Von Einem-Opern in Wien

Ein Fest für Gottfried von Einem

Wiens Opernhäuser im Gottfried von Einem-Erinnerungsfieber: Das Theater an der Wien zeigt „Der Besuch der alten Dame“ und die Staatsoper „Dantons Tod“

Von Derek Weber

(Wien, Mitte März 2018) In Wien ist eine Art Erinnerungswut ausgebrochen. Das gilt nicht nur für die staatlichen Gedenkveranstaltungen zur Gründung der Ersten Österreichischen Republik 1918 und zum „Anschluss“ ans Deutsche Reich im März 1938, sondern auch (in viel geringerem Maß) fürs 200-Jahre-Jubiläum der Uraufführung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ im Theater an der Wien und – nicht zuletzt – für Gottfried von Einems 100. Geburtstag.

Den schlank konturierten konzertanten „Fidelio“ unter Giovanni Antonini nehmen wir gleichsam nur „mit“, um auf Klaus Florian Vogt als ausnehmend hell timbrierten und wenig stimmschweren Florestan zu verweisen, zumal es zu nicht mehr als einer nicht-szenischen Aufführung im Theater an der Wien mit dem Kammerorchester Basel unter der Leitung des italienischen Dirigenten Giovanni Antonini reichte, der Beethovens Oper mit schankem Ton, vor allem hurtig nahm. Die Stimmen, allen voran Klaus Florian Vogt, waren der orchestralen Vorgabe angepasst. Auch die Leonore – die britische Einspringerin Emma Bell – war leichter als üblich besetzt, ebenso der Sänger des Rocco, Stefan Czerny, um nur die wichtigsten zu nennen.

Im Zentrum aber steht derzeit in Wien der 100. Geburtstag Gottfried von Einems. Wo sonst außer in Österreich sollte man sich dieses Komponisten erinnern, dessen Bedeutung heute kaum über die Alpenrepublik hinausreicht? So hat denn auch die Jubiläums-Krankheit ihr Gutes. Denn diesen Komponisten hat man ja zu seinen Lebzeiten so gar nicht gut behandelt. Seine Musik wurde kleingeredet und dass er sich nach dem Krieg für Bertolt Brecht eingesetzt hat, haben die kleinmütigen Kommunistenfresser ihm, dem großherzig-unbeugsamen Kosmopoliten, nie verziehen. Dabei schien die Uraufführung von „Dantons Tod“ bei den Salzburger Festspielen im Sommer 1947 eine große internationale Reputation zu begründen.

Auch später kam von Einem über Österreich nicht weit hinaus, doch komponierte er eine Reihe von Opern und Orchesterwerken. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich zunehmend der Kammermusik und dem Lied.

So sind denn die zwei Jubiläumsprojekte – der „Besuch der alten Dame“ am Theater an der Wien und „Dantons Tod“ an der Wiener Staatsoper – über die Jahrestage hinaus auch Teil einer Wiedergutmachung an einem Mann, der immer mutig und offen – zwei in Österreich nicht sehr verbreitete Tugenden – zu seiner Meinung gestanden ist. Die Salzburger Festspiele, deren Präsident er in der unmittelbaren Zeit nach 1945 war, bringen in diesem Jahr nicht mehr als eine konzertante Aufführung seiner Kafka-Oper „Der Prozess“ zustande. Wer in der Welt kennt schon den mäßig modernen Herrn von Einem in einer Zeit, in der es um Stars, Quoten und Verkaufszahlen geht, nicht um einen sturen alten Dickkopf, der seine Meinung nie nach dem Wind gehängt, sondern immer das gesagt und getan und komponiert hat, was er für richtig hielt. Auch Unbeugsamkeit ist keine österreichische Tugend.

Die Aufführungsstatistik spricht eine deutliche Sprache: Die Uraufführung von „Dantons Tod“ fand – prominent besetzt, mit Paul Schöffler in der Titelrolle, Julius Patzak als Camille Desmoulins, Maria Cebotari als Lucile und dem jungen Ferenc Fricsay (den eine österreichische Zeitung damals „Franz“ nannte) am Pult, der den angeschlagenen Otto Klemperer ersetzte, – im Sommer 1947 bei den Salzburger Festspielen statt. An der Wiener Staatsoper wurde „Danton“ im selben Jahr in einer Serie im Theater an der Wien wiederholt. (Die Staatsoper war ja zerstört und lange Zeit unbespielbar).
„Dantons Tod“ war ein europäischer Erfolg, nicht bloß eine lokale Angelegenheit. Überall wurde die Oper nachgespielt. 1967 folgte eine Neuproduktion im Haus am Ring, die 1972 zum letzten Mal gezeigt wurde. 1983 kam es zu einer Wiederaufführung in Salzburg, bei der Theo Adam die Titelrolle sang.Damit sind wir aber auch schon bei 2016.

1953 wurde in Salzburger „Der Prozess“ mit Max Lorenz als Josef K. gegeben. Diese Uraufführung leitete Karl Böhm. Eine kleine Hommage daran gibt es heuer bei den Festspielen mit einer konzertanten (!) Aufführung am 14. August.
Inzwischen gibt es auch einen Mitschnitt der Uraufführung vom „Besuch der alten Dame“ an der Wiener Staatsoper vom 23. Mai 1971, mit klingenden Namen (Christa Ludwig, die heuer 90 wird, Eberhard Waechter, Manfred Jungwirth, Heinz Zednik Hans Hotter und Hans Beirer; am Pult stand Horst Stein).

Foto: Werner Kmetitsch

Das aktuelle Einem-Jubiläum im Theater an der Wien wurde mit einer – man kann es nicht anders nennen – fulminanten, von fast schweizerischem Humor getragenen Inszenierung „Der alten Dame“ von Keith Warner begangen. Bis hin zum nervösen Kollektiv-Trippeln der Bewohner von Güllen, dem Ort, wo sich alles abspielt und der (Spielzeug)-Eisenbahn, die für das heruntergekommene Städtchen, in dem schon lange kein Schnellzug mehr hält, natürlich eine wichtige Hintergrundrolle spielt.

Ein böses Stück, zu dem der Verfasser der Vorlage, der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, nach einigem Zögern selbst das Libretto schrieb. Da lernt man die scharfe Schweizer Schwärze lieben. Die gefiel auch dem in der Schweiz geborenen Komponisten.
Die Hauptpersonen: ein schwarzer Panther (elegant: Michael Hinterhauser), eine stimmstarke Claire Zachanassian (Katharina Karnéus) und ein auch darstellerisch überzeugender Alfred Ill, der Claire vor vielen Jahren ein Kind gemacht hat, zu dem er sich lügenhaft nie bekannte (Russel Braun). Dafür will Claire sich nun rächen, indem sie eine Milliarde auf seinen Kopf aussetzt.

Von kleinen Schwachstellen abgesehen, waren auch die „zweiten“ Rollen sehr gut besetzt, bis hin zu Adrian Eröd als Lehrer und Markus Butter als Pfarrer. Auch die bitterbösen Nebenrollen um Claire Zachanassian herum wussten sich wirkungsvoll in Szene zu setzen– der Buttler Boby, die Gatten Moby und Zoby sowie Koby, Loby, Roby und Toby etc.. Und der Arnold Schoenberg Chor war nicht bloß in peppige Kostüme gewandet, sondern wie immer in aufgeweckter Form.
Das war in wahres Fest für Gottfried von Einem, das bei Michael Boder und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien in besten Händen war.

Doch wo das Theater an der Wien feiert, darf die Wiener Staatsoper nicht untätig bleiben. Hier inszenierte Josef E. Köpplinger, der Intendant des Münchener Gärtnerplatztheaters, Einems „Dantons Tod“ als plakatives, von viel Fahnenschwingen untermaltes, nicht immer ganz durchsichtiges und recht wörtlich genommenes, geradliniges Revolutionsspektakel. Da dominieren die blutige Folklore, das revolutionäre Fäusteballen und die große Pose. Auf einem zum Teil durch das Bühnenbild (Raner Sinell) künstlich verengten Terrain ballen sich immer wieder die Volksmassen zusammen, geraten ins Rasen und liegen am Ende als zusammengepresster Fleischhaufen auf der Bühne, vor dem Dantons Gefährtin Lucile mit dessen abgetrenntem Kopf ihr „Es lebe der König!“ singt, das auch ihr den Platz unter der Guillotine sichert. Der Historismus dominiert. Insgesamt aber fehlt der Produktion das Gebrochene, Disparate, Reflektierende, das schon Büchners Drama auszeichnete.

Alexandra Yangel als Julie, Wolfgang Koch als Georges Danton Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Musikalisch-sängerisch hingegen gibt es wenig auszusetzen: Wolfgang Koch ist ein massiger Danton, der über genügend Reserven für die explosiven Ausbrüche verfügt, Herbert Lippert singt seinen Mitstreiter Camille Desmoulins mit lyrischer Kraft, Tomas Ebenstein nimmt man die verschlagene Gefährlichkeit des Robespierre ab, und bei Ayk Martirossians Saint-Just ist man froh, auf deutsche Übertitel zurückgreifen zu können.

Der Chor der Staatsoper nimmt die Bühne im Sturm. (Der „Danton“ ist ja nicht zuletzt eine Choroper.) Das Orchester ist bei Susanna Mälkki in sicheren Händen. Sie versteht es vor allen Dingen, den vorwärtstreibenden Zug, den Drive, zu veranschaulichen, in den Gottfried von Einem – die Entscheidung für die Komposition fiel noch in die Zeit des NS-Regimes – eher das Gewalttätige des Nationalsozialismus, denn den revolutionären Terreur der französischen Revolution einkomponiert hatte. Es ist die „Masse“, die in der Oper den Ton mit angibt.
Was der Dirigentin nicht gelang, war die letzte Kontrolle über die Lautstärke zu bewahren, die bei der vorgegebenen Dichte der Partitur immer wieder über die Stimmen schwappte. Doch wo es möglich war, ließ sie dem durchhörbaren Stimmengeflecht weiten Raum.

Sicher ist der „Danton“ die Oper mit der bei weitem anspruchsvolleren Musik als „Der Besuch der alten Dame“. Und vielleicht ist die spätere Oper auch leichter zu inszenieren. Aber letzten Endes fällt – wenn man schon ein Urteil fällen muss –dieses im vorliegenden Fall zugunsten des Theaters an der Wien aus.

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