Oberon von Weber in München

Alyona Abramowa (Puck/Titania) und Julian Prégardien (Oberon)

Oberarzt Oberon

Carl Maria von Webers Feen-Oper „Oberon“ ist bei den Münchner Opernfestspielen ein witziges, am Ende zutiefst tragisches Liebes-Experiment

Von Klaus Kalchschmid

(München, 21. Juli 2017) Carl Maria von Webers letzte Oper „Oberon“ wird ob ihrer Musik hochgeschätzt und wegen (viel gesprochenem) Text und Handlung ebenso heftig geschmäht. Dank Mut zur Parodie, großartiger Puppenspieler und ebensolcher Sängerinnen und Sänger wurde die „Romantische Feenoper in drei Aufzügen“ jetzt bei den Münchner Opernfestspielen im Prinzregententheater umfassend rehabilitiert. Oberon (mit feinem lyrischem Tenor und flexibler Sprechstimme: Julian Prégardien) ist hier kein zauberischer Elfenkönig, sondern Oberarzt einer Klinik, der in einem großangelegten Experiment die Liebesfähigkeit des Menschen testen will, während seine Kollegin und Frau Titania (reichlich zickig und leider mit starkem Akzent fast unverständlich sprechend: Alonya Abramowa) illusionslos ist und das Experiment so weit treibt, bis es am Ende vollkommen aus dem Ruder läuft.

Zwei Männer – genannt Hüon von Bordeaux und Scherasmin, sein Begleiter – wurden zufällig die aktuellen Probanten, nachdem sie zu Beginn vergeblich ihre Plätze im realen Theater einnehmen wollten. Oberon schickt sie auf eine Reise in den Orient, zwei Frauen aus den Fängen „böser“ Araber zu befreien, um damit ihre Liebesfähigkeit zu testen. Das ist ganz ähnlich wie im Original von James Robinson Planché (die hier gespielte deutsche Fassung stammt von Theodor Hell), aber verlegt in die Jetztzeit.

Annette Dasch (Rezia), Sebastian Mock (Puppenspieler), Manuela Linshalm (Puppenspielerin) und Rachael Wilson (Fatime) Foto: W. Hösl

Annette Dasch (Rezia), Sebastian Mock (Puppenspieler), Manuela Linshalm (Puppenspielerin) und Rachael Wilson (Fatime) Foto: W. Hösl

Rezia hat ihren mutmaßlichen Retter Hüon schlafend herbeigeträumt und der steht auch bald vor ihr und knutscht sie nieder. Wie Annette Dasch und Brenden Gunnell nicht nur diese Szene mit herrlichem Mut zur Selbstparodie übertrieben artikulierend und gestikulierend spielen und singen, macht großen Spaß und passt perfekt zur Aktion der lebensgroßen Puppen mit sehr plastischen Gesichtern, die von den drei Pucks – zugleich Mitarbeiter der Klinik (grandios: Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen, Sebastian Mock) gesprochen und gespielt werden. Allerlei Figuren stellen sie dar: Ein altes streitendes Ehepaar, drei Seeräuber – die später Hüon und Rezia entführen werden, und ganz am Ende Doppelgänger dieses hohen Paars, die den jeweils „echten“, lebendigen Menschen in die Verzweiflung und den Wahnsinn treiben. Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan gelingt es famos, ironisierend, mit viel Spielwitz und in oft scheinbar improvisierten Szenen, alle unfreiwillig komischen Klippen des Werks zu umschiffen, bzw. sie auszustellen.

Geklonte Menschen vor japanischem Holzschnitt

Die Bühne von Jakob Brossmann stellt einerseits ein zweistöckiges Labor mit allerlei Resopal-Holztüren im ersten Stock dar, zeigt aber hinter den Wänden über Eck immer wieder in charmanten, faltbaren blauen Pappkulissen eine orientalische Stadt mit dominierender Moschee und anderen Gebäuden. Da erscheint ein Ozean mit täuschend echt schwimmenden bzw. schwebenden Fischen oder schieben sich im Parterre zwischen den Labor-Türen riesige Wellen, wie man sie von japanischen Holzstichen kennt, auf die Bühne. Anderes – wie das Schiff, auf dem Rezia und Hüon gen Griechenland reisen sollen – wird symbolisch dargestellt, ist eigentlich die Kommandozentrale von Ärzten und Personal. Elfen gibt es hier natürlich keine mehr, nur geklonte Menschen mit schwarzen Kurzhaar-Perücken in scheußlich wattierten weißen Kitteln wie aus einem Science-Fiction-Horror-Film (Kostüme: Denise Heschl).

Trennscharfer Klang

Ein bisschen Mozartsche „Entführung“ spielt in das Geschehen hinein, Shakespeares „Mittsommernachtstraum“, gewürzt mit einer Prise Prüfungs-Zinnober aus der „Zauberflöte“. Das ist im ersten Teil recht spannend, im zweiten – nachdem ein von Titania entfachter Seesturm Hüon und Rezia beinahe umgebracht hat, stagniert die Handlung etwas. Aber gerade dafür hat Weber seine tiefschürfendste Musik komponiert, beginnend mit der berühmten Ozean-Arie der Rezia, über ihre todtraurige Cavatine (Nr. 18) und die virtuosen Arien Hüons bis hin zur Musik für das „niedere“ Paar Scherasmin (noch im Opernstudio, ab nächster Spielzeit im Ensemble: der junge, schon ausnehmend bühnenpräsente Johannes Kammler mit charaktervollem Bariton) und Fatime (die zauberhafte Rachael Wilson mit fein leuchtendem Sopran). Brenden Gunnell hat mit der hohen Tessitura und den jungheldischen Anforderungen des Hüon keinerlei Probleme, singt fast mühelos und mit feinem Glanz. Annette Dasch braucht etwas, um ihre Stimme zu finden, aber spielt von Anfang an mit herrlich übertriebenem Tragödinnen-Duktus. In ihrer anspruchsvollen Arie („Ozean! Du Ungeheuer!“) freilich gelingt ihr alles, wirkt sie mit ihrem schönen, üppig ausgreifenden Sopran ganz bei sich. Alle Anspannung scheint nun von ihr abgefallen.

Ivor Bolton setzt mit dem Staatsorchester ganz auf Klarheit und trennscharfen Klang in Webers raffinierter, oftmals kammermusikalischer Partitur. Wenig Elfen-Duft lässt er zu, aber betont umso mehr die frühromantische Leuchtkraft der vielschichtigen Oper. Am Ende lässt Bolton es mit dem Bayerischen Staatsorchester im leicht hochgefahrenen Orchestergraben des Prinzregententheaters so richtig bläserbetont scharf und eisig knallen. Passend zur Szene, denn am Ende ist hier ein Experiment gründlich schief gegangen. Der Chefarzt (Oberon) wurde im Wahn von Hüon ermordert. während dieser mit seiner Rezia, vollgepumpt mit Medikamenten und elektro-schock-geschädigt, zum unsichtbaren Jubelchor auf der Hinterbühne nur in Zeitlupe unwirklich lächelnd ins Publikum winkt.

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