Welser-Möst und ein lauer Bruckner

Prosaisch

Franz Welser-Möst kann bei den Wiener Philharmonikern mit Bruckners 5. Sinfonie nicht überzeugen

Von Christian Gohlke

(Wien, 9. November 2018) Franz Welser-Möst, 1960 in Linz geboren, ist ein vielbeschäftigter Mann. Schon seit 2002 ist er Chefdirigent des Cleveland Orchestra, von 2010 bis 2014 war er zudem Musikdirekter der Wiener Staatsoper, in Salzburg wird ihm seit einigen Jahren Sommer für Sommer die Neuproduktion einer Oper anvertraut und darüber hinaus verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern, die er auf großen Konzertreisen in den letzten Jahren so häufig leitete wie kaum ein anderer Dirigent.
Jetzt steht die nächste Tournee bevor, die das Orchester zunächst nach Versailles führt, wo in der Hofoper ein Friedenskonzert zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges stattfindet, das 3sat live überträgt. Dann folgt eine dreiwöchige Reise nach Japan mit rund einem Dutzend Auftritten.

Dabei fragt sich so mancher, warum die Wiener Philharmoniker eigentlich gerade mit Welser-Möst so häufig arbeiten. Gewiss, sein Repertoire ist riesig. Aber nur allzu oft hinterlassen seine Konzerte einen seltsam schalen oder eben auch gar keinen Eindruck. So war es nun auch mit der fünften Sinfonie von Anton Bruckner, mit der sich Orchester und Dirigent am Freitag im Wiener Konzerthaus vor Beginn der Tournee gewissermaßen von ihrer Heimat verabschiedet haben.

Natürlich kennen die Wiener Philharmoniker ihren Bruckner ganz genau, und so glückt die Aufführung rein spieltechnisch ziemlich makellos. Aber sie berührt kaum. Und dies, obwohl der Dirigent sich keinesfalls entspannt zurücklehnt und die Musiker sich selbst überließe. Im Gegenteil: Welser-Möst dirigiert mit großen, manchmal geradezu ekstatisch anmutenden Gesten, wählt zügige Tempi und spart nicht mit starken Effekten. Dem Scherzo und dem Final-Satz gewinnt er dadurch eine Wildheit ab, die durchaus bemerkenswert ist. Mit Wucht spielen die tiefen Streicher den Beginn der Doppelfuge im abschließenden „Allegro“, und zu der glanzvollen Apotheose des Chorals kann man die Blechbläser sicher beglückwünschen. Schön auch, wie die Holzbläser ihr Thema über dem triolischen Streicher-Pizzikato im „Adagio“ in weiten Bögen ausgestalten oder wie das Thema von der herrlich weich und homogen klingenden Cello-Gruppe präsentiert wird. Klangschöne Momente und hervorragend gespielte Passagen gibt es an diesem Abend immer wieder. Doch aus der Summe gelungener Stellen ergibt sich noch kein Ganzes.

Bruckners Musik kann begeistern, wenn ein Dirigent wie Harnoncourt es schafft, ihre komplexe Architektur durchhörbar zu machen. Bruckners Musik kann tief bewegen, wenn ein Interpret wie Celibidache ihre spirituelle Tiefe, ihre vielleicht auch mystische Getragenheit entfaltet. Und die ganz großen alten Bruckner-Dirigenten wie Herbert Blomstedt oder Bernard Haitink verbinden Strukturanalyse mit seelischer Substanz.

Welser-Mösts Bruckner hingegen ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Weder überzeugt er durch eine glasklare Analytik noch durch besondere Ausdruckstiefe. Generalpausen sind bei ihm lediglich einige Sekunden Stille, nie aber Abgründe; Fortissimo-Ballungen sind halt laute Passagen, aber nie Ausbrüche; ein Decrescendo ist ein Leiserwerden, nicht aber ein Ersterben. Kurzum: Welser-Mösts Interpretation bleibt prosaisch. Vielleicht ist der Mann mit seinen noch nicht einmal sechzig Lenzen ja einfach noch zu jung und überschäumend-unausgegoren für diese Musik.

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1 Antwort
  1. Brückler
    Brückler says:

    Vielleicht ist der Herr Rezensent nicht willens oder nicht fähig, eine andere Interpretation als eine seinen Vorstellungen entsprechende zu akzeptieren. Der Oberösterreicher Welser-Möst kennt Bruckner wohl besser als mancher Musikkritiker.

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