Zauberflöte in Wien

Gut gemeint, aber nicht sehr treffsicher

Was sich liebt, das grapscht sich. Die Musik ist stimmig, die hehre Humanität bleibt dabei fast auf der Strecke.
Mozarts „Zauberflöte“ am Theater an der Wien in der Regie von Torsten Fischer und unter der musikalischen Leitung von René Jacobs.

Von Derek Weber

(Wien, 19. September 2017) Eingeweiht werden Brücken, nicht Menschen, sagt der Regisseur der neuen „Zauberflöte“ am Theater an der Wien, Torsten Fischer, ironisch mit Blick auf die Sarastro-Welt. Ausgehalten aber wird von dieser Oper und ihrer Musik alles, könnte man kommentierend fortsetzen. So bewahrheitet sich eine alte Weisheit: Was immer mit der „Zauberflöte“ bühnenmäßig geschieht und angestellt wird: Sie hält es aus. Wie ein altes stabiles Dampfschiff tuckert sie weiter, hält Kurs und gibt dennoch nicht alle Rätsel preis. Mit der neuen Inszenierung am Theater an der Wien verhält es sich nicht anders. Doch stimmt da zumindest die musikalische Ausrichtung, für die René Jacobs mit der Akademie für Alte Musik Potsdam und dem Arnold Schoenberg Chor bestens sorgt: mit alten Instrumenten, schlankem Zuschnitt, unsentimental und zügigen Tempi. Und einem solistischen Sängerensemble, das durch die Bank werkdienlich besetzt ist (mit kleinen Devianzen nach oben und unten).

Das Singen fällt ja in diesem Theater-Kleinod leicht, das wie geschaffen ist für eine von Mozart so genannte „Große Oper“ vom Zuschnitt der „Zauberflöte“, die mit „kleinen“ Stimmen auskommt und in der das Volkstümliche dominiert: Etwas, das nur entstehen kann, wenn in legerer Façon gesungen wird. „Groß“ geraten ist hier nur die Partie der „Königin der Nacht“ mit (oder besser: wegen) ihren halsbrecherischen Koloraturen. Nina Minasyan heimste denn auch nicht zu Unrecht den größten Applaus ein; auch Dimitry Ivahshenko konnte als unprätentiöser, nobler und human gestimmter Sarastro das Publikum für sich gewinnen. Und natürlich erwies sich die Papagena, gesungen von Katharina Ruckgaber, einmal mehr als großer Publikumsliebling.
Sebastian Kohlhepp (Tamino) und Sophie Karthäuser (Pamina) gaben ein vokal ausreichend legitimiertes Liebespaar und Daniel Schmutzhard war als Papageno ein charmanter Hallodri, der seinem schwarzen Gegenüber Monostatos (Michael Smallwood) die Show zu stehlen wusste.

Foto: Herwig Prammer

Um einige knifflige Fragen machten Torsten Fischer und sein Dramaturg und Mitausstatter Herbert Schäfer die üblichen Bögen. Wen kümmert es schon, wo die drei Knaben hingehören und warum sich in der Regel das Knirschen zwischen dem 1. und dem 2. Akt nicht abstellen lässt. Da wurde für Wien gründlich gesäubert und gefeilt, um aus dem leicht bösen und nicht ganz uneigennützigen Priesterchef des ersten Teils einen guten Vormeister zu machen. Überhaupt wurde einiges an Text und kleinen Szenen insbesondere in der zweiten Abteilung gestrichen, unter anderem das Priesterduett, weil es in dieser Konstellation in der Tat keinen Sinn ergeben hätte.
Sozusagen als Kompensation für das salbungsvolle Outrieren, das in der Regel die Sarastrowelt an derlei Stellen dominiert, wurde ein Einschub in den Beginn des 2. Akts mit hinein genommen: Die Kantate eines Freimaurers („Eine kleine deutsche Kantate“), die Mozart in einem anderen Zusammenhang vertont hat und in der zu Liebe und religiöser Toleranz aufgerufen wird. Dazu erscheint an einer Art Klagemauer der Text eines Gedichts von Luigi Nono.

Immerhin: So schlecht war die Idee nicht, die Gegenwart auf die Bühne zu holen. Der Haken daran war: Die Intervention führte zum Stillstand des Stücks. Was zu sehen war, war gutgemeint, doch nicht unbedingt treffsicher. Genauso wenig die Idee, dem sexuell gemeinten Grapschen einen großen Spielraum zu geben. (Das ist immer so, wenn aus Momenten einer Inszenierung Strategeme werden.)
Für die Feuer- und Wasserprobe und die Geharnischtenszene reichte die Phantasie des Leading Teams wie üblich – zum Unterschied von der letzten Papagena-/Papagenoszene – nicht ganz aus. Ebenso nicht zur Bewältigung des Schlusses. Aber das ist wohl eher ein allgemeines Problem, das Mozart und Schikaneder den nachfolgenden Regisseuren und Dramaturgen hinterlassen haben. Nur die Dirigenten haben’s da etwas leichter.

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