"KlassikInfo ist Pflichtlektüre"
(Hartmut Haenchen)

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KlassikInfo Kalender

17. Mai 1866 - Der Komponist Erik Satie wird in Honfleur in Frankreich geboren

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Meldungen

Waldhaus Konzerte Flims 2012 mit Stars der Klassikszene

Auch in der dritten Saison werden vom 26. Juli bis zum 5. August Stars der Klassikszene bei den Waldhaus Konzerten im schweizerischen Flims zu hören sein. Der Einladung des Festivalintendanten Marcus Bosch, der seit dem vergangenen Herbst Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsphilharmonie...

Anna Netrebko sagt Oper wegen ihres Sohns ab

Anna Netrebko kann aus persönlichen Gründen im Juni/Juli nicht in Mozarts "Don Giovanni" an der Berliner Staatsoper im Schiller Theater mitwirken. In einem Brief an Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und Intendant Jürgen Flimm bittet Anna Netrebko die Staatsoper und ihr Publikum um...

Litauerin gewinnt Salzburg Festival Young Conductors Award

Die Preisträgerin des zum dritten Mal vergebenen "Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award 2012" heißt Mirga Grazinytė-Tyla. Die 25-jährige Litauerin überzeugte am Award Concert Weekend (28.,29. April) in der Felsenreitschule die internationale Jury unter dem Vorsitz von...

"Münchens erstaunlichstes Orchester" wird 60

Den Ruf "Münchens erstaunlichstes Orchester" zu sein, hat sich das  Münchner Rundfunkorchester erhalten. Zum 60. Geburtstag des Ensembles hat Laszlo Molnar mit seiner Dokumentation einen Bilderreigen produziert.Konzerte für Kinder und Jugendliche, Oper, Operette und Musical...

München statt Cannes

Ein neues internationales Fachforum und Festival für klassische Musik mit dem Titel "Classical:NEXT" wird dieses Jahr zum ersten Mal in München stattfinden, vom 30. Mai bis 2. Juni. Das Forum soll all denen eine Möglichkeit der Begegnung und des Ideenaustauschs bieten, die auf dem...

Das Tokyo String Quartet löst sich auf

Das legendäre, seit 1969 bestehende Tokyo String Quartet wird sich im kommenden Jahr auflösen. Das gaben die Musiker jetzt bekannt. Gründe für diese Entscheidung nannten sie nicht. Zunächst sollten 2013 zwei Stellen neu besetzt werden, jetzt entschied man sich für die Auflösung. Der Bratscher...

Maurizio Pollini muss erneut Konzerte absagen

Maurizio Pollini muss auf ärztlichen Rat hin seine kommenden Konzerte absagen. Hiervon betroffen ist auch sein Konzert am 7. Juni um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie, das bereits vom 18. März auf diesen Abend verschoben wurde. Da dieses zu keinem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden kann, müssen...

Koreanischer Kunstpreis an Unsuk Chin

Die aus Seoul stammende Komponistin Unsuk Chin erhält den Ho-Am Prize in the Arts. Der Preis, der umgerechnet mit 200.000 Euro dotiert ist, wird jährlich vergeben und ist die angesehenste Auszeichnung, die in Korea an Künstler verliehen wird. Der Preis, der seit 1991 existiert, würdigt...

Laufenberg droht mit Absage einer kompletten Spielzeit an der Oper Köln

Der Intendant der Kölner Oper, Uwe Eric Laufenberg, hat angesichts der angespannten Haushaltslage an seinem Haus mit der Absage einer gesamten Spielzeit gedroht. Während Kritiker Laufenberg vorwerfen, er überziehe seinen Haushalt, spricht dieser von einer "Unterfinanzierung" des Hauses....

Barrie Kosky erhält Laurence Olivier Award für seine Inszenierung von Castor und Pollux

Der Laurence Olivier Award für die beste neue Opernproduktion geht in diesem Jahr an Jean-Philippe Rameaus Oper »Castor und Pollux« in der Inszenierung von Barrie Kosky. Die Koproduktion der English National Opera mit der Komischen Oper Berlin ist in der Spielzeit 2013/14 in Berlin zu sehen....

Mythos Amerika beim Musikfest Berlin 2012

Amerikanische Komponisten und die Musik von Arnold Schönberg stehen im Fokus beim Musikfest Berlin 2012 der Berliner Festspiele, dass in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker vom 31. August bis 18. September 2012 veranstaltet wird. Zum Berliner Konzertsaisonstart präsentiert das...

Flimm und Barenboim stellen das Programm der 3. Spielzeit der Staatsoper im Schiller Theater vor

Auf der heutigen (12.4.) Pressekonferenz der Berliner Staatsoper stellten Intendant Jürgen Flimm und General­­musikdirektor Daniel Barenboim das Programm der Spielzeit 2012/2013 vor, der dritten Saison der Staatsoper im Schiller Theater. Besondere Akzente setzen in der Spielzeit 2012/2013 sieben...

Endspurt für die Ausschreibung 2012 der Akademie Musiktheater heute

Bis zum 31. Mai 2012 können sich Studierende und Berufsanfänger aus dem Bereich des Musiktheaters noch um eines der begehrten Stipendien der "Akademie Musiktheater heute" bewerben. Jedes Jahr werden bis zu 15 Stipendien an junge Bühnenbildner, Dirigenten, Dramaturgen, Komponisten,...

"Mercury Classics" will klassische Musik im 21. Jahrhundert neu definieren

Die Universal Music Group startet mit "Mercury Classics" ein neues Klassik-Label, das künftig neben Deutsche Grammophon und Decca agieren wird. "Mercury Classics" soll ein "Zentrum für kreative Talente werden, die einen eigenständigen und frischen Blick auf die klassische...

Machbarkeitsstudie für einen neuen Konzertsaal am Deutschen Museum München

Um die weitere Diskussion über das Für und Wider eines Konzertsaals auf der Museumsinsel "auf eine solide sachliche Basis" zu stellen, gibt das Kunstministerium eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Der Haushaltsausschuss des Bayerischen Landtages hat heute (29. März 2012) die rechtlichen...

Wiener Staatsopernsaison 2012/13 - unaufgeregt wienerisch

Unaufgeregt präsentierte die Wiener Staatsoper heute ihr Programm für die Saison 2012/2013, das sich im Rahmen des vom Publikum ohne große Auf­regung Akzeptierbaren bewegt. Fünf Premieren sind angekündigt. Als erste Produktion kommt Christoph Willibald Glucks "Alceste" in der...

Gärtnerplatztheater-Sanierung - Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

Die letzten 30 Vorstellungen im historischen Theatergebäude am Gärtnerplatz sind angebrochen. Am 2. Mai 2012 beginnt dort die umfassende Gebäudesanierung und damit für das Staatstheater eine Zeit der Wanderschaft. Derzeit läuft der Umzug in die provisorischen Arbeitsstätten in München-Ramersdorf....

Neue Szenen - Internationaler Kompositionswettbewerb

Neue Szenen für das Musiktheater. Die Deutsche Oper Berlin schreibt in Kooperation mit der Hochschule für Musik Hanns Eisler in diesem Jahr zum ersten Mal den Internationalen Kompositionswettbewerb "Neue Szenen" aus. Die drei Gewinner des Wettbewerbs erhalten ein Stipendium zur...

Kristallin

Der mit dem Flügel tanzt: Ingolf Wunder Foto: Patrick Walter

Der Pianist Ingolf Wunder begeistert bei den Münchner Symphonikern mit dem zweiten Chopin-Konzert

(München, 14. Mai 2012) Das zweite Klavierkonzert von Frederic Chopin, das Alexei Volodin gerade erst mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie gespielt hat, sind noch nicht verklungen, da ist das Werk schon wieder in München zu hören. Und obwohl der 35jährige russische Pianist auf den großen Konzertpodien der Welt zu Hause ist, machte ihm der nachrückende Kollege Ingolf Wunder, der 2010 beim berühmten Warschauer Chopin-Wettbewerb Zweiter wurde, etwas vor: Vor allem, was die Klarheit in der Artikulation betrifft schnitt der 26jährige Österreicher bei seinem Debüt mit den Münchner Symphonikern besser ab. [Konzertkritik lesen]

In der Drehmaschine

Foto: A.T. Schäfer

Andrea Moses inszeniert in Stuttgart einen verstörend brutalen "Wozzeck" von Alban Berg

(Stuttgart, 12. Mai 2012) Die sonst bei geschlossenem Vorhang erklingende große Orchesterzwischenspiel zwischen dem Tod Wozzecks und der Schlussszene, in der Kinder zur Leiche der ermordeten Marie laufen, ist "Bekenntnis des Autors als ein Appell an das gleichsam die Menschheit repräsentierende Publikum", so Alban Berg. Sie rekapituliert noch einmal - ähnlich dem Trauermarsch nach Siegfrieds Tod in der "Götterdämmerung" - ein ganzes Leben. Berg kombiniert die Motive von Hauptmann und Doktor, kulminierend im "Wir arme Leut'"-Motiv und der "alles übertönenden" Posaunen-Version von Wozzecks Thema aus der Szene mit seinen Widersachern Hauptmann und Doktor - als gleichsam vergebliches letztes Aufbäumen. [Premierenkritik lesen]

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Packende Flüstermusik

Claudio Abbado Foto: Berliner Philharmoniker

Claudio Abbado dirigierte bei den Berliner Philharmonikern Schumann und Berg - Anne Sophie von Otter sang die "Altenberg-Lieder"

Berlin 10./11. und 13. Mai. Auftritte der Berliner Philharmoniker unter ihrem früheren Chefdirigenten Claudio Abbado versprechen immer einen Höhepunkt der Saison. Traditionell im Mai, einen Monat vor seinem Geburtstag, gestaltet der 78-Jährige mit ihnen drei Abonnementkonzerte als Gastdirigent.
Der mittlerweile 78-Jährige muss sich nichts mehr beweisen, leistet sich den Luxus, Musik allein aus Freude zu betreiben, mit befreundeten Solisten, die uneitel wie er selbst hinter den Komponisten zurücktreten.  Auch seine Programme wirken nie beliebig, sind immer durchwoben von einer aufschlussreichen feingliedrigen Beziehungskette. [Konzertkritik lesen]

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Schostakowitsch mediterran

Riccardo Muti und das Chicago Symphony Orchestra Foto: Todd Rosenberg

Riccardo Muti mit dem Chicago Symphony Orchestra zum ersten Mal in Italien

(Rom, 27. April 2012) Riccardo Muti kam zum ersten Mal mit "seinem eigenen Orchester" nach Russland und Italien. "Sein Orchester", das sind die Musiker des Chicago Symphony Orchestra, das als eines der besten der USA gilt. In Italien war es nur selbstverständlich, dass der italienische Dirigent sich mit seinem Orchester in Rom dem Publikum präsentierte. In der Staatsoper natürlich, die Muti vor einigen Monaten zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannt hatte, und in der der Süditaliener seit knapp 2 Jahren nicht nur musikalisch den Ton angibt. Auch wenn Muti den Posten als musikalischer Direktor ausgeschlagen hat, um das US-Orchester zu leiten, dominiert der Dirigent das römische Haus. Ohne sein Plazet wird weder die Saison zusammengestellt, in der er jeweils 2 Opern dirigiert, noch werden wichtige Rollen ohne sein "si" besetzt. So ist es nicht übertrieben, von der Staatsoper auch als von der "Muti-Oper" zu sprechen. [weiter]

Zwei Stimmen - eine Seele

Anna Netrebko Foto: Felix Broede/DG

Anna Netrebkos russischer Liederabend mit Daniel Bareboim zur Festwocheneröffnung im Wiener Musikverein

(Wien, 7. Mai 2012) Selten genug kann man heutzutage von außergewöhnlichen Liederabenden berichten. Der erste Tag der diesjährigen Wiener Festwochen bietet Anlaß dazu. Hatte am Vormittag Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern das Eröffnungskonzert (mit einer sehr dynamischen "Großen" C-Dur-Symphonie von Schubert im Zentrum) bestritten, so stand am Abend ein russischer Liederabend mit Anna Netrebko und Daniel Baren­boim auf dem Programm. Das Programm selbst - Lieder von Rimsky-Kor­sakoff und Peter Iljitsch Tschaikowsky - war nicht neu: Das haben die bei­den schon 2009 in Salzburg, später in Berlin und dann sogar auf CD zum Be­sten gegeben. (Und ganz aktuell hatte Netrebko das nämliche Programm drei Tage vor dem Wiener Konzert in der Pariser Salle Gaveau, allerdings mit einer anderen Pianistin und Daniel Barenboim nur als Zuhörer, gesungen.) [weiter]

Kölner Oper segelt hart am Wind

Der Holländer (Samuel Youn) und Senta (Erika Sunnegårdh) Foto: Paul Leclaire

Dietrich Hilsdorf bringt an der gebeutelten Kölner Oper einen spannenden "Fliegenden Holländer" heraus

(Köln, 4. Mai 2012) Diese Premiere war etwas besonderes. Denn sie war die letzte, die im Kölner Opernhaus vor der großen Sanierung stattfand. Nichts wird danach mehr so sein wie vorher. Aber nicht deswegen fing sie schon vor der Tür an! Eine Ratsfraktion verteilte Handzettel unter der Überschrift "Die Oper - ein Trauerspiel?" und forderte auf, eine Petition "für unsere Oper Köln" zu unterschreiben. Dann im Foyer Kommentare und Zitate auf Zetteln an den Wänden: "Kämpfen Sie weiter für ihre großartige Oper und ihren Intendanten" oder "Wer nicht erstklassig Fußball spielt, sollte als Millionenstadt eine erstklassige Oper haben". Zur Petitionsunterschrift durfte nämlich gebloggt werden. [Premierenkritik lesen]

Man ist den Kontrollfunktionen hier nicht gerecht geworden

Georg Quander in seinem Büro im Dezernat VII der Stadt Köln. Der Chef für Kunst und Kultur hat in Köln zur Zeit keinen leichten Stand Foto: S. Weber

Interview mit Georg Quander, dem Kölner Kulturdezernenten zum aktuellen Opernstreit.

(4. Mai 2012) Köln hat mal wieder das, was es liebt, aber eigentlich nicht brauchen kann: einen Kultureklat! Der Opernintendant Uwe Eric Laufenberg hat die Oper Köln öffentlich zu einem "todkranken Patienten" erklärt. Die Premiere vom "Fliegenden Holländer" am vergangenen Freitag, dem 5. Mai, war von Aufrufen zur Rettung des Patienten bis hin zu politischen Kampfansagen gegen die vermeintlichen "Krankmacher" begleitet (siehe gesonderter Bericht). Aber leidet der Patient jetzt an Adipositas oder Karexie - an Über- oder Unterernährung? Eine einzige Diagnose ist zur Zeit gesichert, die, dass der Kölner Bühnenbetrieb hart am Rande der Illegalität gearbeitet hat. Denn die Spielzeit 2011/12 ist ohne Wirtschaftsplan zu Ende gegangen. Das ist verwaltungsrechtlich nicht zulässig. Und dafür zeichnet der Opernintendant mitverantwortlich. Den Wirtschaftsplan hätte er, zusammen mit der Schauspielchefin Karin Beier und dem geschäftsführenden Intendanten Patrick Wasserbauer (Betriebsleitung der Bühnen Köln) erstellen und zur Genehmigung vorlegen müssen. Dennoch wurde in der Oper gespielt, qualitativ hochwertig, vor allem teuer und ohne Kontrolle. Schulden in Höhe von etwa 6 Millionen Euro, so wird geschätzt, sollen angefallen sein. Das Defizit wird allerdings nicht nur, aber zum großen Teil ein Operndefizit sein. Jetzt soll, jetzt muss ein bezahlbares Maß wieder hergestellt werden.
Das Gespräch mit dem Kölner Kulturdezernenten Georg Quander führte Sabine Weber

Vorstufen

Das Trio Zimmermann mit Beethoven-Trios zu Gast in München

(München, 28. April 2012) Was macht ein Weltklassegeiger, wenn alle wichtigen Werke dutzendfach aufgeführt, alle wichtigen Orte und Orchester bereist, mit allen wichtigen Dirigenten konzertiert wurde? Nun, nach so vielen Jahren an der Weltspitze wie bei Frank Peter Zimmermann bleibt es nicht aus, dass man sich bei allem Engagement und aller nicht nachlassenden Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Repertoire doch auch mal nach etwas Abwechslung sehnt. Kammermusik ist für viele Solisten eine willkommene Abwechslung im solistischen Alltag. So auch für Frank-Peter Zimmermann, der bereits früher hin und wieder mit Kollegen wie Christian Zacharias oder Heinrich Schiff musizierte und 2008 schließlich sein eigenes Ensemble gründete: das Trio Zimmermann mit dem Bratscher Antoine Tamestite und dem Cellisten Christian Poltera. [Besprechung lesen]

Ungelebte Liebe

Foto: Regine Körner/Biennale

Die 13. Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater wird mit Sarah Nemtsovs "L'Absence" eröffnet

(München, 3. Mai 2012) Die Bläser knallen oder verdichten sich zu messerscharfen Akkorden, scharfe Spitzen bohren sich ins Ohr, Papier raschelt, a-rhythmischer Trommelwirbel signalisiert einen gespenstischen Marsch. Auf einmal wiegt das solistische Zymbal oder ein Akkordeon den Hörer in der Sicherheit einer trügerischen Idylle, bevor sofort wieder eine gellende Dissonanz über ihn hereinbricht: Sarah Nemtsovs Musik führt in der Muffathalle ein faszinierendes Eigenleben und man würde sich 95 Minuten lang gerne auf das Orchester konzentrieren, wie das in den dicht komponierten Zwischenspielen möglich ist; sich ganz einem Orchester widmen, das an lauten Stellen oft die Sänger überdeckt. Aber es findet ja noch etwas auf der Bühne statt, es gibt den singenden Menschen, die Ansätze einer Handlung, poetischen Text. [Uraufführungskritik lesen]

Eine Oper auf vielen Treppen und zwischen etlichen Stühlen

Christine Schäfer als Ophelia Foto: Theater an der Wien

Ambroise Thomas´ "Hamlet" am Theater an der Wien

(Wien, 28. April 2012) Es gibt Opern, die haben hartnäckig einen gemischten, um nicht zu sagen, ziemlich schlechten Ruf. Amboise Thomas' "Hamlet" zählt zu dieser Spezies, der viele bescheinigen, hier sei an Shakespeare Verrat begangen worden. Nun soll man künstlerische Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, aber kommt nicht auch Mozarts "Don Giovanni" einem "Verrat" an Tirso de Molinas Drama gleich? Warum zögern wir mit unseren raschen Verdikten bei Verdi ("Macbeth") und Mozart und urteilen so harsch über den französischen Komponisten? [Besprechung lesen]

Blessuren in menschlichen Abgründen

Petra Schmitz ist Rusalka Foto: MiR

Am Musiktheater im Revier inszeniert Elisabeth Stöppler Antonin Dvoraks letzte Oper "Rusalka"

(Gelsenkirchen, 29. April 2012) Während des Vorspiels öffnet sich bereits der Blick auf die Bühne - ein grell weißer, von oben indirekt beleuchteter Guckkasten (Bühnenbild: Annett Hunger). Er ist zunächst eine öde Geisterwelt, dann eine von schwarzen Anzugmännern herrisch durchdrungene Menschenwelt, die mit Wandschmierereien verunstaltete Zelle einer Wahnsinnigen, zum Schluss ein Schlachtfeld. Scheinwerfer werfen Lichtkegel und fokussieren. Nur die Personen bestimmen den Raum und eine dramatische Geschichte. Ein naives Naturkind träumt von der großen Liebe. Und scheitert, denn den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Liebe ist sie nicht gewachsen. Ihre kühle absolute Liebe wird zeitweilig von einer leidenschaftlichen Gräfin ausgebootet, das hält sie nicht aus. Und der Prinz erkennt zu spät, dass Leidenschaft und Liebe nicht dasselbe sind. [Opernkritik lesen]

Kein Klassik-Püppchen

Khatia Buniatishvili Foto: Esther Haase/Sony Classical

Khatia Buniatishvili debütierte mit dem Grieg-Konzert fulminant bei den Münchner Philharmonikern, Paavo Järvi dirigierte

(München, 29. April 2012) Man sollte sich von Khatia Buniatishvilis blendendem Aussehen nicht täuschen lassen: Auch wenn sie in High-Heels auf die Bühne stackst, gehört sie nicht zu den Klassik-Püppchen, die der Marketing-Direktor eines Major-Labels nach dem Bewerbungsfoto gecastet hat. Die 24-jährige Georgierin hat musikalisch so enorm viel zu sagen, dass man nach all den Alice Sara Otts und HJ Lims fast ein wenig erstaunt ist, dass sich soviel Substanz in der Klassik-Szene heute noch durchsetzen kann.
Wie Buniatishvili das vermeintlich bis zum Überdruss abgenudelte Grieg-Konzert neu erfand, das war sensationell. [Konzertkritik lesen]


Bach vor Bruckner

Michael Sanderling Foto: Marco Borggreve/Agentur

Dresdner Philharmoniker unter Michael Sanderling mit Bruckners Fünfter zu Gast in Köln

 (Köln, 26. April, 2012) Der Dirigent Michael Sanderling ist Kölner Musikfreunden durch Aufführungen von Sergej Prokofjews "Krieg und Frieden" zu Beginn dieser Spielzeit nachhaltig ins Gedächtnis gerückt. Dabei ist er auf dem Terrain der Oper eher selten tätig. Seit dieser Saison leitet Sanderling die Dresdner Philharmoniker, die - anders als die Sächsische Staatskapelle, welche Dienste auch in der Semper-Oper absolviert - primär als Konzertorchester fungieren. Demnächst werden sie in den renovierten Kulturpalast einziehen, ein architektonisches Relikt aus DDR-Zeiten, hinsichtlich akustischer Belange jedoch offenkundig ein ideales Forum. Die Kölner Philharmonie bleibt dennoch ein gerne frequentierter Gastspielort, wo man das Orchester in den letzten Jahren vor allem unter seinem bisherigen Chef Rafael Frühbeck de Burgos erlebte. [Konzertkritik lesen]

Anpassung, Protest und Transzendenz

Zwei Festivals beschäftigten sich mit aktueller geistlicher und spiritueller Musik - in St. Petersburg und in Köln

(St. Petersburg, 18., 19. April) Kirchenmusikalische Traditionen in der Neuen Musik - in der vergangenen Woche war das Thema eines Kompositionswettbewerbs in Sankt Petersburg und Thema beim Forum neuer Musik in Köln. Die Koinzidenz war Zufall. Die Zielsetzungen auch völlig entgegen gesetzt. Doch der Vergleich beider Veranstaltungen reizt. Beim ersten Internationalen Sankt Romanos Melodos Wettbewerb in Petersburg waren Komponisten aufgefordert, neue russisch-orthodoxe Chormusik zu schreiben. 11 prämierte Werke wurden in zwei festlichen Galakonzerten präsentiert. In Köln öffnete das Forum neuer Musik im Deutschlandfunk seine Tore. Unter dem Titel Komponieren als Dialog mit Gott wurde nach kirchenmusikalischen Bezügen in Neuer Musik gefahndet und über religiöse Haltungen beim Komponieren nachgedacht. Komponisten kamen in Podiumsdiskussionen zu Wort. Das Festival lud über drei Tage ebenfalls zu zahlreichen Uraufführungen. [weiter]

Entspannung nach Aufgewühltheit

Antonio Pappano Foto: Musacchio & Ianniello/EMI Classics

Wiener Philharmoniker unter Antonio Pappano mit Haydn, Widmann und Brahms zu Gast in Köln

(Köln, 25. April, 2012) Die Wiener Philharmoniker haben in Köln seit Jahren eine Heimstatt. Die Kontakte zu den Intendanten der Philharmonie laufen seit Franz Xaver Ohnesorg (heute Leiter des Klavierfestivals Ruhr) bis heute (Louwrens Langevoort)  bestens. Das aktuelle Saisonheft verzeichnet vier Auftritte des Wiener Spitzenorchesters. Valery Gergiev dirigierte im Januar, Daniele Gatti wird man im Oktober begegnen, im Februar 2013 schwingt Franz Welser-Möst den Stab. Jetzt war Antonio Pappano chef du musique. "Sir" Antonio ist inzwischen korrekterweise zu sagen, denn der in London geborene, in den USA aufgewachsene  Sohn italienischer Eltern ist im Januar dieses Jahres zum Ritter geschlagen worden. [Konzertbesprechung lesen]

Im Steinbruch

Frank Peter Zimmermann Foto: Sony Music/Franz Hamm

Jukka-Pekka Saraste dirigiert Brahms und Sibelius beim WDR Sinfonieorchester, Frank Peter Zimmermann spielt Strawinskys Violinkonzert

(Köln, 21. April, 2012) Die Nationalität eines Dirigenten prägt naturgemäß das Repertoire eines Orchesters mit. Das gilt auch für das WDR Sinfonieorchester Köln. Nach seiner Gründung 1947 wurde es für fast zwei Jahrzehnte nur von (meist berühmten) Gastdirigenten geleitet. Die vorhandenen Aufnahmen interessieren heute die Phonoindustrie. Unter den "Cologne Broadcasts" befinden sich Einspielungen u.a. mit Sergiu Celibidache, Joseph Keilberth, Otto Klemperer und Georg Solti. Von den späteren Chefs sind hauptsächlich Gary Bertini und Semyon Bychkov präsent. Auch von Jukka-Pekka Saraste, seit 2010 im Amt, wurden bereits Einspielungen veröffentlicht und z.T. preisgekrönt (Mahler IX). Ein Werk seines Landsmanns Jean Sibelius ist, so weit zu sehen, noch nicht darunter. Sein jüngstes Konzert in der Philharmonie eröffnete der finnische Maestro dafür mit einer echten Rarität: "Der Barde", opus 64. [Besprechung lesen]

Keine Experimente

Juan Francisco Gatelli (Almaviva), Paolo Bordogna (Bartolo) Foto: Silvia Lelli

Die sehens- und hörenswerte Neuproduktion von "Il barbiere di Siviglia" von Gioachino Rossini belegt den Genesungskurs der Oper Rom

(Rom, 19. April 2012) Im Fall der Staatsoper Rom kann man ohne Übertreibung von einer Wiedergeburt, einer Renaissance, sprechen. Vor knapp drei Jahren verzeichnete das Haus rund 11 Mio. Euro Schulden. Heute sind die Schulden vergessen. Im Gegenteil: das Haus verfügt über ein solides finanzielles Fundament und kann seine zweite Bühne, das Teatro Nazionale, ausbauen, um sie ebenfalls regelmäßig für Veranstaltungen zu nutzen. Endlich gibt es einen modernen Probensaal, der auch für Einspielungen genutzt werden kann, und die sommerlichen Opernveranstaltungen in den antiken Caracalla-Thermen präsentieren sich in diesem Jahr als ein neues Festival mit einem reichen Veranstaltungskalender, der von Monteverdi bis Puccini reicht. [Premierenkritik lesen]

Klinisch

Nikolai Tokarev und das Kölner Kammerorchester

(Köln, 19. April, 2012) Ein Jahr ist es her, dass Christian Ludwig seine Chefposition beim Kölner Kammerorchester beendete, um die Leitung des Gwangju Symphony Orchestra in Südkorea zu übernehmen (für den Sohn des Pianisten Günter Ludwig gibt es da mütterlicherseits Wurzeln). Christian Ludwig war 2008 als Nachfolger von Helmut Müller-Brühl gewählt worden, welcher den Klangkörper 45 Jahre lang geprägt hatte. Mit ihm hatte er in einem Jahrzehnt um 1980 mit historischer Spielpraxis experimentiert (Name in dieser Zeit: Capella Clementina), die er bei der Neuorientierung an große Konzertsäle prinzipiell, aber nicht akademisch beibehielt. Seine Repertoireorientierung (Barock bis Mozart) wurde teilweise als eng empfunden. [weiter]

Schubert auf Sylt

Dejan Lazic Foto: Monika Goecke

Das Sylt Art Festival mausert sich im fünften Jahr seines Bestehens zu einem Kunst-Highlight der Insel

(Sylt, im April 2012) Schubert auf Sylt, das ist wie Labskaus am Wiener Prater, möchte man meinen. Die Unterschiede in der Mentalität zwischen Wiener Weltschmerzlerei und nordfriesischer Bodenständigkeit sind geradezu erschlagend. Auf der anderen Seite ist das Wechselspiel von Wind, Wolken, Licht und Meer auf der sturmumtosten Nordseeinsel wiederum ein gar nicht so unpassendes Pendant zu Schuberts Musik mit ihren beständigen Wechseln aus hell und dunkel und den unzähligen Abstufungen dazwischen.
Vielleicht hat Dejan Lazic ja an so etwas gedacht, als er für seinen Auftritt beim Sylt Art Festival ein reines Schubertprogramm wählte, vielleicht war es auch einfach sein Faible für Schubert. [weiter]

Bukolische Ruinen

Foto: Opéra comique

Die Opera Comique in Paris zeigt "L'Egisto" von Francesco Cavalli in einer historisierenden Inszenierung
 
(Paris, im März 2012) Es ist keine leichte Sache eine Oper aus der Mitte des 17. Jahrhunderts so aufzuführen, dass man einen Eindruck davon bekommt, wie sie damals, vor über 300 Jahren, auf die Zuschauer gewirkt hat. Der junge französische Regisseur Benjamin Lazar versuchte genau das. Mit Kerzen- und ganz diskreter elektrischer Beleuchtung zauberte er das Licht des barocken Theaters auf eine moderne Bühne. [weiter]

Mit Defiziten

Georg Nigl Foto: Bernd Ulig

Der Kölner Liederabend von Georg Nigl, begleitet von Tzimon Barto

(Köln, 15. April, 2012) In der Kölner Philharmonie gehört "Die Kunst des Liedes" zu den festen Veranstaltungsreihen, auch wenn das große Auditorium im Grunde kein idealer Aufführungsort für diese Kunstform ist. Dass der Musikstadt Köln ein echter Kammermusiksaal fehlt, ist seit Jahren als Defizit bekannt und benannt, ohne dass eine Änderung der Situation in Aussicht wäre. Immerhin sorgt eine stärkere Abdunkelung als üblich für gewisse Intimität, die aber natürlich nicht dazu führt, dass man die Liedtexte im Programmheft nicht mehr verfolgen kann. Bei einem geläufigen Zyklus wie Robert Schumanns "Dichterliebe" würde das ja vielleicht noch angehen, nicht aber bei Unbekanntem etwa von Wolfgang Rihm, das der Bariton Georg Nigl auf das Programm seines Kölner Soloabends gesetzt hat. [weiter]


Nur keine Langeweile

Foto: Marito Disperato

"Il marito disperato" von Domenico Cimarosa im Teatro di Corte in Neapel

(Neapel) Das Teatro San Carlo in Neapel ist eines der ältesten und schönsten Opernhäuser Europas. Nie zerstört, strahlt es noch den ganzen Charme vergangener Jahrhunderte aus. In den letzten Jahren kam dieses Theater immer wieder ins Gerede, weil es zunehmend in rote Zahlen rutschte. Die Regierung Berlusconi schickte schliesslich Salvatore Nastasi als kommissarischen Verwalter an das San Carlo, der ein Wunder vollbrachte. Heute präsentiert sich das Haus schuldenfrei, komplett restauriert und modernisiert und mit einem Spielplan, der sich sehen lassen kann. [weiter]

Cleopatra ist die erste emanzipierte Frau

Cecilia Bartoli Foto: Alberto Venzago

Erstmals zeichnet in diesem Jahr Cecilia Bartoli für das Programm der Salzburger Pfingstfestspiele verantwortlich. Hauptwerk ist Händels "Giulio Cesare", in dem sie die weibliche Hauptrolle singt: Cleopatra. Über ihre neue Aufgabe als Festivalintendantin sprach Kirsten Liese mit Cecilia Bartoli.

KlassikInfo: Frau Bartoli, in der Nachfolge von Riccardo Muti haben Sie die Leitung der Salzburger Pfingstfestspiele ab 2012 übernommen. Die Festspiele gewinnen damit einen großen Namen, welche Chancen verbinden sich damit für Sie?

Bartoli: Ich bin gewohnt, projektbezogen zu arbeiten, seit 20 Jahren mache ich das und es liegt mir auch sehr. Entsprechend habe ich auch in den vergangenen Jahren meine Konzertprogramme und CD-Einspielungen thematisch ausgerichtet ("Sospiri", "Sacrifium") oder ausgewählten Persönlichkeiten gewidmet, zum Beispiel  Maria Malimbran oder Antonio Vivaldi. In Salzburg habe ich nun auch Gelegenheit, Programme für andere Kollegen zu machen. Das ist eine neue große Herausforderung. [zum Interview]

Schwieriges Liszt-Erbe

Wiener Akademie Foto: Lukas Beck

In Raiding im Burgenland wurde Franz Liszt geboren - auch nach dem Jubiläumsjahr 2011 will die Stadt sich als Liszt-Stadt profilieren, u.a. mit Auftritten von Stars wie Evgeny Kissin und Maurizio Pollini. Eindrücke vom ersten "Event" dieses Jahres.

(Raiding, im März 2012) Lange Zeit galt das Burgenland in jeder Hinsicht als Entwicklungsland. An der Grenze zu Ungarn am Eisernen Vorhang gelegen, war es eine Enklave der 3. Welt in Mitteleuropa, ein gleichsam agrari­sches Sperrgebiet, das Baugast­arbeiter nach Wien lieferte. Und etwas von all dem ist auch heute noch le­ben­dig. Dazu genügt es, am Abend die Hauptverkehrsadern zu verlassen und ohne Navi zu versuchen, einen der vielen kleinen Orte zu erreichen. Ob und wann man dort ankommt, ist freilich purer Zufall. Die Hinweisschilder reichen meist nur bis nächsten Ortstafel oder geben - was genauso schlimm ist - ein größeres Dorf an, ohne das Dazwischen zu beleuchten. [weiter]

Ein Albtraum an Gefühllosigkeit

Lulu (Mojca Erdmann ) traktiert Dr. Schön (Michael Volle) mit der Brechstange Foto: Bernd Uhlig


Alban Bergs letzte Oper "Lulu" von 1936 mit dem unvollendeten 3. Akt ist aufführungsgeschichtlich ein obsessives Thema. Nachdem Friedrich Cerha - wider den ausdrücklichen Willen der Witwe Helene Berg - den 3. Akt komplettierte und diese Fassung 1976 - nach Helene Bergs Tod - in Paris (Pierre Boulez) und in Frankfurt (Michael Gielen) Maßstäbe gesetzt hat, ließ die Universaledition 2008 einen weiteren 3. Akt von Eberhard Kloke zu. Diese Fassung ist in Kopenhagen 2010 über die Bühne gegangen. Jetzt ist eine dritte kreiert worden.
Der Assistent Daniel Barenboims, der Komponist David Robert Coleman, hat die fehlenden Takte der Londonszene im 3. Akt für Berlin neu bearbeitet. Denn Regisseurin Andrea Breth wollte die turbulente und kabarettistische Pariser Szene streichen, und angeblich ließ das die Universaledition weder in der Cerha-, noch der Klokefassung zu. Die Berliner Fassung hat jetzt im Berliner Schillertheater, der derzeitigen Ausweichspielstätte der Staatsoper unter den Linden, eine bedrückende Neuinszenierung erlebt. [Premierenkritik lesen]

Henze von Leoncavallo ausgelöscht

Jörg Schneider (Chanfalla), Karl-Michael Ebner (Der Knirps), im Hintergrund: Ensemble Foto: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wieder ein misslungener Versuch, "I pagliacci" nicht mit "Cavalleria rusticana" zu koppeln

(Wien, 31. März 2012) Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben; und man gibt sie auch nicht auf. Dann geht man hin, und es war wieder nix. Die Besuche in der Wiener Staats- und Volksoper wollen wohldosiert sein. Also sucht man sich eine Premiere aus, die nach interessanter Abwechslung vom Alltag klingt: An der Volksoper stand das Experiment an, Leoncavallos "Bajazzo" (in deutscher Fassung) mit Hans Werner Henzes so gut wie nie gespieltem frühen Einakter "Das Wundertheater" (nach einem burlesken Intermezzo von Cervantes) zu kombinie­ren. Ursprünglich als Schauspielstück mit Musik konzipiert, hat Henze es später in eine böse Oper umgewandelt, in welcher der "Wundertheaterdirektor" Chanfalla, dem Publi­kum - den Dorfbewohnern - einredet, es könne die "Wunder" - unter anderem den erotischen Auftritt der Herodias - nur sehen, wenn es christlich und ehrlich sei. Das könne sich, so Henzes ironi­scher Kommentar, "überall und jederzeit" wie­derholen. [Premierenkritik lesen]

Fantastisches Münchner Konzert des Boulanger Trios zum fünfjährigen Bestehen von KlassikInfo

Boulanger Trio - Karla Haltenwanger, Klavier, Birgit Erz, Violine, Ilona Kindt, Cello Foto: Irène Zandel

Zum fünfjährigen Bestehen von KlassikInfo spielte das Boulanger Trio Werke von Haydn, Ravel und Schubert im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz - und begeisterte das Publikum.

"So interpretiert zu werden, ist wohl für jeden Komponisten ein Wunschtraum", schwärmte der Komponist Wolfgang Rihm über die Interpretation eines seiner Werke durch das Boulanger Trio. Haydn, Schubert und Ravel können dieses Kompliment nicht mehr aussprechen - aber wenn sie es gekonnt hätten, hätten sie sich gestern beim Münchner Auftritt von Birgit Erz, Ilona Kindt und Kalra Haltenwanger vielleicht dem Urteil ihres Kollegen angeschlossen. Die drei Musikerinnen überzeugten mit mit feinem Spielwitz in Haydns Es-Dur-Trio, Hob. XV:29, mit leidenschaftlicher Emphase in Ravels a-Moll-Trio und mit gespannter Ruhe und exquisiter Klanglichkeit in Schuberts berühmtem Es-Dur-Trio. Ein fantastischer Abend, der lange in Erinnerung bleiben wird.
Wir wünschen dem Trio alles Gute und bedanken uns sehr für den Auftritt in München!
Das KlassikInfo-Team

Was einen Pianisten zum Musiker macht

Georgy Tchaidze Foto: Honens Wettbewerb

Der Honens Klavierwettbewerb findet in diesem Jahr wieder statt - das Viertelfinale ab dem 3. April in Berlin. Der erste Preisträger des Jahres 2009, Georgy Tchaidze, bestritt das Auftaktkonzert 

(29. März 2012) Der Honens Piano Competition ist der höchst dotierte und zugleich originellste Klavierwettbewerb der Welt. Er findet seit 1992 alle drei Jahre statt und erlaubt sich sogar, seine Statuten zu ändern, will heißen sein Profil zu schärfen. Also wurde entschieden, den Wettbewerb zu konzentrieren: Von 50 Semifinalisten, die aus Videoaufnahmen von 125 Einsendern von einer Vorjury bestimmt wurden, werden nur 10 statt bisher 20 Teilnehmer (dieses Jahr ausgewählt von dieser Vorjury in Berlin, London, Los Angeles und New York) zum Semifinale im kanadischen Calgary zugelassen. Beim aktuellen Wettbewerb müssen sich die ausgewählten Klavierspieler noch intensiver als bisher als Liedpianisten und Kammermusiker beweisen - in einem jeweils einstündigen Programm mit einer Sängerin (Isabel Bayakdarian) sowie einem Cellisten (Johannes Moser) und einem Geiger (Geoff Nuttall). Fünf Finalisten dürfen dann ein Klavierkonzert ihrer Wahl (!) spielen. [weiter]

Cage lebt

Da ist mehr drin: John Cage bei der Arbeit Foto: Cage Trust

100 Jahre wäre der Klangrevolutionär John Cage in diesem Jahr geworden. Das avancierte MärzMusik-Festival in Berlin widmete dem Jubilar die diesjährige Ausgabe.

(Berlin, 17.-20. März 2012) Einzelne Töne, ein einzelner Bogenstrich, die innerhalb eines bestimmten Zeitfensters zu spielen sind. Ob kurz oder lang, liegt im Ermessen des Musikers, auch die Lautstärke ist frei wählbar, wobei bei mittlerer und langer Tondauer die Lautstärke leise bis sehr leise sein soll, bei kurzer Dauer, laut bis sehr laut sein. Die Dynamik kann im Klangverlauf verändert werden. All das liegt im Ermessen des einzelnen Musikers, nur die Tonhöhe ist vorgegeben und eben das Zeitfenster. Einen Dirigenten braucht es nicht, dafür stehen zwei Monitore neben der Bühne, auf denen die Zeit angezeigt wird, damit die Musiker ihre Zeitfenster für den Einsatz sehen. [weiter]

Eine moderne Desdemona

Javier Camarena, Cecilia Bartoli Foto: Hans Jörg Michel

In diesen Tagen konnte man im Opernhaus Zürich Giacchino Rossinis "Otello - ossia il moro di Venezia" mit Cecilia Bartoli hören, ein ernstes Werk des Meisters, das nur selten aufgeführt wird. In Zürich war die Urfassung zu sehen, die 1816 in Neapel ihre Premiere hatte.
 
(Zürich, im März 2012) Star des Abends war zweifellos Cecilia Bartoli. Vor allem der zweite Akt des "Otello" hätte musikalisch nicht gelunger sein können, um die Einzigartigkeit ihrer inzwischen reifen Mezzosopranstimme zur Geltung kommen zu lassen. In Rossinis "Otello" ist Desdemona eine Frau, die heimlich den Mohren von Venedig geheiratet hatte. Zu Anfang der Oper kommt dieser siegreich aus einer für die Seerepublik Venedig wichtigen Schlacht zurück. Otello und Desdemona reagieren heftig, als ihr Vater bekannt gibt, seine Tochter mit Rodrigo zu verheiraten. Jago "berät" Rodrigo und stachelt das Drama dadurch an, dass er sich bei Otello eine Vertrauensrolle verschafft und diesen davon überzeugen kann, dass Desdemona ihn mit Rodrigo betrüge. Otello erkennt Jagos Spiel zu spät: Erst nachdem er in seiner verzweifelten Eifersucht Desdemona ermordet hat. [weiter]

Musik muss einen berühren

Alexander Gilman Foto: Oli Rust

Alexander Gilman wurde 1982 in Bamberg geboren und wuchs in einer russisch-jüdischen Musikerfamilie auf. Mit sechs bekam er seinen ersten Violinunterricht, mit sieben trat er bereits öffentlich auf. Alexander Gilman beendete sein Studium an der Hochschule für Musik in Köln in der Meisterklasse von Prof. Zakhar Bron mit Auszeichnung und wechselte daraufhin für seinen Master of Soloist an die Hochschule der Künste nach Zürich, den er ebenso mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Er arbeitete u.a. mit Dorothy Delay an der Juilliard School, besuchte Meisterklassen von Itzhak Perlman, Aaron Rosand, Igor Ozim und Mikhail Kopelman. 2006 gewann er den WestLB-Musikwettbewerb, wo er die Stradivari "Croall" 1684 überreicht bekam. Des Weiteren erhielt er Preise bei internationalen Wettbewerben in Europa und USA. Soeben ist seine neue CD mit Violinkonzerten von Samuel Barber und Erich Wolfgang Korngold erschienen. Attila Csampai im Gespräch mit dem Geiger Alexander Gilman. [Interview lesen]

Hoffmann in Bollywood

Foto: Werner Kmetitsch

Unbefriedigende Premiere von Offenbachs Künstler-Oper am Theater an der Wien

(Wien, 19. März 2012) Es braucht nicht immer einen Filmregisseur, um eine Opernproduktion gründlich danebengehen zu lassen. Aber es erleichtert die Sache.
"Hoffmanns Erzählungen", das ist doch irgendwie gruselig, oder? Also griff man in Wien auf William Friedkin zurück, der in den 1970er-Jahren mit "The Exorcist" auf der Leinwand punkten durfte und inzwischen auf einige Opernerfahrungen ver­weisen kann. Davon hat man im Theater an der Wien bei der Premiere von Offenbachs Oper aber nichts gemerkt. Vielleichtlich ist jene Geschichte erfunden, derzufolge er Gene Hackmann bei Filmausnahmen eine Folterszene so oft wiederholen ließ, bis der wirklich einen Kollegen zusammenschlug? Zumindest war von diesem "manipulativen Perfektionismus" in Wien nichts zu merken. Es war die bei weitem lang­weiligste Pro­duktion des Hauses seit langem.
Nicht eine Minute war einem nicht fad, die Personenführung war bleiern bis belanglos oder sie fand einfach nicht statt. Wer schauspielerisches Talent hat, zeigte es; wem es fehlt, dem wurde nicht geholfen. Doch immerhin wissen wir jetzt dank eines Puppen­spielers, wie Kleinzack aussieht: So wir wir ihn uns immer in unseren bösen Phantasien vorgestellt haben, marionetten­groß, und mit Hakennase.  [Premierenkritik lesen]

Go-Go-Politiker und Wutbürger

Patrick Pobeschin, Vida Mikneviciute, Jürgen Rust Foto: Martina Pipprich

Lorenzo Fioroni bringt in Mainz Ligetis Opernfarce "Le grand Macabre" als Politsatire auf die Bühne

(Main, 17. März 2012) Das Staatstheater in Mainz ist immer für eine Überraschung gut. Seit dieser Spielzeit hält Hermann Bäumer die musikalische Leitung in Händen. Mit Wagners Tristan in der Regie von Tilman Knabe hat der neue Mainzer GMD letztes Jahr seinen vielbeachteten Einstand gegeben. Zusammen mit der ebenfalls in dieser Saison nach Mainz gewechselten Operndirektorin Tatjana Gürbaca hat er jetzt ein Stück ausgewählt, das pralles Theater verspricht. "Le grand Macabre" von György Ligeti komponiert nach Michel Ghelderodes Schauspiel "La Balade du Grand Macabre". Lorenzo Fioroni führte Regie, übrigens ein alter Bekannter aus Bäumers Osnabrücker Zeit. Einiges haben sie dort gemeinsam schon auf die Bühne gestellt. Aber jetzt sollte es ein größtmögliches Spektakel geben. [Premierenkritik lesen]

Bruchlos

Gilda (Anna Palimina), Rigoletto (Markus Brück) Foto: Paul Leclaire

Katharina Thalbach inszeniert Verdis "Rigoletto" an der Oper Köln

(Köln, 15. März 2012) "Er verschloss alles in sein Innerstes und begrub sich in Hass. Die Oberfläche lächelte..." In Worten wie diesen wird das Wesen des Hofnarren von Victor Hugos Versdrama "Le roi s'amuse" auf den Punkt gebracht. Giuseppe Verdi übernahm diese Charakteristik für seinen "Rigoletto". Die Titeländerung bedeutet Akzentsetzung, keine Akzentverlagerung. Ohnehin sollte die Oper zunächst "La maledizione" heißen, woran die musikalischen Rahmensignale (Vorspiel, Schlussausbruch Rigolettos) unmissverständlich erinnern. Auch die Anonymisierung von Franz I: (bei Hugo) zu einem Herzog von Mantua bedeutet keinen essenziellen Verlust. Eine historisch exakte Personenanspielung würde heute nur wenig bringen (ähnlich liegt der Fall bei "Un ballo in maschera"). Ergiebiger dürfte jede Inszenierung sein, welche das "s'amuse" als Katastrophenauslöser wirklich dringlich zu machen versteht. Das gelingt Katharina Thalbach in Köln partiell. [Besprechung lesen]

Gralsritter im Wolkensturm

Foto: Jean-Louis Fernandez

Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" in der Regie von Franois Girard auf der Bühne des von Jean Nouvel spektakulär restaurierten Opernhauses von Lyon. Am folgenden Tag  die Uraufführung einer Auftragskomposition der Lyoner Oper im Théâtre de la Croix-Rousse: "Terre et cendres" - eine Kammertragödie, die in der Zeit des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan spielt, komponiert vom französischen Avantgarde-Komponisten Jérôme Combier.

(Lyon, im März 2012) Sich der Place de la Comédie vom Rhône-Ufer her zu nähern, ist etwas Besonderes: Das gewaltige Tonnengewölbe, das Jean Nouvel Anfang der 1990er auf das Opernhaus gesetzt hat, ist schon von weitem zu sehen. Ein Ufo ist auf dem klassizistischen Bau gelandet! Wer unter den Säulenarkaden aus hellem Kalksandstein steht, sieht dann schwarz. Der Boden ist schwarzglänzend und von Jugendlichen belagert. Zwischen hingeworfenen Taschen und Jacken wirbeln Breakdancer zu einer Laptop-gesteuerten Rapmusik über den glatten Boden. In Lyon ist das Opernhaus fest im Griff der Jugend. Was kann eine Oper eigentlich mehr wollen, als in ihrem Mittelpunkt zu stehen, ihr Treffpunkt zu sein? Sie wissen, wo es in die Oper hineingeht. Und werden irgendwann auch hinein gehen. [Besprechungen lesen]

 

Die einsame Quinte

Giogio Battistelli Foto: Roberto Masotti

Im Rahmen des Festivals KlangZeit 2012 in Münster gab es eine bemerkenswerte Uraufführung: Giorgio Battistellis "Pacha Mama" für großes Orchester wurde uraufgeführt, komponiert im Auftrag der Gesellschaft für Neue Musik Münster

(Münster, 6. März 2012) Giorgio Battistelli gehört mit Salvatore Sciarriono zu den wichtigsten italienischen Komponisten der Gegenwart. Nur fünf Lebensjahre trennt die beiden, aber unterschiedlicher könnte ihre Musik nicht klingen. Der in Palermo 1947 geboren Sciarrino ist ein Meister der leisen, feinen Klänge am Rande der Unhörbarkeit. Battistelli (Jahrgang 1953) türmt mit einem Faible für Orchesterwucht Klangmassen zu großen Spannungsbögen auf. Sein Stück "Experimentum Mundi" von 1981 brachte Handwerker aus seinem Heimatort Albano bei Rom auf der Bühne, die lautstark ihrem Geschäft nachgehen, während Schlagzeuger die Hammer- und Meißelrhythmen aufgreifen. Für seine Opernstoffe greift Battistelli zu berühmten literarischen Vorlagen. Aus Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1997 in Bremen uraufgeführt) oder Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" (Uraufführung Mannheim 2002) hat er Opern kreiert. [weiter]

Der Hirninfarkt

Selbsternannte "Kultursachverständige" plädieren für die Halbierung der öffentlichen Kulturförderung in Deutschland - ihr Aufsatz im "Spiegel" ist vor allem eines: dummes Geschwätz

(14. März 2012) In der aktuellen Ausgabe des "Spiegel" haben vier Kulturmanager (Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz) eine scharfe Polemik gegen die öffentliche Kultursubenvonierung in Deutschland veröffentlicht. Der Aufsatz ist eine Zusammenfassung ihres demnächst erscheinenden Buchs mit Titel "Der Kulturinfarkt". Darin plädieren die vier Autoren, die an privaten Instituten für Kulturforschung arbeiten, dafür, die Kultursubvention in Deutschland um die Hälfte zu reduzieren, die Kultur stärker privatwirtschaftlich zu organisieren und mehr am "Bedarf" zu orientieren. Man könnte - so die Autoren - z.B. auf die Hälfte der kulturellen Institutionen in Deutschland verzichten. "Kultur für alle", die Devise der Kulturpolitik der 70er Jahre habe sich ohnehin überlebt. "Unter der Programmhoheit von 'Kultur für alle' setzte die kulturelle Aufrüstung ein", kritisieren die Autoren. [weiter]

Explosivspiel

Der Pianist Denis Matsuev mit Rachmaninows drittem Klavierkonzert zu Gast beim WSO unter Jukka-Pekka Saraste

(Köln, 9. März 2012) Geht Denis Matsuev der Komponist Sergej Rachmaninow über alles? Der junge russische Pianist (*1975), welcher mit dem Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet wurde und durch seinen Sieg beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 1998 in eine erfolgreiche Laufbahn gehievt wurde, scheint sich ihm offenkundig verschrieben zu haben. Ins Phonogeschäft stieg Denis Matsuev zwar mit Peter Tschaikowsky ein (1. Klavierkonzert unter Yuri Temirkanov), aber bereits ein Jahr später kam er mit dem Album "Unknown Rachmaninov" heraus, wobei er für dieses Recital den originalen Steinway-Flügel des Komponisten benutzte. [weiter]

Statisten-Theater

Anja Kampe (Sieglinde), Klaus Florian Vogt (Siegmund) Foto: W. Hösl

Mit der "Walküre" schmieden Kent Nagano und Andreas Kriegenburg weiter am Münchner "Ring" - mit sehr ungleichem Erfolg

(München, 11. März 2011) Hoffentlich hat man die Hörer der Rundfunk-Liveübertragung vorab aufgeklärt, denn das minutenlange rhythmisch stampfende Amazonen-Ballett mit wild geschwungenen Mähnen VOR Einsatz des Walkürenritts irritiert beim bloßen Hören vielleicht noch mehr. Im Nationaltheater verlor das Publikum irgendwann die Geduld, applaudierte ironisch oder rief dazwischen: "Aufhören!", "Musik!" Und als die Damen gerade damit fertig waren, sich stöhnend auszutoben, tönte eine kernige Männerstimme vom Rang "Zugabe!"
[Premierenkritik lesen]

Ausgebremst

Lang Lang Foto: Detlef Schneider/DG

Lang Lang bei den Münchner Philharmonikern unter Zubin Mehta

(München, 10. März 2012) Auch wenn Lang Lang zum Konzert mit den Münchner Philharmonikern unter Altmeister Zubin Mehta seine übliche Sturmfrisur geglättet hat und mit bravem Scheitel auf dem Podium erschien - brav gespielt hat er deshalb glücklicherweise nicht. Obwohl es ihm auch deutlich hörbar darum ging, der gemessenen Klassikerverehrung Mehtas nicht allzu viel Widerstand entgegen zu setzen. Wobei Mehtas Klassikerrespekt leider auch viel Angestaubtes, Abgestandenes, Pauschales beinhaltet und von daher keine wirklich verbindliche Referenz darstellen sollte. Man merkte dieser Wiedergabe von Beethovens drittem Klavierkonzert immer wieder an, dass Lang Lang eigentlich zu einer anderen Gangart neigt als der Grandseigneur Mehta, der Respekt ihm aber Zurückhaltung gebot. [weiter]

Ohne Bedeutungsbart

Marc Minkowski Foto: Lillian

Schuberts Symphonien in Wien unter Marc Minkowski

(Wien, Anfang März 2012) Marc Minkowski und seine "Musiciens du Louvre Grenoble" assoziiert man am ehesten wohl mit Barockmusik und der Musik der Klassik, mit Rameau, Händel, Haydn und Mozart. Vielleicht noch mit französischer Musik des 19. Jahrhun­derts. Entdeckerfreude aber kennt keine Grenzen. Und so sind die Musiker aus Grenoble nicht nur bei Bizet und Meyerbeer, bei Wagners "Feen", Gounod und Debussy gelandet, sondern inzwischen auch zu Franz Schubert vorgestoßen, dem als Symphoniker nicht unproblematischen, schwierigen "Franzl", von dem manche noch immer glauben, dass nur österreichische Orche­ster und Dirigen­ten ihn verstehen (und adäquat interpretieren) könnten. [Rezension lesen]

Verführer und Verführter

Jens Daniel Herzog inszeniert in Dortmund Mendelssohns Oratorium "Elias"

(Dortmund, 3. März 2012) Die Zuschauer waren zuletzt schier aus dem Häuschen über die szenische Aufführung des Oratoriums "Elias" von Felix Mendelssohn Bartholdy, bei der es sich  um die 3. Inszenierung des Intendanten Jens Daniel Herzog vor Ort handelt. Dass der neue Hausherr im Moment auf ältere Arbeiten zurückgreift (den "Elias" produzierte er bereits 2005 in Mainz), ist durchaus legitim, vor allem, wenn mit erwiesener Qualität gepunktet und das in den letzten Jahren teilweise indolent gewordene Publikum zurückgewonnen werden kann. Mit Blick auf lokales Selbstwertgefühl sollte dieses Verfahren allerdings die Ausnahme bleiben, zumal sich Herzog als Regisseur auch außerhalb Dortmunds stark engagiert, beispielsweise zusammen mit Nikolaus Harnoncourt die neue "Zauberflöte" der kommenden Salzburger Festspiele verantworten wird. [weiter]

Musik wie guter Whiskey

Pavel Haas Quartett Foto: Marco Borggreve

Das Pavel Haas Quartett mit Tschaikowsky, Debussy und Schubert im Münchner Herkulessaal

(München, 5. März 2012) Ein guter Whiskey muss nach Holz schmecken. Das ist nicht jedermanns Geschmack, aber charakteristisch ist es auf jeden Fall. Nach Holz schmeckt auch der Klang des Pavel Haas Quartetts. Nicht, weil dieses formidable junge Quartett aus Prag etwa hölzern klingen würde. Auch ungehobelt klingt es nicht. All diese abwertenden Adjektive, mit denen das Holz ungerechterweise in Verbindung gebracht wird, sind hier fehl am Platz. Gemeint ist vielmehr die Verbindung zum wertvollen Holz der Streichinstrumente, zum Korpus, zu dem, was den Stahlseiten erst Resonanz verschafft. Nach dieser naturhaft-erdigen Note suchen die vier Musiker und wagen sich dabei inzwischen auch an klassisch-romantische Ecksteine der Streichquartettliteratur wie Schuberts "Tod und das Mädchen". [Besprechung lesen]

Grillparty in der Vorstadtsiedlung

Foto: Matthias Jung

Michael Sturminger inszeniert Tschaikowskys "Eugen Onegin" in Essen

(Essen, 2. März 2012) Peter Tschaikowkys "Eugen Onegin" ist eine Schmerzensoper, die an ihrer Wehmut mitunter zu ersticken scheint. "Einst war das Glück so nah", heißt es im dritten Akt. Doch nun "ist's halt vorbei", wie es später der "Rosenkavalier" formulieren wird. Doch während die Marschallin mit Liaisons auch noch in Zukunft rechnen darf, wird Tatjanas ruhevolle Ehe mit Gremin zum Sarkophag ihres Lebens. Ob der Titelheld aus seinem emotionalen Tief herauszufinden in der Lage ist, bleibt offen. In der Essener Inszenierung von Michael Sturminger drückt der Fürst dem verzweifelt am Boden Liegenden eine Pistole in die Hand. [weiter]

Die Bunga-Bunga-Freier

Mirko Roschkowski (Ulisse) und Katrin Wundsam (Penelope) Foto: Paul Leclaire

Konrad Junghänel und Bernd Mottl bringen Monteverdis "Odysseus" mit jeder Menge Spielfreude in Köln auf die Bühne 

(Köln, im Februar 2012) Sind Claudio Monteverdis Opern alt, ernst oder vertaubt? Wer das glaubt, darf sich in Köln eines besseren belehren lassen. Diese Musik aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bringt Lebemänner in James-Last-Anzügen und Götter als überzeichnete Comikfiguren auf Trab. Sie macht eine verhärmte Jackie Onassis mit Sonnenbrille (Penelope) in einem spießigen Haus zu einer großen Heldin. Sie stiftet eine verrückte Haushälterin in hellblauem Schürzenkleid zu tollkühnen Tiraden an (Ericlea), sie passt zu Clubjacke und Gabardinehose (Telemaco), zu Petticoat und Golfkäppi (Melanto und Eurimaco), zu einem Außenseiter mit Lederhose und Rastalocken (Eumetes), zu einem heruntergekommenen Soldaten mit Plastikmaschinengewehr namens Ulisse. Die Oper "Il ritorno d'Ulisse" taugt durchaus auch zu einer bunten Unterhaltungsrevue. [Besprechung lesen]

Greller Schein und finsterer Abgrund

Gary Martin als Joseph Süß Foto: Hermann Posch

Premiere im Theater am Gärtnerplatz und zugleich Münchner Erstaufführung: Die Oper "Joseph Süß" von Detlev Glanert. Musikalische Leitung: Roger Epple; Inszenierung: Guy Montavon; Bühne und Kostüme: Peter Sykora

(München, 3. März 2012) Ohne Frage ist es ein Markenzeichen der mit dieser Saison zu Ende gehenden Intendanz von Ulrich Peters, das Theater am Gärtnerplatz zum Ort der Opernentdeckungen in München gemacht zu haben. Ob Stücke von Telemann, Rimsky-Korsakow oder Phill Glass: Die Oper abseits des gängigen Repertoires wird hier so hingebungsvoll, sorgfältig und professionell in Szene gesetzt, dass man immer wieder Lust auf mehr davon bekommt. Die vorletzte Premiere im Gärtnerplatztheater vor Beginn der Sanierung - ein zeitgenössisches Werk, die Oper in 13 Szenen "Joseph Süß" des 1960 in Hamburg geborenen Komponisten Detlev Glanert -, setzt diese Reihe wirkungsvoll fort. Peters platzierte damit wieder eine Münchner Erstaufführung. Das Publikum feierte den ausgesprochen abwechslungsreichen Abend ausgiebig. [Kritik lesen]

Wege zur Winterreise

Leidenschaftlich dramatisch oder neutral erzählt: fünf neue Aufnahmen von Schuberts "Winterreise"

Ein Dutzend neue Aufnahmen von Franz Schuberts "Winterreise" sind in den letzten Monaten erschienen, darunter Versionen für Cello und Klavier (mit und ohne Sprecher), auf modernen Flügeln begleitet oder einem zeitgenössischen Fortepiano, gesungen von Tenor, Bariton oder Bass - live oder im Studio. Die interessantesten und besten Aufnahmen stammen nicht von Christopher Maltman, Adrian Eröd, Konrad Jarnot oder Peter Harvey, sondern von Thomas Bauer, Florian Boesch, Nikolay Borchev, James Gilchrist und dem Schauspieler Xaver Hutter. [weiter]

 

 

Moussierender Mozart

Michael Barenboim Foto: Mahler Chamber Orchestra

Michael Barenboim mit dem Württembergischen Kammerorchester unter Ruben Gazarian in Köln

(Köln, 24. Februar 2012) Im vergangenen August konnte man in der Philharmonie Michael Barenboim als Konzertmeister des West-Eastern Divan Orchestra erleben (diese Funktion hat er seit 2003 inne). Vater Daniel leitete das von ihm gegründete Ensemble bei einer Aufführung sämtlicher Beethoven-Sinfonien (wir berichteten). Jetzt kam der 26jährige Geiger als Solist mit dem Württembergischen Kammerorchester wieder. Die im Programmheft zu lesende Vita erwähnte das Vater-Sohn-Verhältnis übrigens nicht explizit. Seltsame Zurückhaltung.
Eine andere Berufung Michael Barenboims erfolgte durch Claudio Abbado, der ihm im Mahler Jugendorchester eine führende Rolle zuwies. Barenboim entwickelte aber bald auch eine intensive solistische Laufbahn. Parallel dazu widmet er sich intensiv der Kammermusik. [weiter]

Vokaler Lockduft

Die Leontyne Price Collection

Der bekannteste Titel aus der "Ägyptischen Helena" von Richard Strauss ist die Erwachens-Szene der Titelheldin ("Zweite Brautnacht"), seit der frühesten Einspielung durch Rose Pauly gleichwohl selten aufgenommen. Die amerikanische Sopranistin Leontyne Price setzte sich allerdings mehrfach für dieses klangtrunkene Stück ein, erstmals 1959  bei einem BBC-Konzert unter Peter Hermann Adler, leider nur auf Youtube zu hören. Weitere Aufzeichnungen: München 1968 und San Francisco 1978 (ebenfalls unter Adler) sowie Boston 1981 (unter Seiji Ozawa) und New York (1991 unter James Levine - diese Veranstaltung wurde übrigens von Beverly Sills moderiert). Schließlich gibt es noch eine "offizielle" Plattenaufnahme von 1965 unter Erich Leinsdorf (der die Sängerin auch bei einem weiteren Strauss-Recital betreute), jetzt wiederveröffentlicht im Rahmen einer "Complete Collection" mit den Kassetten "Operatic Recitals" und "Song and Spiritual", welche liebevoll die alten Plattencovers abbilden. [weiter]

Barockes Schwitzbad der Gefühle

Bejun Mehta (Telemaco), Anett Fritsch (Merione), Statisterie, Arnold Schoenberg Chor Foto: Armin Bardel

Christoph Willibald Glucks "Telemaco" ist 1765 am Wiener Burgtheater anlässlich einer Habsburgerheirat (Josef II.) uraufgeführt worden und danach fast 140 Jahre in Vergessenheit geraten. 2003 wurde sie wiederentdeckt, voriges Jahr war sie in Schwetzingen zu sehen. Nun ist Odysseus´ Sohn Telemaco glücklich nach Wien zurückgekehrt. Gott sei Dank!

(Wien, 19. Februar 2012) Wer kennt denn heute noch die im 18. Jahrhundert geläufige Geschichte von Odysseus' Sohn, der - von Neptun verflucht - auf genau dieselben Insel Ogygia gespült wird, wie sein Vater?  Damals - 1765 - war das bei den Opernbesuchern Bildungsschatz: Man kannte den Stoff von Alessandro Scarlattis 1718 für Rom komponierter "Telemaco"-Oper oder als Bildungsroman ("Les Aventure de Telemache, fils d'Ulysse") aus der Feder Francois Fenelons. Heute muss man das miterzählen: Darum beginnt die Oper im Theater an der Wien mit einer Rückblende, die das an dieser Stelle vorgesehene Ballett ersetzt: Wir sehen Odysseus' Abreise aus Ithaka, seine Landung auf Circes Insel und das Sich-Verlieben in die Zauberin. Andere Eingriffe haben sich wohl angeboten, um die Geschichte nacherzählbar zu machen. Denn das Libretto hat seine Schwächen, enthält Schematisches, lässt vieles unausgeführt. [Kritik lesen]

Eruption an Farben

Das Boulanger Trio begeistert auf seiner neuen CD mit Brahms, Liszt und Schönberg

Am 31. März sind die drei Musikerinnen beim KlassikInfo-Konzert in München (Künstlerhaus am Lenbachplatz) zu erleben (Kartenbestellungen an info(at)klassikinfo.de. Infos am Ende des Artikels.)

(Februar 2012) Würden einen nicht drei schöne junge Frauen auf dem Cover anstrahlen, man wäre manchmal versucht zu denken, dieses oft kämpferische, satte, im besten Sinne kraftvolle, intensive Spiel wäre typisch männlich. Aber vielleicht konnte sich das Boulanger Trio nur besonders gut in die Welt dieser drei Männer hineinversetzen: in die Kompositionen eines späten Johannes Brahms (Trio c-moll op. 101), Franz Liszt oder Arnold Schönberg ("Verklärte Nacht"); und das ganz ohne Angst vor Pathos, Passion oder Leidensdruck, aber auch mit der Fähigkeit, ganz fein, leise und zurückgenommen zu spielen. Welche Flexibilität der Phrasierung, des Klangs verströmte schon das späte Brahms-Trio! [weiter]

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