Pique Dame in Stuttgart

Helene Schneiderman (Gräfin), Rebecca von Lipinski (Lisa), Erin Caves (German) Foto: A. T. Schaefer

Petersburger Hinterhöfe

Tschaikowskys „Pique Dame“ in der Regie von Wieler/Morabito als düsteres Endspiel in Stuttgart

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 14. Juni 2017) Der alten Gräfin wurde prophezeit, dass einst ihr dritter und letzter Liebhaber, dem sie durch Nennung von drei Karten Glück im Spiel verschafft, auch ihren Tod verursacht. Wenn Hermann (russisch: German, weil deutscher Abstammung) in Tschaikowskys vorletzter und dunkelglühendster Oper sie heimsucht, gibt es bei Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart tatsächlich eine erotische Szene. Die verleiht diesem entscheidenden Wendepunkt des Dramas eine knisternde Spannung und Helene Schneideman wie Erin Caves haben sichtlich Spaß daran, wie sie ihm lustvoll mit nackten Füßen seine Brust liebkost, im letzten Kuss auf ihm liegend aber auch den Exodus erlebt – der kleine Tod als der große, endgültige. Später erscheint die Gräfin ihm noch einmal wie eine Vison und verrät ihm endlich die drei Karten, die als verhängnisvoll mit dem Motiv seiner geliebten Lisa verschränkten Leitmotiv auch durch die Musik irrlichtern: Drei, Sieben, As. Am Ende, wenn Hermann wahnsinnig geworden ist, weil er die vermeintlich falsche Karte gezogen und alles verloren hat, liegt die Gräfin wieder auf ihm – und gibt ihm den finalen Todeskuss!

In solchen Szenen ist das Regieduo ganz nah am Stück, an der Musik und an den Figuren, während man sonst manchmal überlegen muss, welchen Subtext die beiden grade inszenierten, wer welche Funktion hat. Auch der Raum ist in beständiger Bewegung, hat Anna Viebrock (auch für die Kostüme verantwortlich) doch auf der Drehbühne ein Kaleidoskop an Treppen und Balkonen gebaut auf vor sich hin verrottenden Wänden. In dieser Imagination verschachtelter Hinterhöfe in einem Armenviertel von St. Petersburgs blättert überall die Farbe ab, wuchern Schimmel oder Rußflecken. Das ist ein Alp-Traum-Ort, der den Figuren keinen Halt gibt und sie immer wie auf der Flucht durch allerlei Türen, Fenster und Durchgänge zeigt; als Sitzgelegenheiten dienen nur ein paar weinrote, ausgeleierte Kinosessel an den Wänden. Und was ist dies für ein seltsames fahrbares Möbel aus dem 19. Jahrhundert, das aussieht wie eine überdimensionierter alter Aufzug oder ein Beichtstuhl? Aus ihm steigt die alte Gräfin, hier wird ihre Leiche versteckt, und es dient als Gruft für den toten Hermann, dem der Männerchor ganz leise wie nicht von dieser Welt ein sanftes, choralartige Requiem singt: „Herr verzeih ihm! Und erlöse seine rebellische und gequälte Seele!“

Es mag an der zweiten Vorstellung gelegen haben (die altem Theatergesetz zufolge nach einer erfolgreichen Premiere schwächer ausfällt), aber nach überzeugendem Beginn musste man immer wieder um die Protagonisten bangen: Rebecca von Lipinski besitzt zwar einen schönen dramatisch leuchtenden Sopran, aber mühte sich doch immer mal wieder mit der Höhe – nicht zuletzt in ihrer großen Solo-Szene, als sie Hermann nach dem Tod der Gräfin bang erwartet. Erin Cavin begann großartig und steigerte sich am Ende wieder. Dazwischen schien ihn die anstrengende Partie jedoch immer wieder an seine Grenzen zu bringen; allerdings war er als Schauspieler großartig, man denke nur an den Beginn des dritten Bilds, wenn der im dunklen Kapuzenpulli Vermummte sich in Zeitlupe während der düster brütenden Musik in Zeitlupe auf die Bühne schleicht, wandelndes schlechtes Gewissen und potentieller Amokläufer. Großartig besetzt war Graf Tomski mit dem enorm präsenten und mit einem flexiblen Prachtbariton ausgestatteten Russen Vladislav Sulimsky, der ein verschlagenen, undurchsichtigen Mann darstellte, während Sigheo Ishino als Jeletzki, Verlobter Lisas, den sie für Hermann in die Wüste schickt, musikalisch ebenso blass blieb, wie er von der Regie ins Abseits manövriert wurde.

Ganz anders die Gräfin der Helene Schneiderman, hier nicht inmitten von Hofdamen, sondern umgeben von nicht minder heruntergekommenen Pennerinnen: eine in all dem Dreck immer noch stolze, herrische, selbstbewusste Frau. Oder die Polina der mit einem fulminanten Mezzo ausgestatteten Stine Marie Fischer: ein schlankes, hochgewachsenes Vollblutweib, gefühlte 1.95 cm groß und voller geiferndem Spott, wenn sie eine altertümliche Romanze zum Spiel eines herrlich verstimmten Klaviers vorträgt. Auch der zierlichen Yuko Kakuta gelingt singend und spielend als Mascha ein Kabinettstück – nicht zuletzt im Schäferspiel, das Wieler/Morabito als ausgelassenen Kindergeburtstag mit Pappnasen und Masken aus Papiertüten sowie allerlei sonstigem Kostüm-Firlefanz inszenieren. Lauter Requisiten sind das in einer ebenso herrlich absurden wie abgründig komischen Szenerie, die sich der wie immer fabelhafte Chor der Staatsoper Stuttgart erst zusammenbastelt.

Dieses Neben- und Miteinander von Tragik und Komik zeichnet insgesamt diese Inszenierung – wie so oft bei Wieler/Morabito aus. Leider spielt das Staatsorchester unter Sylvain Cambreling nicht immer trennscharf und so düster intensiv, wie Tschaikowsky es komponiert hat. Aber wie gesagt, es war die zweite Vorstellung . . .

 

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