Cristian Macelaru dirigiert Symphonieorchester des BR

Klangsinnliche Exaltationen

Cristian Macelaru springt für Mariss Jansons beim BR ein und dirigiert Strawinskys „Le sacre“ und Schostakowitschs erstes Violinkonzert mit Leonidas Kavakos

Von Robert Jungwirth

(München, 2. November 2018) Die Zeiten, da Strawinskys „Le sacre du printemps“ die Zuhörer spaltete und gar zu Saalschlachten animierte (wie bei der Uraufführung 1913) sind glücklicherweise längst vorbei. Mittlerweile ist Strawinskys wohl berühmteste Komposition ein Klassiker des Repertoires neben Beethoven, Mozart und Mahler. Und kein Orchester, das etwas auf sich hält, schreckt noch vor der Polyrhythmik und den sich virtuos überlagernden Themen und Motiven zurück. Was freilich nichts an den enormen Anforderungen ändert, die dieses etwa 40-minütige Werk an ein Orchester und an jeden einzelnen Musiker stellt. Und natürlich an den Dirigenten, der die klanglichen und rhythmischen Exaltationen und Explosionen im Zaum halten muss. Spitzenorchester wie das Symphonieorchester des BR schütteln sowas wie selbstverständlich aus dem Ärmel, und deshalb kommt es umso mehr darauf an, dass ein Dirigent hier nicht nur verwaltet, sondern tatsächlich auch gestaltet.

Cristian Macelaru, der für den erkrankten Mariss Jansons eingesprungen ist, hat das getan. Der Rumäne, der im nächsten Jahr Chefdirigent des WDR-Symphonieorchesters wird, lässt das Orchester nicht einfach nur wie eine Präzisionsmaschine schnurren und stampfen – er gestaltet auch stets Klangsinnliches und mystisch-magische Momente in dieser Musik über einen imaginären heidnischen Frühlingskult. Und dabei wirkt Macelaru so entspannt als würde er Verdi dirigieren. Das ist sehr souverän ohne abgebrüht zu wirken. Genau das ist ja bei dieser Komposition oft das Problem, dass sie als technokratisches Orchesterfeuerwerk missverstanden wird. Macelaru tut das nicht und gibt der Entfesselung des Rhythmus‘ eine klangsinnlich-emotionale Basis – zusammen mit den hervorragenden Solisten des Symphonieorchesters des BR. So möchte man den „Sacre“ öfter hören!

Das hätte Macelaru in Schostakowitschs erstem Violinkonzert aus dem Jahr 1948 vermutlich ebenfalls noch mehr getan, wenn ihn der Solist Leonidas Kavakos dabei nicht immer wieder eingebremst hätte. Kavakos spielte das überaus persönliche und intime Werk, das Schostakowitschs Verzweiflung und Melancholie in der Stalinzeit auf geradezu erschütternde Weise deutlich macht und das erst nach Stalins Tod uraufgeführt wurde, sehr zurückgenommen, ja nüchtern. Sicher sind die Präzision und Geradlinigkeit von Kavakos‘ Spiel für sich genommen beeindruckend, hier jedoch hätte man sich schon etwas mehr emotionale Beteiligung vor allem in der Passacaglia gewünscht. Im einleitenden nachtschwarzen Nocturne bot Kavakos dafür enorm differenzierte Abstufungen von Piano-Tönen, was diesen Satz zu einem spannend-intensiven inneren Monolog machte. Und die aberwitzigen, grotesk bis sarkastischen Wendungen im Schlusssatz gerieten ebenfalls überzeugend und brillant. So blieb ein etwas gespaltener Eindruck von diesem Violinkonzert, das man schon sehr viel bewegender und beteiligter vernommen hat.

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