Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen

Verzweiflungssex im Thüringer Wald

Intelligent und witzig: Gelungener „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen in der Regie von Tobias Kratzer und unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev – zwei Bayreuth-Debütanten

Von Klaus Kalchschmid

(Bayreuth, 25. Juli 2019) Meist verkümmert das Ballett zur Musik des Bacchanals in Wagners „Tannhäuser“ zur peinlichen Sexualgymnastik, also setzt Regisseur Tobias Kratzer hier fort, was bereits die filmische Bebilderung (virtuos: Videodesigner Manuel Braun) der Ouvertüre (in der Dresdner Fassung) entwickelt hatte: Da fliegen wir mit einer Drohne über die Wartburg und tief in den Thüringer Wald hinein. Die Kamera sichtet einen kleinen Bus, in dem ein Clown, eine hyperaktive junge Frau, eine schwarze Drag Queen (Le Gateau Chocolat) und ein Kleinwüchsiger alias Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ mit viel Spaß durch die Landschaft fahren, mal schnell Fastfood kaufen, um es dann direkt aus der Verpackung in einer verlassenen Hütte mit Gartenzwergen im Vorgarten zu verspeisen. Auf der Bühne des Festspielhauses angekommen, nervt den Clown, der sich als Tannhäuser entpuppt, die Anwesenheit der schlanken Schönheit im schwarz-glitzernden Hosenanzug alias Venus ebenso wie das schlechte Essen aus Papiertüten, vielleicht aber auch der penetrante Aussteiger- und Revoluzzer-Charme seiner einst Angebeteten, die überall Plakate kleben muss mit Wagners Leitspruch „Frei im Wollen / Frei im Thun / Frei im Genießen“.

Doch nachdem Tannhäuser sich aus dem Wald gebeamt hat, kommt er vom Regen in die Traufe und landet in Sichtweite des Bayreuther Festspielhauses, das als großes Modell fast ganz im Kunstrasen versinkt. Dann tauchen auch noch die Kumpels aus seinem alten Leben auf und sogar Elisabeth. Sie verpasst dem, der sie so schnöde und plötzlich verlassen hat, erst einmal eine unerwartete Ohrfeige. Der Pilgerchor kommt auf dem Weg nach Rom in Bayreuth vorbei und die festlich aufgetakelten Wagner-Pilger bleiben, das Programmheft zum Fächern in der Hand, mutmaßlich für den Sommer hier hängen.

Vollends hintersinnig komisch wird es im zweiten Akt: Die Bühne ist zweigeteilt und zeigt in der unteren Hälfte den legendären Festsaal der Wartburg, aber ganz in mattes Schwarz getunkt, also seltsam unwirklich und wie verkohlt. Das freilich bringt das Brokat der Vorhänge und die Goldapplikationen der sehr geschmackvollen, halb historisierenden, halb zeitlosen Kostüme (Ausstattung: Rainer Sellheim) umso besser zur Geltung. In der oberen Hälfte des quadratisch ganz geöffneten Plafonds sieht man im Schwarzweiß-Film, was sich backstage ereignet: Wolframs Verzweiflung, als er Elisabeth wieder Tannhäuser zugeführt hat; die Festgesellschaft, wie sie sich auf ihren Auftritt vorbereitet; die Minnesänger(luxuriös besetzt mit Wilhelm Schwinghammer, Daniel Behle, Kay Stiefermann und Jorge Rodriguez-Norton), wie sie hinter der Bühne in Mimik und Gestik auf ihre jeweiligen Kollegen reagieren, die grade den Sängerkrieg austragen.

Vor allem aber bekommen wir in Echtzeit mit, wie Venus mit ihrer schillernden Entourage das Festspielhaus über den Balkon entert, in der Garderobe einen Edelknaben knebelt, sich in dessen Kostüm auf die Bühne schleicht und die hehre Veranstaltung etwas aufmischt. Als mit dem Geständnis Tannhäusers, dass er im Venusberg gewesen sei, das Ganze zu eskalieren droht, ruft die Festspielleitung (Katharina Wagner selbst am Inspizientenpult!) die Polizei, die denn auch mit Blaulicht den Grünen Hügel heraufbraust, mit gezückten Pistolen auf der Bühne des Festspielhauses landet und schließlich Tannhäuser verhaftet.

Spätestens jetzt muss von Elisabeth die Rede sein, die hier in Gestalt von Lise Davidsen eine selbstbewusste, eigenständig agierende und reagierende Frau ist, die Tannhäuser nach seinem Preis der sinnlichen Liebe mit spöttischem Applaus bedenkt und von Wolfram daran gehindert werden kann, den Sängerwettstreit vorzeitig zu verlassen, aber auch später empört darauf reagiert, dass der Landgraf (bassgewaltig, aber mit wenig Kontur: Stephen Milling) Tannhäuser zum Bußgang nach Rom nötigt. Die junge Norwegerin besitzt eine raumflutende Stimme, die von ferne an die junge Birgit Nilsson erinnert, freilich ohne deren hell strahlendes Trompeten-Timbre, sondern fülliger, breiter und auch ein wenig dunkler. Gegenüber dem Rollendebüt der 32-Jährigen in Zürich vor ein paar Monaten sind einige Farben und Feinheiten hinzugekommen und auch darstellerisch hat sie enorm an Reife und Überzeugungskraft dazugewonnen. Wenn die Rivalinnen Venus und Elisabeth sich hier im 2. Akt begegnen und lange in die Augen schauen, wüsste man gerne, was die beiden denken, wie auch ganz am Ende, wenn Tannhäuser die nach einem Messerstich in den Bauch verblutende Elisabeth, die bereits einen ersten Suizidversuch hinter sich hat (wovon die Narben an ihrem Unterarm zeugen), verzweifelt und doch irgendwie erlöst im Schoß hält.

Dieser dritte Akt spielt im grauen Niemandsland zwischen entblätterten Bäumen und Schrott. Der verbeulte Bus steht jetzt unter einer riesigen Reklame-Wand, von der wir lange nur die Rückwand sehen, später dann Le Gateau Chocolate mit ihrem schon ikonografisch gewordenen Konterfei im stahlblauen Rüschenkleid, den behaarten Busen mit ihren behaarten Armen halb bedeckend. Es ist der verstörendste Akt des Abends, an dem es auch nichts mehr zu lachen gibt, dafür wieder – wie zu Beginn – modernen, psychologisch genau beobachteten Realismus. Nicht nur schlurfen die Pilger als von der Gesellschaft Ausgestoßene über die Bühne und suchen in den Resten der Zivilisation nach Brauch- oder Essbarem, auch die tiefe Enttäuschung Elisabeths, nachdem Tannhäuser nicht zurückkehrt, führt zu Verzweiflungs-Sex mit Wolfram, der gerade dessen Clownskostüm anprobiert hat. Wie wohltuend, dass Stephen Gould in der „Rom-Erzählung“ mal nicht seinen sonst so laut und sämig breit, aber indifferent strömenden baritonalen Tenor vorführt, sondern auch fahle Farben findet, Hässlichkeit zulässt und plötzlich zu einer überzeugenden, anrührenden Figur wird. Elena Zhidkova als Venus spielt zwar – als Einspringerin für Ekaterina Gubanova, die sich bei den Proben verletzt hat – die sportliche, allzeit bereite, sendungsbewusste Aussteigerin herrlich vital und durchaus sexy, aber stimmlich passt sie sich zu sehr Gould an und reduziert ihren schönen Mezzo auf Dauerforte.

Erstaunlicherweise gab es nahezu einhellige Zustimmung für das Regieteam, aber Valery Gergiev musste bei seinem Bayreuth-Debüt etliche Buhs einstecken. Die galten vielleicht auch dem Putin-Freund. Denn der Tausendsassa, für den der Chefposten bei den Münchner Philharmonikern und am Mariinsky Theater in St. Petersburg nur ein Teil seiner weltweiten Aktivitäten umfasst, lässt die frühe Fassung des „Tannhäuser“ schon in der Ouvertüre wunderbar frisch und in den flirrenden Streicher-Begleitungen des Pilgerchors sinnlich pulsieren. Auch später klingt nichts gedämpft, sondern stets vorwärtsdrängend und enorm plastisch: der immer noch frühe Wagner also nicht vom Spätwerk her gedacht, sondern von der italienischen Oper und der Grand Opéra Meyerbeers.

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