Philip Glass – Der Prozess in Salzburg

Prozess Landestheater Salzburg

Klingende klaustrophobische Endlosschleifen

Das Salzburger Landestheater zeigt als österreichische Erstaufführung Philip Glass‘ Oper „Der Prozess“ – eine hörens- und sehenswerte Produktion

Von Robert Jungwirth

(Salzburg, 2. März 2019) Wer wissen will, wie fragil das Recht ist, der braucht sich nur einmal die Bilder von Justitia anzusehen. Meist baumeln ihre Waagschalen für die Rechtsprechung windschief herum, und dass sie verbundene Augen hat, schafft auch nicht unbedingt mehr Vertrauen. Vertrauen ist das Stichwort. Wie soll man denn auch in von Menschen gemachtes und verwaltetes Recht wirklich Vertrauen haben? Der Grat zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld ist oft genug sehr schmal. Der Jurist Franz Kafka wusste sehr genau um die Volatilität des Rechts, und seine Skepsis ist in seiner albtraumhaften Farce „Der Prozess“ zur Weltliteratur geworden – so rätselhaft wie brillant, so beängstigend wie komisch.

Orson Welles hat das in seinem Film von 1962 klaustrophobisch bedrückend in Szene gesetzt und auch auf der Sprechtheaterbühne gab es schon überzeugende Umsetzungen, etwa an den Münchner Kammerspielen durch den Regisseur Andreas Kriegenburg. Aber als Oper? Gottfried von Einems Versuch kann nicht wirklich überzeugen – siehe KlassikInfo-Kritik von den Salzburger Festspielen 2018. 2014 hat sich dann auch noch der Dreiklangsexzentriker Philip Glass daran gemacht, den Roman zu veropern.

Tatsächlich wirkt der Beginn von Glass‘ Opernversion von Kafkas „Prozess“ eher harmlos plätschernd. Man könnte die Musik auch genauso gut oder schlecht für Tom Sawyer oder die Buddenbrooks verwenden oder auch für nichts von alledem. Doch allmählich, wenn die Handlung ihre albtraumhafte Unentrinnbarkeit entwickelt und Franz K., während er nach Erklärungen für seine Verhaftung sucht und sich dabei immer weiter in ein Labyrinth der Ausweglosigkeit hineinmanövriert, entwickelt sich auch die Musik zu einer Art klingender klaustrophobischer Endlosschleife, aus der es kein Entkommen gibt: Franz K. – gefangen in endlosen Dreiklangbrechungen. Vielleicht hat Glass‘ Musik hier ihre Bestimmung gefunden – ähnlich wie schon in dem Film „Koyaanisqatsi“.

Immer wieder spitzt der Komponist Szenen aber auch zu, macht damit nicht nur deren Ausweglosigkeit, sondern auch deren grotesken Witz deutlich. Genau das gelingt auch dem Regisseur der österreichischen Erstaufführung am Salzburger Landestheater Carl Philip von Maldeghem. Geschickt pendelt seine Inszenierung zwischen Realismus und Verfremdung, überlässt es damit letztlich dem Zuschauer, wieviel Realismus oder Phantastik er der Handlung beimessen will. Gesungen und gespielt wird das in Salzburg von einem jungen und ganz hervorragenden Ensemble. George Humphreys ist ein gutaussehender und kämpferischer K., der gerne flirtet und dabei praktischerweise auch noch viel von den Damen über seinen anstehenden Prozess erfährt. Die Damen sind mit Anne-Fleur Werner und Katie Coventry hinreißend besetzt, ebenso William Ferguson als Student, Prügler und Maler Titorelli. Und auch die Rollen der Wächters, des Advokats und des Onkels lassen mit Franz Supper, Raimundas Juzuitis, Jacob Scharfman und Michael Schober keine Wünsche offen. Jeder Sänger/Sängerin bis auf den der Titelrolle ist mehrfach besetzt.

In Thomas Peknys aus Plexiglas-Wänden gestalteter Bühne (Kostüme: Alois Dollhäubl), die sich am Ende bei der Parabel vom Türhüter langsam alle zuziehen, gewinnen der Gesang und das Spiel der Darsteller eine zwanglose Plausibilität, die sich auch aufs Publikum überträgt. Auch durch die konzise und klangschöne Leistung des Mozarteumorchesters Salzburg unter der Leitung von Robin Davis. Großer Jubel am Ende für eine hörens- und sehenswerte Opernversion von Kafkas berühmter Justiz-Farce.

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