Haitinks Abschiedsymphonie in Salzburg

Meister der Steigerungen

In Vorbereitung seines letzter Auftritts: Bernard Haitink, der große Bruckner-Dirigent, tritt ab – mit einer Sternstunde in Salzburg

Von Derek Weber

(Salzburg, 30. August 2019) Jetzt ist es also so weit: Bernard Haitink, der große und bescheidene Bruckner-Dirigent wird mit neunzig den Stab aus der Hand legen. In diesen Tagen sind im Rahmen der Salzburger Festspiele zwei Konzerte mit den Wiener Philharmonikern angesetzt, die beide das gleiche Programm haben: Ludwig van Beethovens 4. Klavierkonzert und Anton Bruckners 7. Symphonie. Dann folgt noch ein Konzert mit den Philharmonikern und dem nämlichen Programm sowie dem nämlichen Solisten (Emanuel Ax, der für Murray Perahia eingesprungen ist) am 6. September im Rahmen des Lucerne Festival. Danach wird sich Haitink in das zurückziehen, was er offiziell sein „Sabbatical“ nennt.

Bernard Haitink, das ist ein Markenzeichen besonderer Art. Der holländische Dirigent, der seit Jahren in Luzern lebt, hat nie hysterische Begeisterungsstürme provoziert wie andere Dirigenten, die sich als Pultgenies gerierten. Auch die Wiener Philharmoniker haben ihn erst spät als Bruckner-Dirigenten für sich entdeckt. Doch seit Jahren ist er aus dem Großen, dem „Goldenen“ Wiener Musikvereinssaal, wo die Konzerte des Orchesters stattfinden, nicht mehr wegzudenken gewesen.

Kein Wunder also, dass nun zum Abschied Bruckner 7. Symphonie aufs Programm gesetzt wurde. Nach einem Sturz geht der Dirigent am Stock. Es ist wie eine Ironie: Hat er doch nie eingesprungene Pirouetten benötigt, um seine Ideen den Orchestern zu vermitteln. Er ist ein Meister der sparsamen, aber sehr präzisen Gesten, entlockt den Orchestern geheimste Klangreserven mit minimalen Gesten und – allerdings sehr bestimmten – Handbewegungen. Mit ihnen gibt er jene Anstöße, welche die Musiker genau zu lesen verstehen.

Diese Klanganweisungen haben nichts Herrisches an sich. Das Blech klingt im Fall der Siebenten Symphonie immer wieder fast scheu. Doch führt er es in langen Steigerungsbögen Stück für Stück bis zu einem (freilich stets kontrollierten) Zenit hinan. Nie klingt die Tuba bedrohlich finster, noch schreiten die Wagner-Tuben ins Bedrohliche fort. Immer geht ein feierlicher Ton von ihnen aus.

Bei Haitink kann man lernen, wie dezent vier dem Wirbeln verfallene Pauken sich auch im Fortissimo anhören können. Kleine Generalpausen dienen dem Atemholen, nicht irgendwelchen Zwischen-Stillständen.
Vor allem aber ist Haitink ein Meister der Steigerungen. Er treibt nicht an, sondern hält die Musiker zurück. „Nur nicht zu früh nervös, nur nicht ungeduldig werden“, bedeutet er ihnen. Und vor allem muss die Musik transparent bleiben. Sie soll fließen, nicht dröhnen. Jedes Flötensolo muss wie der organische Teil eines Ganzen über dem dunklen Blech oder einem kräftig gewebten Streicherteppich schweben. Haitinks Dirigier-Anweisungen sind überaus präzis und bestimmt.

Man soll mit Begriffen wie „Sternstunden“ nicht leichtfertig um sich werfen. Doch was in Salzburg zu hören war, war mit Gewissheit eine solche: Zu hören war eine Symphonie mit klassischem Ebenmaß, wie sie nur einem Dirigenten gelingt, der auf eine lange Bruckner-Erfahrung zurückblicken darf. Es kann wohl kein Zufall sein, dass heute alte Herren wie Bernard Haitink oder Herbert Blomstedt die Wegmarken für Bruckner-Interpretationen in den Boden schlagen. Glücklich wir, die wir als Zeitzeugen mit dabei sein dürfen.

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