoper ihre Opernfestspiele - nur der Regieaufguss Luc Bondys war nicht unbedingt festspielwürdig

(München, 28. Juni 1010) Toscas "Vissi d'arte" bleibt selbst im szenischen Zusammenhang der erpresserischen, brutalen Nötigung Scarpias zum Beischlaf meist eine Wunschkonzertnummer. Nicht so bei der Premiere zur Eröffnung der Opernfestspiele im Nationaltheater. Denn Karita Mattila zeigt hier, wie in einem Menschen ein ganzes Leben zusammenbricht. Also singt sie den erschütternden Abschied von ihrer Kunst als gefeierte Sängerin und von allen Idealen ihres Lebens wie unter Tränen und am Ende mit fast erstickter Stimme. Das ist die ganz große Kunst einer Sängerdarstellerin auf der Musiktheaterbühne. [Premierenkritik lesen]

Japanisches Kino der 50er Jahre

Foto: Tommaso Le Pera

Die Oper "Gogo No Eiko" von Hans Werner Henze beim Festival dei due Mondi in Spoleto 

(Spoleto im Juni 2010) Gian Carlo Menotti gründete 1957 das Festival dei due Mondi im umbrischen Spoleto, um verschiedene Kunstformen zusammenzubringen: Schauspiel, Musiktheater, Konzerte, bildende Künste und Tanz. Ein Festival, das sehr berühmt wurde, gelang es dem italo-amerikanischen Komponisten, dank seiner ausgezeichneten Beziehungen, doch ganz grosse Namen nach Spoleto zu holen: Lucchino Visconti, Leonard Bernstein, Mstislav Rostropovic etc.
Vor drei Jahren dann die Revolution. Der damalige linke Kulturminister stürzte Francis Menotti, den Sohn des Festivalgründers, der in einer kuriosen Art monarchischer Nachfolge die Verantwortung für diese Sommerveranstaltung übernommen hatte. An Stelle von Francis Menotti wurde der Bühnenregisseur Giorgio Ferrara als künstlerischer Direktor ernannt und Ferrara will alles anders machen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen musikalische Veranstaltungen das Gros des Programms ausmachten. Ferrara, ein Theatermann, zieht das Schauspiel vor. So gibt es in diesem Jahr rund 30 verschiedene Theateraufführungen aber nur einige wenige Konzerte und eine Oper. Die aber hat es in sich. [weiter]

Tristan rappt

Foto: Wilfried Hösl

Christoph Schlingensiefs "Operndorf Afrika" macht Station in München

(München, 23. Juni 2010) Langsam nimmt es Gestalt an, Christoph Schlingensiefs "Operndorf Afrika" namens Remdoogo in Burkina Faso. Seit der Grundsteinlegung Anfang Februar wird in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou auf 14 Hektar gebaut: eine Schule, Film- und Musikklassen, Proberäume, Gästehaus, Theaterbühne, Festsaal, Café, Restaurant, Büros, Werkstätten, Siedlungen, Fußballplatz, Agrarflächen und eine Krankenstation. Architekt ist der aus Burkina Faso stammende international renommierte Francis Kéré.  [weiter]

Ein Ballett-Krimi

Lucia Lacarra, Ivan Liska, Cyril Pierre Foto: Wilfried Hösl

Therence Kohler bringt am Bayerischen Staatsballett sein Stück "Série Noire" heraus.

(München, 22. Juni 2010) Handlungsballett ist ja fast stereotyp gleich Liebesgeschichte. Warum nicht auch einmal ein Ballett als Krimi entwerfen? Damit müssten auch Ballett-Muffel anzusprechen sein. In diesem Sinn hat der Australier Terence Kohler in neunmonatiger "Residenz" beim Bayerischen Staatsballett das abendfüllende "Série Noire" choreographiert, das jetzt im Münchner Prinzregententheater uraufgeführt wurde. Der von Karlsruhes Ballettchefin Birgit Keil (sie gehörte zu den Stars der illustren Stuttgarter John-Cranko-Ära) geförderte Kohler hatte sich 2008 mit seinem Münchner Ballettwochen-Beitrag "Once upon an ever after" auch hierorts als Hoffnungsträger eingeführt. Man war also gespannt. [Uraufführungskritik lesen]

Irdische Längen

Das Münchner Orff-Zentrum stellte Morton Feldmans ausuferndes Streichquartett Nr. 1 zur Diskussion - als Münchner Erstaufführung

(München, 22. Juni 2010) Rund 90 Minuten Musik am Stück: Von einer Mahler-Sinfonie erwartet man so etwas, von Bruckner unter Celibidache vielleicht, aber von einem schlichten Streichquartett? Steht hier nicht die Intimität der Besetzung der Monumentalität der zeitlichen Ausdehnung entgegen? Morton Feldman sah sich 1979 wohl gerade durch solche Überlegungen herausgefordert, als er sich, wie er selbst sagte, mit seinem rund eineinhalb Stunden dauernden ersten Streichquartett "auf gefährliches Terrain" begab, Hörgewohnheiten ignorierend, sich nicht um die Vermarktungsprobleme von Veranstaltern oder Verlagen scherend. Nun hat im Orff-Zentrum ein Streichquartett um Primarius Mark Gothoni die (späte) Münchner Erstaufführung dieses monumentalen Kammermusikwerks gewagt. [weiter]

Kein Mann fürs Grelle

Mieczyslaw Weinbergs Sonaten für Viola solo sind in einer vorbildlichen Einspielung der Münchner Bratschistin Julia Rebekka Adler beim Label NEOS erschienen

Schade, dass Mieczyslaw Weinberg das nicht mehr erleben durfte: Die Musik des 1996 in Moskau verstorbenen polnisch-russischen Komponisten wird derzeit so häufig gespielt wie nie zuvor: Bei den Bregenzer Festspielen steht in diesem Sommer die szenische Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin" an, das Royal Liverpool Philharmonic erkundete kürzlich einen Monat lang Weinberg-Raritäten und das englische Label Chandos brachte eine Reihe von Symphonien heraus. Aus München, wo die großen Orchester um Weinberg bisher noch einen Bogen machen, kommt jetzt ein wichtiger Beitrag zur Wiederentdeckung von Weinbergs Kammermusik: Julia Rebekka Adler, die stellvertretende Solobratscherin der Münchner Philharmoniker, legte beim Label NEOS die erste Gesamteinspielung der Sonaten für Viola solo vor. [CD-Rezension lesen]

Keine Idee in Mahagonny

Ann-Katrin Naidu, Cornel Frey, Stefan Sevenich, Heike Susanne Daum © Herbert Buckmiller

Thomas Schulte-Michels und Andreas Kowalewitz scheitern mit Vorsatz an Brecht/Weills "Mahagonny" am Münchner Gärtnerplatztheater

(München, 18. Juni 2010) Genau das wollte Kurt Weill nicht: große Oper. Und genau das offeriert das Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters in seiner Version von Brecht/Weills Singspiel "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Wenn große Oper in diesem Stück von 1930 vorkommt, dann als Zitat, als Stilelement, nicht als Dauerzustand. Ann-Katrin Naidu als Witwe Begbick und Wolfgang Schwaninger als Jim Mahoney singen aber so, als wären sie in einer Puccini-Oper. Und Andreas Kowalewitz, der für den Chefdirigenten David Stahl eingesprungen ist, peitscht das Orchester auf, als würde er "Aida" in Verona dirigieren. Vom Als-ob-Theater Brecht/Weills ist nichts zu spüren - Themaverfehlung! Auch szenisch. [Premierenkritik lesen]

Tannhäusers Nacht

Christian Gerhaher und Johan Botha Foto: Wiener Staatsoper / Axel Zeininger

Claus Guth gab mit Wagners "Tannhäuser" seinen Einstand an der Wiener Staatsoper. Der zukünftige GMD Franz Welser-Möst hatte die musikalische Leitung

(Wien, 16. Juni 2010) Wenn Christian Gerhaher, der Wiener Wolfram, "O Du mein holder Abendstern" singt, dann hat man den ganzen Abend darauf gewartet - nicht, weil die andern Sänger enttäuscht hätten, im Gegenteil, aber Gerhaher überragt selbst dieses ausgezeichnete Ensemble um Längen. Da sitzt er also in einem Krankenzimmer mit Jugendstildekor und hält sich resigniert eine Pistole an die Schläfe. Wolframs Selbstmordgedanken haben allen Grund. Im Nebenzimmer liegt Tannhäuser halluzinierend im Bett, offenbar wahnsinnig; Elisabeth hat sich gerade eine Überdosis Schlaftabletten in den Mund gestopft. Regisseur Claus Guth hat die Handlung ins Wien der Jahrhundertwende verlegt. Jetzt, im dritten Akt, befinden wir uns im Irrenhaus, genauer gesagt in Wien-Steinhof, wo der Jugendstil-Architekt Otto Wagner ein berühmtes Spital für psychisch Kranke errichtet hat. [Premierenkritik lesen]

Herodes als Vergewaltiger

Foto: Tato Baeza

Francisco Negrin und Zubin Mehta bringen in Valencia eine vor allem szenisch recht drastische "Salome" heraus

(Valencia, 10. Juni 2010) Sie wirkt zunächst nur wie ein dummes junges Mädchen, harmlos und ungefährlich. Doch zunehmend tritt ihr wahrer, böser Charakter hervor und aus der verwöhnten Stieftochter des Herodes wird eine Besessene, die ein Drama heraufbeschwört. In der neuen und beachtlichen Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" im Palau de les Arts in Valencia bietet Regisseur Francisco Negrin, der in der Vergangenheit am gleichen Haus mit zwei ungemein fantasiereichen und witzigen Inszenierungen von Opern des Lokalmatadors Martin y Soler brillierte, ein Psychodrama, erschreckend und gleichzeitig faszinierend. [Premierenbesprechung lesen]

Rock-Lady und Opernstar

(Warschau, 9. Juni 2010) Gastspiel des Stadttheaters Danzig mit "Ariadne auf Naxos" in Warschau anlässlich des 60jährigen Theaterbestehens

(Warschau, 9. Juni 2010) Das Gastspiel des Stadttheaters von Danzig in der polnischen Hauptstadt Warschau, anlässlich des 60jährigen Theaterbestehens, bestand aus zwei Veranstaltungen. Aus einem Ballett, einem Modern-Dance-Abend, bei dem die Geschichte von Romeo und Julia mit Musik von Bach bis Glass nacherzählt wird, als Liebesgeschichte zwischen einer Irakerin und einen spanischen Soldaten der internationalen Friedenstruppen, und der "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss. Eine Aufführung, zu der das Theater Danzig Journalisten aus ganz Europa eingeladen hatte, um auf seine Qualität aufmerksam zu machen. Eine gute Entscheidung, denn bis auf die deutsche Aussprache, die arg zu wünschen übrig liess, wurde eine witzige, geistreiche und extrem gefühlvolle Inszenierung geboten, die man ruhig auch im Westen als Gastspiel zeigen sollte. [Kritik lesen]

Untergang der Bild-Frau

Foto: Armin Bardel

Peter Steins "Lulu"-Inszenierung bei den Wiener Festwochen

(Wien, 11. Juni 2010) Kunst ist immer auch, was die Gegenwart aus ihr macht. Wer heute Alban Bergs "Lulu" sieht, entdeckt im börsencrashigen Paris-Bild erstaunlich Be­kanntes, das lange weit vom aktuellen Leben weggerückt schien. Freilich macht nicht dies die Oper - für den Hörer sicherlich eine der schwierigsten und so gar nicht entspannenden überhaupt - für den heutigen Betrachter interessant, sondern das ewige Thema der Frau, die sich der männlichen Kontrolle nicht nur entzieht, sondern die gegebenen Geschlechterdominanzen umkehrt, ehe sie zu Fall gebracht wird.

Peter Steins "Lulu"-Inszenierung - in Wien ausgeführt von Jean-Romain Vespe­ri­ni, der die originale Produktion in Lyon 2009 mitbetreut hat - sieht sich an wie die Bühne gewordene Umsetzung eines zentralen Satzes jener Rede, die Karl Kraus bei der Uraufführung von Wedekinds "Büchse der Pandora" im Mai 1905 gehalten hat. [Besprechung lesen]

Keine Konzessionen

Das Tecchler Trio Foto: Sigi Müller

Das Tecchler Trio und Klarinettist Sebastian Manz mit einem Geburtstagskonzert für Robert Schumann beim Bayerischen Rundfunk in München

(München, 8. Juni 2010) "Auge gegen Auge, da sieht man die Fetzen alle, die die Blößen verbergen sollen", schrieb Robert Schumann über das kammermusikalische Miteinander, das er so liebte, weil er in ihm ein menschliches und ästhetisches Rückzugsgebiet fand. Unersetzliches hat Schumann für verschiedene kammermusikalische Besetzungen komponiert. Anlässlich seines 200. Geburtstags am 8. Juni hat das Tecchler Trio gemeinsam mit dem Klarinettisten Sebastian Manz einiges davon beim Bayerischen Rundfunk in München präsentiert. [Konzertbesprechung lesen]

Macht, Gewalt und Verlogenheit

Architektur der Macht und graues Jubelvolk in Simon Mayrs "Medea in Corinth" Foto: W. Hösl

In Starbesetzung und mit Altmeister Hans Neuenfels als Regisseur brachte die Bayerische Staatsoper Simon Mayrs Oper "Medea in Corinto" als faszinierendes und spannungsgeladenes Politdrama auf die Bühne

(München, 7. Juni 2010) Gegen die Rachegesänge dieser Medea sind die Zornesausbrüche von Mozarts Königin der Nacht fast ein Säuseln. "Sit Medea ferox" - Medea muß wild sein", schrieb der Librettist Felice Romani als Motto über seine Oper "Medea in Corinto", und der Komponist Simon Mayr nahm dieses Motto bereitwillig auf und setzte es auf durchaus eigene, höchst wirkungsvolle Weise um. So eigen und so wirkungsvoll, dass das Uraufführungspublikum von 1813 mehr irritiert als begeistert war. Erst die Wiederaufnahme brachte dem Werk jenen Erfolg, den es verdiente.
Dennoch geriet "Medea in Corinto", wie auch Simon Mayr als bedeutender Komponist zwischen Klassik und Romantik, in Vergessenheit. Umso erfreulicher, in welch großartiger Besetzung und spannungsvoll-faszinierender Inszenierung diese Medea jetzt an der Bayerischen Staatsoper zu erleben ist. [Premierenkritik lesen]

Musik oder Kochen

Stefan Temmingh

Stefan Temmingh ist auf dem besten Weg, in die erste Liga der Blockflötisten neben Maurice Steger und Dorothee Oberlinger aufzusteigen. Seine letztes Jahr erschienene CD "Corelli à la mode" (Oehms) bekam nur enthusiastische Kritiken, im Herbst erscheint "The  Gentlemen's Flute".

Beim KlassikInfo-Konzert am Freitag, 11. Juni (19.30 Uhr) im Künstlerhaus am Lenbachplatz zeigt er neben dem Lautenisten und Bassisten Joel Frederiksen und an der Seite von Axel Wolf an der Laute das breite Spektrum seines Könnens. Im Interview mit Klaus Kalchschmid erzählt Stefan Temmingh, warum die Blockflöte ein männliches Instrument ist, wie man auf ihr richtig laut spielen kann und was Löwengebrüll dabei zu suchen hat! [Interview lesen]

Mailand

Die Scala - kulturelles Wahrzeichen Mailands Foto: Teatro alla Scala

Wir setzen unsere Reihe "Savoir vivre" mit Hotel- und Restaurantempfehlungen in Opernstädten mit Mailand fort

Mailand ist nicht unbedingt eine der schönsten Städte Italiens. Im Gegenteil. Doch Kunst- und Musikliebhaber kommen in der eher grauen Metropole der Lombardei auf ihre Kosten. Die Brera-Gemäldegalerie gehört zu den wichtigsten ihrer Art Italiens. Das Opernhaus La Scala ist mit Abstand das beste Musiktheater Italiens. Unter der Leitung des französischen Intendanten Stephane Lissner kommen nur auch die Vertreter des Regietheaters nach Mailand, die Fura dels Baus, Robert Carsen und andere. Daneben bietet Mailand eine exzellente Serie von Konzerten aller Art. Chailly, Abbado und Kollegen dieses Kalibers dirigieren regelmässig in Mailand. Jedes Jahr bietet das Festival Mito im Herbst dutzende von Konzerten aller Art und bester Qualität. [weiter]

Auf Chopins Spuren

Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag auf CD und in zwei Biographien

Mehr als jedes andere Komponisten-Jubiläum der letzten Jahre hat Chopins 200. Geburtstag, den er selbst mit dem 1. März 1810 angab, während der nachträgliche Eintrag im Taufregister auf den 22. Februar lautet, die CD-Firmen inspiriert. In zwei 16 bzw. 17 CDs umfassenden Boxen - für den Preis von je nur um die 40 Euro - haben EMI und Deutsche Grammophon das vollständige Werk herausgebracht. Dazu sind auf Einzel-CDs bemerkenswerte, bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren mit Martha Argerich oder Friedrich Gulda erschienen. Auch die jüngere Generation erweist sich als von Chopin infiziert: eine CD von Alexandre Tharaud ("Journal intime") mit einer ganz persönlichen, auch sehr introvertiert gespielten Auswahl folgt seiner hervorragenden Einspielung der Préludes; eine schöne Gesamtaufnahme der Walzer von Alice Sara Ott stehen Mazurken mit Anna Gourari oder Kammermusik mit dem jungen Cellisten Andreas Brantelid gegenüber. Zwei neue Biographien konkurrieren ebenfalls um die Gunst des Lesers, Hörers, Chopin-Liebhabers und Klavier-Fans. [weiter]

KlassikInfo.de als Startseite einrichten

Liebe Leserinnen und Leser von KlassikInfo.de, wir freuen uns sehr, dass unsere Seite auf so großes Interesse stößt.
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Wagner und kein Ende...

Richard Wagner inszeniert von Richard Wagner

Über keinen anderen Komponisten wurde und wird so viel publiziert wie über Richard Wagner. Auch 125 Jahre nach dem Tod des Bayreuther Meisters ist er in der Literatur lebendig wie eh und je, bietet der "Letzte der Titanen" (Joachim Köhler) für Liebhaber wie Wissenschaftler gleichermaßen noch immer genug Stoff, sich an ihm abzuarbeiten.
21 Buch-Neuerscheiungen stellen wir Ihnen auf KlassikInfo anhand kurzer Porträts vor - für alle, die noch nicht genug Wagner-Bücher zu Hause haben...
[hier geht's zum Wagner-Lese-Marathon]