Isabelle Faust mit Uraufführung

Utopie der Gemeinsamkeit

Uraufführung des großartigen Violinkonzerts von Ondřej Adámek mit Isabelle Faust bei der musica viva in München

Von Klaus Kalchschmid

(München, 15. Dezember 2017) Keine Töne erklingen ganz zu Beginn des klar dreisätzig strukturierten Violinkonzerts mit dem bezeichnenden und vielfältig deutbaren Titel „Follow me“ von Ondřej Adámek im Herkulessaal der Residenz, sondern Isabelle Faust wischt wie improvisiert über die Saiten als würde sie sich und das Publikum erst einstimmen. Gleich darauf duettiert sie mit dem Konzertmeister, bevor das Orchester der jeweiligen Vorgabe der Solistin fein- und vielstimmig folgt bis die Sologeige nach einem Höhepunkt vom Kollektiv gleichsam aufgesogen wird.

Ruhiger, aber nicht minder faszinierend ist der Verlauf des zweiten Satzes mit einer plötzlich aufscheinenden, weit ausgreifenden Melodie der Geige, auskomponiertem Vibrato und schließlich dem Verlöschen im tonlosen Streichen des Bogens auf den Saiten. Ähnlich beginnt der dritte Satz, doch von Kommunikation zwischen Orchester und Solo-Geige kann kaum mehr die Rede sein. Geradezu brachial muss das wunderbar expressiv auf dem Punkt spielende Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Peter Rundel auf die nervös vibrierenden Gesten der Sologeige reagieren, was Isabelle Faust buchstäblich zum Rückzug bewegt, zuerst in die hinteren Reihen des Orchesters, dann auf die Empore. Der Schönheit ihres einsamen Gesangs kann das freilich nichts anhaben. Aber am Ende ist die Utopie der allumfassenden Kombination, einer Symbiose aus Einzelnem und Kollektiv, von Individuum und Masse zerbrochen. Immer weniger war die Gruppe gewillt, dem einen Menschen und dem was er zu sagen hat, zu folgen, ja überhaupt ihm zuzuhören.

Diesem enorm spannenden, facettenreichen, sich unmittelbar mitteilenden Konzert ging eine fast halbstündige Studie für zwei Bassklarinetten von Rebecca Saunders voraus: Bei „Aether“ hätte man wohl besser die Noten gelesen als das Stück zu hören, denn die Glorifizierung des Einzeltons, die Saunders da zelebrierte, ließ das Duo für zwei so faszinierend wandelbare Instrumente mit einem Ambitus von ganz tief sonor bis hell und fein strahlend, zum kaum hörend nachvollziehbaren, fast quälenden Exerzitium werden.

Ganz anders die deutsche Erstaufführung des ebenfalls aufregenden Konzerts für zwei Klaviere und Orchester von Christophe Bertrand aus dem Jahr 2007, das leben- und kraftstrotzende Werk eines Komponisten, der sich drei Jahre später – mit nur 29 Jahren und wie er es zuvor schon oft angekündigt hatte – das Leben nahm. Auch in „Vertigo“ sind die ersten Minuten ein faszinierendes Präludium: Immer mehr Stimmen fallen in den Chor der Instrumente ein. Was folgt ist ein raffiniertes Kaleidoskop, bei dem die verschiedenen Gruppen des Orchesters – die beiden Klaviere, die Holzbläser, die Blechbläser, ein Chor aus Marimbaphonen innerhalb des Schlagzeugs und die Streicher – auf vielfältigste Art miteinander dialogisieren. Das erzeugt manchmal akustisch den Effekt, den man vom Beobachten von riesigen Vogelschwärmen kennt: das raffinierte Sich-Verdichten und Wieder-Entfalten, die plötzliche, aber wie vorherbestimmte Richtungsänderung.

Wer danach noch Muße hatte, wurde um 22 Uhr mit dem Abschluss des Bach-Projekts von Isabelle Faust beschenkt. Nach den Sonaten und Partiten Nr. 1 (g-moll/h-moll) und 3 (E-Dur/C-Dur) für Violine Solo am Vorabend folgten nun die Sonate Nr. 2 a-moll BWV 1003 und die Partita Nr. 2 d-moll mit ihrer wunderbaren, nur leider als Zugabe arg strapazierten Sarabande und der gewaltigen Architektur der Chaconne am Ende. Man konnte nur staunen, wie nah Faust dem Notentext war, wie natürlich sie stets phrasierte, wie bestechend klar sie intonierte. Und angesichts der Kämpfe im vorausgegangenen Violinkonzert konnte man auch eine Botschaft heraushören: Manchmal ist es das Beste, wenn man ganz für sich allein ist!

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