War Requiem szenisch in Lyon

Zum Saisonstart bietet die Oper Lyon eine szenische Version von Brittens „War Requiem“, die jedoch kaum überzeugen kann. Am Pult stand der neue GMD Daniele Rustioni

Von Robert Jungwirth

(Lyon, 9. September 2017) Der Titel von Benjamin Brittens „War Requiem“ ist bewußt mehrdeutig. Zum einen ist das Werk natürlich den Opfern des Zweiten und Ersten Weltkriegs gewidmet, zum anderen ist es aber auch als Requiem für den Krieg an sich gemeint; Ausdruck der Hoffnung des Pazifisten Britten auf ein dereinstiges Ende aller Kriege. Die Hoffnung bleibt den Menschen, und eine Aufführung dieses immer wieder beeindruckend-bewegenden Werks aus dem Jahr 1962 wirkt gerade jetzt in Zeiten aggressiver Kriegsrhetorik umso aktueller. Dabei hatte die Oper Lyon das Werk ursprünglich in Erinnerung an das Jahr, das mit dem Kriegseintritt der USA den europäischen zu einem Weltkrieg machte, 1917 aufs Programm gesetzt. Nordkorea und die USA machen es zusätzlich bedeutsam.

Erstaunlicherweise hat es bislang keine szenische Version des War Requiems, das den lateinischen Messtext mit Gedichten des im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Wilfred Owen ergänzt, auf einer (größeren) Opernbühne gegeben. Die Oper Lyon, die gerade zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde, ist nun die erste, die sich daran gewagt hat – eine Idee ihres umtriebigen Intendanten Serge Dorny. Dorny hat dafür den 84-jährigen japanischen Regisseur Yoshi Oida verpflichtet, der als Schauspieler mit Peter Brook gearbeitet hat, japanische Theaterformen nach Europa brachte und auch selbst viel inszenierte. Als Kind hat er noch den Zweiten Weltkrieg erlebt. Man durfte also davon ausgehen, dass Oida Brittens Kriegs-Requiem in eine wirkungsvolle szenische Version übertragen würde. Allein es blieb beim Wunsch. Denn leider ist dem Regisseur jenseits erwartbarer Bebilderungen mit Soldaten in Uniformen, trauernden Hinterbliebenen von Kriegsopfern und der Begegnung der beiden feindlichen Soldaten (im Jenseits) kaum etwas eingefallen. Und die reduzierte Bewegung, die Oidas Stärke oft war, wird hier zum Manko.

Paul Groves und Lauri Vasar © Stofleth

Noch bevor der erste Ton erklingt, werden mit weißen Tüchern verhüllte Leichen gefallener Soldaten auf Wagen hereingeschoben. Ja, zu einem Requiem gehören auch Tote. Der Chor tritt mal in Gegenwarts-, mal in 50er-Jahre-Kostümen auf, bleibt aber meist statisch. Was hätte man mit dem Chor, der wir ja alle sind, nicht alles anstellen können? Am Ende tragen die Sängerinnen und Sänger zahllose Schwarz-weiß-Fotos von Soldaten umher oder haben Kerzen in der Hand. Die Kinder des Kinderchors falten brav die Hände zum Gebet und werden von einer Nonne dirigiert. Das wirkt alles sehr betulich, ein bisschen – mit Verlaub – wie im Schülertheater. Der Wucht, Tragik und Drastik der Musik entspricht das nicht wirklich. Am ehesten noch die virtuos auf den Rückprospekt projizierten S-W-Kriegsfilme beim „Dies irae“ (Bühne: Tom Schenk, Kostüme: Thibault Vancranenbroeck). Oder die Szene der beiden Soldaten, die vom Kanonendonner berichten. Zur grotesken Musik, die an Kurt Weills Songstil erinnert, „amüsieren“ sich die beiden mit sarkastischem Witz: „We laughed, knowing that better men would come, and greater wars…“ Im Hintergrund sorgt immerhin ein Gazevorhang für mitunter verblüffende Bildwirkungen zwischen Kriegsdüsternis und dunkel mattgold schimmernder Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Auch der neue GMD des Theaters, der 34-jährige Daniele Rustioni bleibt – muss man leider sagen – hinter den Erwartungen zurück. Nach einem spröden und arg trockenen Beginn, gewinnt die Musik zwar noch an Prägnanz und Kraft, bleibt aber insgesamt Größe und klangliche Qualität schuldig. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Musik auch an Wirkung einbüßt durch die Harmlosigkeit der Szene. Auch die Solisten Paul Groves (Tenor), Lauri Vasar (Bariton) und Ekatarina Scherbachenko überzeugen nicht durchgängig. Die besondere Idiomatik des Werks wird nur in manchen Passagen evident – das ist zu wenig. Chor und Kinderchor singen ansprechend.
Die Dringlichkeit von Brittens Komposition wird so kaum erfahrbar – weder szenisch, noch musikalisch.

Gewiss: Auch ein „Opernhaus des Jahres“ kann nicht nur Highlights produzieren – auch wenn man sich das natürlich wünscht. Schade ist vor allem, dass dem ersten (prominenten) Versuch, Brittens Requiem zu inszenieren, so wenig Erfolg beschieden war. Das könnte weitere potentielle Regisseure abschrecken – oder herausfordern…

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