Don Giovanni in Lyon

Der depressive Frauenheld

An der Opéra de Lyon inszenierte David Marton Mozarts „Don Giovanni“ als Halluzination eines verwirrten Helden, der sein Leben hinter sich hat. Auch musikalisch ist die Aufführung unter Stefano Montanaris Leitung sehr gelungen.

Von Laszlo Molnar

(Lyon, 27. Juni 2018) Don Giovanni ist krank. Er liegt, auf fette Kissen gebettet, in einem Himmelbett inmitten eines riesigen grauen Saales und hat Halluzinationen. Er wälzt sich hin und her, und wenn er sich erheben will, dann zerrt er sich mehr aus seiner Matratzengruft als dass er aufsteht.

Das ist die Vision, die der aus Ungarn stammende Regisseur David Marton für den Protagonisten der „Oper aller Opern“ in seiner Neuinszenierung an der Opéra de Lyon entwirft. Operndirektor Serge Dorny hat es riskiert, seinem Publikum eine Sichtweise auf Mozarts „Don Giovanni“ zu präsentieren, die mit der allseits bekannten Geschichte um den unverbesserlichen Frauenhelden quasi nur am Rand etwas zu tun hat.

Denn, wie gesagt, Don Giovanni leidet. Dieser Don Giovanni, dargestellt und gesungen von dem jungen aus Kanada stammenden Bariton Philippe Sly, ist das genaue Gegenteil des dynamischen, jederzeit abenteuerlustigen Verführers. Der Mann, der da in seinen Kissen liegt und auch stimmlich einen bleichen Eindruck macht (weil Sly es so darstellt), hat wohl schon alles hinter sich. Er hat sich zurückgezogen in eine Art Festung des Mr. No, von Bühnenbildner Christian Friedländer als gewaltige und bedrückende Betonwände in den Raum gestellt. Mit ihm ist nur noch sein Freund Leporello, der in sich in einem Winkel des Riesenraumes eine kuschelige Ecke mit Stereoanlage eingerichtet hat. Dort hört er Schallplatten und kümmert sich um seinen „Pflegefall“, wenn es nötig ist. Alles spielt also in einer Art Gegenwart, ohne dass der Zeitsprung erzwungen wirkte. Depression, ja Wahnsinn, ist ja durchaus eine Krankheit unserer Zeit. Sie kann ihren Ursprung auch in einem zu bewegten, abenteuerlichen Leben gehabt haben.

Donna Anna und Ottavio, Donna Elvira, Zerlina und Massetto – alle sind sie Gespenster, die den siechen Don aus seiner Vergangenheit heimsuchen. In seinem Kopf spuken sie herum, und dieser Kopf ist verwirrt und sinniert, was denn Wirklichkeit ist und was nicht. Diese inneren Monologe zeigt Marton auf den Displays für die Übersetzungen, gleichsam als Sprechblase. Wenn die Musik schweigt, fängt es gelegentlich im ganzen Raum an zu dröhnen und zu rauschen. Das sind wohl die Töne in Don Giovannis Kopf, aus denen dann die Erinnerungen, Visionen und Halluzinationen zu Mozarts Musik aufsteigen. Gleich mehrere Donna Elviras treten zu ihrem „Ah chi mi dice mai“ auf, wie in einem Rausch von Alkohol oder Drogen. Chöre, Ensembles, das Festmahl – alles lassen Marton und die Ausstatter als fahl ausgeleuchtete bizarre Gespensterreigen erscheinen, die kaum zu greifen sind, dem Helden der Geschichte aber immer neue Angst einjagen.

Entsprechend endet die Story des wahnsinnig gewordenen Don Giovanni. Wieder erscheint ihm – wie in der ersten Szene – der Komtur als schmächtiger Junge im Pyjama. Don Giovanni hat ein Messer in der Hand, vielleicht, um sich zu verteidigen. Als er dem Komtur-Jungen die Hand reicht, schneidet er sich eine Pulsader auf. Sein Freund Leporello wirft sich verzweifelt auf den Sterbenden. Vorhang. Die gesamte letzte Szene entfällt, kein Triumph der Lebenden, kein moralischer Hinweis, wie es den Bösen ergehen müsse. Der Spuk hat hier sein Ende.

Dem Publikum hat die depressive und melancholische Sicht auf die letzten Stunden des Verführers gut gefallen; vor allem aber erhielten die Darsteller und Musiker kräftigen Beifall. Unter der Leitung von Stefano Montanari schlägt das Orchestre de L‘Opéra de Lyon durch und durch historisch informierte Töne an. Zügige Tempi, kein Vibrato, schlanke Tongebung, sehr präsente und deutliche Bläser – Mozart-Interpretation auf der Höhe unserer Zeit.

Die jungen Sängerinnen und Sänger folgen mit genauer Artikulation und Phrasierung. Nie wird hier wegen der Schönheit des Gesangs alleine gesungen. Das ist keine wohlfeile Besetzung mit „Stars“, weil sie dem Publikum gefallen mögen. Das ist eine bewusst versammelte Besetzung, die mit der Inszenierung und dem Stil des Musizierens zu einer künstlerischen Einheit wird: neben Philipp Sly der amerikanische Bariton Kyle Ketelsen als stimmstarker, dabei sehr empathischer Leporello; Eleonora Buratto als entschlossene Donna Anna, deren höhenfeste Stimme in der trockenen Akustik der Oper Lyon oft zu laut wurde; Antoinette Dennefeld als dagegen geradezu vornehme Donna Elvira, die ihre Zuneigung auch zu dem verfallenen Don Giovanni sehr überzeugend vermittelt; der aus Lyon stammende Tenor Julien Behr als Don Ottavio, dem es gut tut, dass Behr einen eher kernigen als lyrischen Ton in seiner Stimme hat; die Japanerin Yuka Yanagihara als Zerlina, auch sie jugendlich, neugierig, optimistisch, ihrem Massetto zugewandt, aber auch in selbstbewusster Distanz zu ihm; Piotr Micinski als Massetto, den Marton als etwas älteren geilen Kerl erscheinen lässt, stimmlich sehr präsent und brillant; sowie, als dröhnende Stimme des der seltsam jungen Komtur-Erscheinung, Attila Jun, dem mit einer Dosis Hall ein überzeugendes Maß an gespenstischer Entrücktheit mitgegeben wird.

Intendant Serge Dorny gibt mit dieser Produktion wieder ein deutliches Zeichen, dass er es im Opernbetrieb nicht beim Altbekannten, Altbewährten belassen mag. Es wird gegen den Strich inszeniert und es wird im Geist des Stücks besetzt. Das Publikum soll durch den Bruch in der Geschichte neu hinschauen und durch die Konsequenz in der Besetzung neu hinhören. Am Ende des Abends meinte man, ein bislang unbekanntes Drama von Shakespeare und nicht den wohlbekannten Don Giovanni erlebt zu haben. Das ist als Kompliment gemeint.

Weitere Aufführungen am 29.6., 1.,3.,5.,7.,9. und 11.7.2018
Www.opera-lyon.com

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