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    Münchener Kammerorchester mit einer Czernowin-Uraufführung

    Allgemein, Opern- und Konzertkritiken

    Zwischen Agitprop und Resignation

    Das Münchener Kammerorchester beeindruckt mit einem außergewöhnlichen Programm mit Czernowin, Weill und Eisler

    Von Robert Jungwirth

    (München, 18. April 2024) Mit der Komponistin Chaya Czernowin verbindet das Münchener Kammerorchester bereits eine sehr lange Künstlerfreundschaft. 2000 hob das Orchester Czernowins Oper „Pnima“ („Ins Innere“) über die Nicht-Kommunikation der Enkelgeneration von Holocaustüberlebenden mit ihren Großeltern aus der Taufe. Es war einer der bemerkenswertesten Erfolge in der Geschichte der Münchner Musiktheater-Biennale. Jetzt präsentierte das Orchester erneut eine Uraufführung der israelischen Komponistin in München, ihr Stück „Moths of Hunger and Awe“, zu deutsch „Motten des Hungers und der Ehrfurcht“ – ein recht kryptischer Titel und auch eine eher kryptische Musik.

    Mikrotonale Klangflächen wechseln sich ab mit Glissando-Strudeln, die den Hörer wie einen Ertrinkenden mal nach unten mal nach oben ziehen. Existenziell ist diese Musik in jedem Fall, auf künstlerisch verschlungenen Pfaden spricht sie von Ängsten, den Bedrohungen unserer Zeit, aber auch solchen, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben. Ein bisschen erinnert es damit auch an „Pnima“. Eigentlich muss man das Stück als Violinkonzert bezeichnen, aber Czernowin vermied wohl ganz bewusst die vielleicht zu wohlfeil klingende Bezeichnung.

    Der Geiger Ilya Gringolts ist wieder einmal der ebenso unerschrockene wie genialische Interpret für diese neuen Klänge. Mit welcher Intensität er sich in die komponierten Abgründe mit scheinbar grenzenlosen technischen Möglichkeiten hineinwirft, ist phänomenal. Das Stück beeindruckt in seiner eigenwilligen Tonsprache, wenngleich es nach einer gewissen Zeit ein wenig redundant wird.

    Gekoppelt wurde die heftig beklatschte Uraufführung von zwei Werken Hanns Eislers und Kurt Weills – zwei der talentiertesten deutschen Komponisten der Weimarer Zeit, die vor den Nazis wegen ihrer jüdischen Abstammung in die USA geflüchtet sind. Was für eine sinnige Programmzusammenstellung, zumal die Werke der beiden – mit Ausnahme der Dreigroschenoper und Mahagonny – in Deutschland leider viel zu selten zu hören sind.

    Eisler gelang es im Exil als Filmkomponist zu reüssieren. Die Musik zum Streifen „Früchte des Zorns“ schrieb er jedoch quasi ohne Auftrag aus innerem Antrieb, weil ihn die Thematik von Vertreibung und Unterdrückung zutiefst beeindruckte. Die vier Sätze waren zum Teil verschollen. Umso schöner, dass sie das Kammerorchester jetzt zusammen darbot. Es war spannend zu hören, wie Eisler die kommunistische Agitprop-Musik seiner Weimarer Jahre ins Kalifornien der 30er Jahre verfrachtet.

    Manchmal klingt es nach Berlin, manchmal nach den Weiten des amerikanischen Westens. Die Not und die Ungerechtigkeit, der Zorn und die Auflehnung aber klingen immer gleich. Hier kommt noch eine gehörige Portion Resignation dazu.
    Der junge, überaus begabte Bas Wiegers dirigierte das sehr eindringlich und konturiert.

    Bei den „Sieben Todsünden“ von Weill und Brecht – uraufgeführt zu Beginn ihres Exils 1933 in Paris – setzte Wiegers allerdings ein wenig zu sehr auf Schönklang angesichts der Bitterkeit und Trostlosigkeit, die das hier vorgestellte Schicksal der kleinbürgerlichen
    Anna und ihres Traums vom Häuschen in Louisiana offenbart. Auch die an sich ganz großartige kanadische Sopranistin Wallis Giunta verströmte etwas zuviel opernhafte Grandezza für diese Fallstudie. Wie gallig-bitter etwa hat das seinerzeit die Pop-Ikone Marianne Faithfull bei den Salzburger Festspielen zu singen und sprechen vermocht. Die vier Sänger des Ensembles Amacord hatten da deutlich mehr Biss und kosteten den Sarkasmus des Texte schaurigschön aus.
    Ein großartiges Konzert eines großartigen Ensembles.

    21. April 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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