Loy inszeniert Webers Euryanthe in Wien

Decodierte Romantik

Carl Maria von Webers große Oper geradezu schwerelos inszeniert und zu Recht umjubelt im Theater an der Wien

Von Derek Weber

(Wien, 12. Dezember 2018) Eigentlich ist es eine Schande, dass man diese Oper nicht kennt, bzw. von ihr als einziges Stück bloß die Ouvertüre. Eine „große romantisch-heroische Oper“ nannte Carl Maria von Weber seine 1823 entstandene „Euryanthe“. Ob sie uns heute noch als so „heroisch“ entgegentritt wie in den romantischen Jahren ihrer Entstehung, muss zwar dahingestellt bleiben. Ein großartiges Werk ist sie aber allemal. Das zeigt sich zumal dann, wenn sich zu einem feurigen und doch so konzisen Dirigenten wie Constantin Trinks noch ein Regisseur findet, der mit dem überschäumenden Pathos der frühen Romantik umzugehen weiß: Christof Loy ist eine Meisterleistung gelungen. Er hat die Bühne des Theaters an der Wien radikal leergeräumt. Außer einem nackten weißen Raum (Bühnenbild: Johannes Leiacker), einem Bett und einem Klavier gibt es nichts, was die intelligente und genaue, zwischen Resignation und explosiven Ausbrüchen changierende Personenregie einengt.

In einer Zeit, in der das technoide Element (samt Video-Bespielung) auf den Bühnen immer mehr dominiert, ist es geradezu ein Glücksfall, wenn die Regie sich auf ihre eigentliche Aufgabe besinnt, Personen und ihre Ängste zu zeigen und das Publikum so nahe und intensiv als möglich an die handelnden (und meist nur vorübergehend triumphierenden) und leidenden Personen eines Stücks heranzuführen.

Das romantisch-phantastische Brimborium einer Oper wie „Euryanthe“ wird dabei zur dekorativen Nebensache. Ohne dieses steht plötzlich die volle Dramatik des Stückes „nackt“ vor uns: Eine Vierecksgeschichte aus einer Zeit, die wohl nicht zufällig in einem kriegerischen Ambiente verortet ist (oder anders gesagt, in einem Milieu, das eine Gesellschaft zeigt, in der nichts mehr „normal“ läuft. Der Eine – Adolar – traut sich als Kriegsheimkehrer nicht mehr zu seinem Mädchen (der tugendsamen Euryanthe) zurück, der andere, Lysart, ist zum Zyniker geworden, der die Treue Euryanthes partout auf die Probe stellen und damit Adolar – aus welchen Gründen auch immer – eins auswischen will.

Er scheint zu gewinnen. Was in jener ominösen Nacht, in der Lysart und Euryanthe zusammen sind, wirklich geschehen ist, klärt sich erst gegen Ende der Oper auf, ebenso wie die lange zurückliegende traumatische Vorgeschichte: der Selbstmord von Adolars Schwester Emma, den dieser nicht verwindet. Zwischen all dem gibt es sozusagen als noblen Vermittler einen König (Ludwig VI.), der an das Gute in den Menschen glaubt (wenn man diesem Guten nur eine Chance gibt).

Die Verwicklungen, in welche die Geschichte gekleidet ist, gehen am Ende gut aus: Denn erst einmal will Adolar Euryanthe klammheimlich töten, bringt es aber nicht übers Herz, sie zu ermorden. Doch stirbt Euyanthe an gebrochenem Herzen, vielmehr: Es scheint so, dass sie stirbt. Denn sie überlebt.

Christof Loy hat dazu im Programmheft eine die ganze Geschichte entwirrende und sich aufs Wesentliche konzentrierende Inhaltangabe verfasst. Wäre das nur immer so, könnte man getrost auch all jene als unspielbar und fad geltenden Schubert-Opern auf die Bühne bringen. Denn das große Hindernis zur ihrer Aufführung sind die die für uns Heutige meist verwirrenden und nicht einfach decodierbaren Libretti der frühen romantischen Opern. Umso verdienstvoller ist Loys Regie.

Bleibt nur noch, einen Blick auf die sängerischen Leistungen des Casts zu werfen. Die größten Herausforderungen betreffen bei Opern wie „Euryanthe“ die Frauenpartien. Jacquelyn Wagner verfügt für die Titelrolle über genügend dramatisches Potential, um die auch stark ins Lyrische hinein reichende Partie mit Leben zu erfüllen. Anzumerken bleibt hierbei, dass der Komponist Weber hier alles Klischeehafte bei der Aufteilung der Frauenrollen in „leicht“ und „dramatisch“ hinter sich gelassen hat. Hier sind alle „dramatisch“.

Theresia Kronthaler verleiht der Rolle der Eglantine jene Farbe der ins Böse abgleitenden Eifersucht, die notwendig ist, könnte allerdings auch noch ein Mehr an vokaler Kraft vertragen. Aber man kann sicher sein: die kommt noch, denn das Wesentliche an der Rolle ist verstanden und verkraftet.

Norman Reinhardt hingegen hat für den verstockt leidenden Adolar genügend Reserven und vermag den introvertierten Kriegsheimkehrer auch als Charakterdarsteller mit Leben zu erfüllen. An Andrew Foster-Williams ist übers Sängerische hinaus zu bewundern, mit welcher Selbstverständlichkeit er sich nackt auf der Bühne bewegen kann. Und Stefan Czerny verleiht dem König ein so großes Maß an Noblesse, um sich als glaubwürdig zwischen den verfeindeten Jungen vermittelnder Landesherr zu präsentieren.

Eine Klasse für sich: wie immer der Arnold Schoenberg Chor, der von Loy auch wirkungsvoll als szenisch kompakt geführter Protagonist eingesetzt wird. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien rief sich als Klangkörper in Erinnerung, der auch das nicht-alltägliche Repertoire glänzend bedienen kann.
Überhaupt: Diese Premiere bewies erneut, welch wichtige Rolle das Theater an der Wien im hiesigen Musiktheaterleben spielen kann und spielt, wenn man die richtigen Sänger und Regisseure einlädt.

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