Orff und das 20. Jahrhundert – Konzert in München

Woher kommt das Schnarchen?

Beim Konzert im Münchner Orff-Zentrum zeigt Peter Tilling Verbindungen zwischen Orff und seinen Kollegen im 20. Jahrhundert

Von Robert Jungwirth

(München, 20. November 2018) Es gehören schon Mut und Phantasie dazu, Carl Orff mit Helmut Lachenmann in einem Konzert zusammenzuspannen und das Ganze mit „From Orff on / further“ zu betiteln. Der Cellist, Komponist und Ensembleleiter Peter Tilling hatte diesen Mut und er ist davon überzeugt, dass Orffs Einfluss auf andere Komponisten durchaus größer war und ist als das gemeinhin angenommen wird.

In dem von Tilling kuratierten Konzert für das Münchner Orff-Zentrum spannte er mit 12 Werken von 11 Komponisten einen vielgestaltig weiten Bogen von Orff zu Debussy, Hindemith, Berio, Henze und Reimann bis hin zu drei Uraufführungswerken von Boris Yoffe, Benjamin Scheuer und von Tilling selbst. Dazu gab es eingestreut immer wieder kurze Stücke der Orff-Weggefährtin Gunild Keetmann, die Tilling wirkungsvoll für Flöte, Viola und Cello bearbeitet hat.

Sind es bei Aribert Reimann vielleicht das Melos und immer wieder hervortretende Konsonanzen – hier in den Canzoni und Ricercari für Flöte, Viola und Cello aus dem Jahr 1961 -, die eine Brücke zu Orff schlagen können, so mag man bei Berios Musica leggera von 1974 Alte-Musik-Anklänge und bei Henzes Serenade für Cello solo von 1949 deren musikantische Originalität als Anknüpfungspunkte zu Orff hören.
Natürlich geht es Tilling nicht darum, konkrete Einflüsse zu benennen, sondern eher darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Orffs besondere Wertschätzung des Volksmusikalischen, des Reduktionistischen und Sprachlichen in der Musik nicht folgenlos blieb im 20. Jahrhundert – auch wenn viele glauben, der Serialismus habe alle Verbindungslinien zwischen Orff und der Nachwelt gekappt…
Mit dem im selben Jahr geborenen Paul Hindemith hat Orff die Suche nach einer Tonsprache jenseits von Schönberg gemeinsam. Dessen Sonate für Harfe solo – fantastisch gespielt von Maria Stange – war ein wunderbarer Beleg dafür. Allein schon all diese spannenden Kammermusikwerke des 20. und 21. Jahrhunderts einmal in einem Konzert zu hören – zumal auf einem solch hohen spieltechnischen Niveau wie vom ensemble risonanze erranti -, machte diesen Abend im Münchner Orff-Zentrum zu einem herausragenden Erlebnis, ja zu einem Highlight der gerade begonnenen Münchner Konzertsaison. Wann bekommt man schon mal Debussys fantastische dreisätzige Sonate für Flöte, Viola und Harfe aus dem Jahr 1915 live zu hören? Zu Maria Stange gesellten sich die Flötistin Anne-Cathérine Heinzmann und die Bratscherin Sarina Zickgraf.

Anne-Cathérine Heinzmann, Verena Usemann und Peter Tilling Foto: Adamiak/Orff-Zentrum

Unter den Uraufführungswerken sei hier besonders Benjamin Scheuers CLIP für Bassflöte, Viola und Cello hervorgehoben – ein Werk, das virtuos und verblüffend mit geräuschhaften Lauten der Spieler durch den Mund arbeitet und das mit grotesken Glissandi an den Instrumenten verbindet. Ähnliches hat man zuvor auch in Helmut Lachenmanns temA für Flöte, Stimme und Cello von 1968 gehört, in dem der Komponist quasi Vorsprachliches und Vormusikalisches zum Ausgangsmaterial seines Werks machte. Da stöhnt, ächzt und scharcht die Sopranistin Verena Usemann bauchrednerisch, so dass man sich zwangsläufig nach seinen Sitznachbarn umsieht, um den Schnarcher ausfindig zu machen…Hinterfragende, revolutionäre Musik aus dem Revolutionsjahr 1968, an vermutlich auch Orff sein Vergnügen gehabt hätte.

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