Mozarts Figaro in München

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Figaro als Wüterich

Christof Loy hat für die Bayerische Staatsoper einen furiosen „Figaro“ inszeniert, Constantin Carydis dirigiert ihn ein wenig auf Effekt getrimmt

Von Robert Jungwirth

(München, 26. Oktober 2017) Mit diesem Figaro ist nicht zu spaßen. Schon im ersten Akt lodert aus ihm so viel unberechenbarer Furor, dass der Graf nicht nur Respekt, sondern sogar etwas Angst vor seinem Diener hat. Gockel sind sie ja beide, nur eben mit sehr unterschiedlichem Charakter. Der Graf pfauenhaft und berechnend, Figaro aggressiv polternd. Wunderbar, wie Christian Gerhaher als Graf, ohne die Grandezza des Fürsten aufzugeben, seinen Diener fast ein wenig eingeschüchtert von der Seite aus den Augenwinkeln heraus anblitzt. Wenn er nicht in dessen Braut verliebt wäre, würde er diesen Wüterich vermutlich schon entlassen haben…Und wie Figaro mehr und mehr in einen Taumel der Eifersucht gerät, sich in seiner eigenen Intrige verfängt und dabei immer unberechenbarer und zum Querschläger wird.

Christian Gerhaher Foto: W. Hösl

Loy hat die beiden so ähnlichen und doch so unterschiedlichen Figuren von Mozarts „Figaro“ ins Zentrum seiner Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper gestellt. Ungemein detailliert, witzig und aberwitzig, lächerlich und sympathisch (manchmal) zugleich erscheinen der Graf und Figaro bei ihm. Gerhaher und Alex Esposito gestalten sie auch stimmlich bis in die letzte Nuance hinein mit großer Präzision und Prägnanz. Erfreulich, dass Gerhaher ohne alle Manieriertheiten singt, sich zugunsten des Ensembleklangs immer auch zurücknimmt, die Stimme leicht und „italienisch“ klingen läßt.

Faszinierend, wie der geballte Ärger über die vereitelte Strategie, Susanna als Geliebte zu gewinnen, in ihm schließlich jede Kontenance besiegt und der Frust nur so aus ihm herausbricht. Wie er versucht, die Wirkungen der Schwindeleien seiner Gattin mit zunächst gelangweilter Attitüde herunterzuspielen, bis es ihn dann doch an der Ehre packt und er ausrastet, weil die Ausreden einfach zu arg sind. Oder wie er seine doch recht tiefgehenden Gefühle für Susanna zu verbergen sucht. Dieses turbulente Kammerspiel um Verliebtheit, Tricksereien, Schwindeleien, Sich-Hintergehen und doch Nicht-Voneinanderlassen-Können, Macht und Ohnmacht, das ist im Zusammenklang mit Mozarts unendlich faszinierender Musik in dieser Münchner Neuproduktion eine große Freude. Auch wenn es sowohl szenisch wie auch musikalisch ein paar Einschränkungen gibt.

Foto: W. Hösl

Loy lässt die Geschichte in einer eigentümlichen Gegenwart mit zum Teil unvermittelt schrägen Kostümen (Klaus Bruns) und in einer noch seltsameren Szenerie spielen (Bühne: Johannes Leiacker). Zwei Wände markieren eine Ecke in einem herrschaftlichen, aber komisch aus der Zeit gefallenen Haus. Irgendwie passt hier nichts zusammen: barocke Schnörkel, das Mobiliar aus den 60er Jahren(?), die bemalte Rückwand wie von einem drittklassigen Maler der Goethezeit. Dazu spielen er und Johannes Leiacker mit den Größenverhältnissen: Mal gibt es Riesentüren, dann wieder viel zu kleine und ab und an wird die Szenerie ganz ins Puppentheater verfrachtet. Puppen sind wir, von unbekannten Mächten an den Fäden gezogen – oder soll es das Modellhafte des Stücks unterstreichen? Da darf jeder dann mal ein bisschen philosophieren.

Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro) Foto: W. Hösl

Trotz vieler punktgenauer Charakterzeichnungen verzichtet Loy nicht auf die Fragwürdigkeit, den Gärtner mit einem zerstörten Blumentopf auftreten zu lassen, womit dieser allen schön demonstriert, dass jemand aus dem Fenster in sein Beet gesprungen ist (warum steht überhaupt ein kleiner Blumentopf im Beet?) Das ist nun wirklich zu dämlich um nicht ärgerlich zu sein – oder hat Loy an solchen Brüchen Spaß?

Musikalisch gibt der griechische Dirigent Constantin Carydis den Takt vor – und der ist äußerst flott. So flott, dass die Flöte bei der Ouvertüre fast nicht nachkommt und alles mehr schrill als schön klingt (zum Teil wird auf alten Instrumenten gespielt). Tempo ist gleich Spannung – diese Gleichung geht – zumal in der Musik – nicht auf. Vor allem, weil Carydis die Musik nicht oder zu wenig atmen und aufblühen lässt. Auch wenn er oft die Mittelstimmen hervorkitzelt, bleibt die Aura der Musik, die Innigkeit von Mozarts Seelentönen leider zu häufig auf der Strecke. Ganz besonders machte sich das z.B. kurz vor Schluss bemerkbar, wenn der Graf erschüttert erkennt, dass er in die Falle getappt ist. Da kreiert Mozart einen musikalischen Abgrund, über den Carydis einfach hinwegdirigiert.

Neben den beiden Sängern beeindruckte vor allem Olga Kulchynska mit sehr flexiblem Sopran und punktgenauer musikdramatischer Aktion als Susanna, während Federica Lombardi als Gräfin zwar eine wirklich fantastische Stimme hat, aber mit ihrem eitlen Dauerforte sowohl der Figur der Gräfin als auch der Produktion insgesamt etwas von ihrer Stimmigkeit nahm. Ein wunderbar skurriles Rollenporträt zeichnet Anne Sofie von Otter als aufwendig bemalte Marcellina, Paolo Bordogna als Bartolo, Manuel Günther als Basilio und Dean Power als Don Curzio bieten nicht minder stimmige Charaktere – musikalisch wie szenisch. Eine Entdeckung ist Anna El-Kashem als brillant-kecke Barbarina, die auch den Mut zu leisen Tönen hat. Solenn‘ Lavanant-Linke als Cherubino klang zu Beginn seltsam scharf, gewann aber im Lauf der Oper an Farbe und Ausdruck. Insgesamt aber blieb sie – vielleicht auch aufgrund ihrer mitunter geradezu peinlichen Kostümierung – blasser als man das sonst von dieser Rolle gewohnt ist.

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