Rattle mit dem LSO zu Gast in Salzburg

Mahler ohne Kompromisse

Die Neunte Mahler bei den Salzburger Festspielen mit Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra

Von Derek Weber

(Salzburg, 21. August 2018) Seit 2017 ist Simon Rattle Musikdirektor des London Symphony Orchestra. Was das bedeutet, konnte man nun bei den Salzburger Festspielen hören, leider eben nur in einem Konzert. Aber immerhin ist es interessant, zumindest Gustav Mahlers Neunte in einer unglaublich packenden Interpretation zu hören. War das ein Gischten und Brausen, ein Gleißen und Drüberstrahlen der Trompeten! Die Symphonie erklang souverän, geschärft und neu angepackt.
Die Neunte ist ja ein Schlüsselwerk des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Man hört das erschreckend Moderne und bekommt das Vergangene mitgeliefert. Rattle kann das: Zuweilen schien es, als träte die Musik auf der Stelle, zerfahren und unschlüssig – so, als käme sie nicht mehr weiter. Dann wieder war sie geräuschhaft. Da wurde man im wahren Sinn des Wortes eines Werks gewahr, mit dem am Tor zum 20. Jahrhundert gerüttelt wurde. Zuweilen streift die Musik die Grenze zum Bruitistischen. Und immer wieder brach sich der Abgesang ans 19. Jahrhundert – mahlerisch, wie auch epochal – Bahn.

Der Erste Satz – die Geburt des 20. Jahrhunderts aus dem Nichts, das dem zögerlichen Chaos des Beginns weicht, in dem der Streicherklang des 19. Jahrhunderts suspendiert ist. Der Zweite Satz – ein unerhörtes Gemenge aus bäuerlich-ruppigem Ländlergeist und städtischem Walzerklang und auf höchsten und immer wieder überraschenden Kontrast angelegt .

Der Dritte Satz, die „sehr trotzige“ Rondo-Burleske, – eine wuchtige Parodie auf die Stubengelehrsamkeit mancher nach-wagnerianischer Halb-Neutöner seiner Zeit, dass nur so die polyphonen Funken stieben. Manchmal bündelt sich die Musik zu einem geradezu zackigen Marschtempo, immer dem stürmischen Vorwärts verpflichtet.

Die interpretatorische Wucht von Rattles Idee geht aber eben nur mit Blechbläsern wie solchen des Londoner Orchesters auf, die auch das von Rattle stark akzentuierte Anziehen des Tempos am Schluss des Satzes souverän und präzise umzusetzen verstehen.
Das Adagio-Finale schließt der Dirigent unmittelbar ans Rondo an, ohne dass er – wie alle anderen auch – eine Antwort auf die geheimnisvolle Anweisung „noch zurückhaltend“, anböte. Wahrscheinlich ist das auch nur ein allgemeiner (und irreführender) Hinweis Mahlers darauf, dass am Ende ja doch noch ein letzter und womöglich siegvoller Abschluss kommen könnte. Der aber war ihm schon bei der Siebenten Symphonie nicht mehr gelungen.

Es bleibt beim Ersterben, einem erschütternden Abschied, viel schmerzvoller als der letzte Satz des „Liedes von der Erde“, zerbrechlich und im vierfachen Piano aushauchend.
Entspannung und Ruhe, bedeutet uns Rattle, ist am Ende dieser Symphonie nicht mehr möglich, mögen (die links oben postierten) Hörner und die Trompeten sich noch so die Seele aus dem Leib blasen und die Beckenschläge noch so sehr wieder klanglich nahe an das herankommen, was man einmal salopp als „Tschinellen“ bezeichnete.

Simon Rattle dirigiert das aufmerksamst, mit großen, weit ausladenden Bewegungen und so intensiv, dass sich der Applaus am Ende nur langsam aus dem Publikumsrängen hervorwagt, so, als wäre der Schrecken der Musik den Zuhörern gehörig in die Glieder gefahren. Nichts anderes war ja auch Mahlers Intention.
Überhaupt scheint der Dirigent den Abschied von seiner Berliner Zeit vollzogen zu haben. Dort hat man ihn ja nicht immer gut behandelt. Rattle wirkt wieder freier und souveräner, so, als wäre ein Druck von ihm genommen. Die Verbindung zum London Symphony Orchestra scheint ja auf Dauer angelegt. Um Rattles künstlerische Zukunft muss man sich wahrlich keine Sorgen machen.

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