Jewgenij Kissin in Salzburg

Anfällig für Schönes

Jewgenij Kissin mit Beethoven und Rachmaninow bei den Salzburger Festspielen – als wär’s das Einfachste aus der Klavierwelt

Von Derek Weber

(Salzburg, 4. August 2017) Kissin und Beethoven, das hat man sich lange nicht vorstellen können. Der einstmals als „Wunderkind“ gehandelte russische Pianist Jewgenij Kissin begann – wie Swjatoslaw Richter es einmal ausdrückte – als „Chopinist“. Und im Grunde ist er es auch geblieben. Das Romantische, das differenziert Schwärmerische, war sein bevorzugtes Metier. Und da ist er, wie man jetzt im Großen Festspielhaus nach der Pause bei den Rachmaninow-Préludes erleben konnte, immer noch „daheim“ wie kaum ein anderer. Jetzt ist er fast 46 und hat die Wende geschafft. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass er älter, „reifer“ geworden ist. Auch geheiratet hat er in der Zwischenzeit.
Erwachsen-Sein hat in der Klavierliteratur klarerweise viel mit Ludwig van Beethoven zu tun. Nicht mit der Mondscheinsonate und der Apassionata, sondern mit den späten Werken, die als besonders sperrig und schwierig gelten und um die gerne ein Bogen gemacht wird. Genau dort ist Kissin jetzt angelangt, bei jenem Werk, das Hans von Bülow das „neue Testament“ des Klavierspielens genannt hat: bei der „Großen Sonate für das Hammerklavier“.

Viel ist über das Werk und seine lange Zeit als unspielbar geltenden, von Beethoven stammenden Tempoanweisungen geschrieben worden, auch über das, was möglicherweise zwischen den Notenzeilen steht. Hans Werner Henze war ein überzeugter Anhänger dieser Idee. Er sprach von Beethovens Symphonien nur von „sagender“, erzählender Musik. Natürlich ist das Romantizismus. Aber kommt das nicht auch einem „Chopinisten“ wie Kissin entgegen? Sogar der späte Harnoncourt hat in einem sozusagen „historischen“ Verfahren damit experimentiert, indem er alte Konzertberichte nachspielen ließ. Das Ergebnis war, wie er einmal erzählte, erstaunlich, besonders, was die Temposchwankungen betraf.

Da sind wir schon mitten beim Thema „Hammerklaviersonate“. Größer als hier könnten die Tempounterschiede nicht sein. Für die einen galten die überlieferten Tempi – wie auch bei den Symphonien – als unspielbar: der 1. Satz eine Halbe = 138? Unmöglich! Am anderen Ufer waren jene versammelt, die meinten, den Beginn der Sonate als Huldigung an Erzherzog Rudolph, den Widmungsträger, lesen zu können. Dazwischen bewegte man sich, der eine schneller, der andere langsamer (mit großen Unterschieden auch im Adagio).
Durchgesetzt haben sich letzten Endes die Pianisten, die Beethovens Anweisung Recht gaben. Für Igor Levit beispielsweise beginnt die Sonate mit „einer vollen Breitseite“ und steigert sich zu „purer Hysterie“. Aber er konzediert, dass es auch „unheimlich reinhaue“, wenn man das falsche, das langsamere Tempo wähle.

Und Kissin? Was er macht, ist so ereignishaft wie einmalig, passt in kein Schema: So leicht über die Tasten gleitend und so unglaublich unaggressiv in den wilden Eingangsakkorden hat man die Sonate wohl kaum je gehört. Dabei hat doch der Musikwissenschaftler Charles Rosen vom Beginn der Sonate als einer „Energie-Explosion“ gesprochen! Der Klangtüftler Kissin wählt seinen eigenen Weg, nicht zwischen den Extremen, sondern abseits davon. Er sei „anfällig für Schönes“, hat er einmal gesagt. Das Verrückte des Originaltempos interessiert ihn nicht. Er nimmt den ersten Satz der Sonate im Modus eines leicht dahingespielten, fast möchte man salopperweise sagen: quasi-eleganten Salonstücks. Die Eingangsakkorde scheinen alles andere als bedeutungsschwer. Das Scherzo lässt er wie ein Intermezzo beginnen, dessen verborgene Wahrheit sich erst a posteriori im schwermütigen Trauergesang des „Adagio sostenuto“ erschließt. Die abschließende Doppelfuge aber ist auch für ihn schwere Arbeit. Immer wieder scheint er sich im Netz des Konstrukts verlieren zu wollen. Aber das ist nur eine Finte. Natürlich findet er den Weg zurück.

Die Zuhörer toben und werden nach der Pause mit leichterer Kost verwöhnt, mit Préludes von Sergej Rachmaninow. Diese Stücke sind natürlich gefälliger als Beethoven, wenn auch nicht unbedingt leicht zu spielen. Vielleicht sind sie auch deshalb so selten zu hören. Nach Beethoven hören sie sich allerdings – von Kissin meisterhaft gespielt – an wie Fingerübungen.

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