Musik-Stiftung Bru Zane feiert in Venedig Jubiläum

Palazzo di Musica

„Palazzetto Bru Zane“ in Venedig feiert das 10-jährige Bestehen mit einem Festkonzert mit der Sopranistin Véronique Gens und einem dem Komponisten Reynaldo-Hahn-gewidmeten Festival

Von Klaus Kalchschmid

(Venedig, Ende September 2019) Nach zehn Jahren und unzähligen Konzerten, musikwissenschaftlichen Kongressen, zweiundzwanzig eigenen Veröffentlichungen in opulenter CD/Buch-Ausstattung kaum bekannter französischer Opern des 19. Jahrhunderts – oft von renommierten Komponisten und mit enorm qualitätvoller Musik; dazu zehn Komponisten-Porträts, Bücher und Noten, nicht gerechnet Koproduktionen mit verschiedenen Plattenfirmen: Zurecht hat die in Venedig ansässige Stiftung „Palazzetto Bru Zane“ genau am Tag des Festkonzerts mit Véronique Gens in Venedig zum 10-jährigen Jubiläum den Preis der Zeitschrift „Oper!“ in der Kategorie „Bester Förderer“ bekommen – in Berlin! Denn die Stiftung verfolgt seit 2009 eine auf Breitenwirksamkeit ausgerichtete Forschungs- und Editionsarbeit, die man in anderen Ländern – und für anderes Repertoire – wohl kaum findet. Unbekannte deutsche Musik des 19. Jahrhunderts etwa wäre ein nicht minder lohnendes Gebiet.

Aber bleiben wir bei der in Venedig ansässigen französischen Stiftung von Madame Nicole Bru: Mit der Entdeckung eines kleinen heruntergekommenen „Casinos“ von 1697, das 100 Jahre zum gegenüber des Kanals liegenden Palazzo der Familie Zane gehörte, fing 2006 alles an. Kaum mehr etwas erinnerte damals daran, dass im 18. Jahrhundert im kleinen zweistöckigen Saal Bälle gefeiert wurden, Gäste empfangen oder in einem der angrenzenden Räume „Liebe gemacht wurde“, wie Alexandre Dratwicki, Künstlerischer Leiter der Stiftung, beim Interview im kleinen, ebenfalls vollständig mit Fresken ausgestatteten Zimmer schmunzelnd erzählt, das heute als schmucker Besprechungsraum dient. In anderen sind Büros, ein schalldichter Probenraum und das Archiv untergebracht. Bei der Führung durch die zauberhaften Räume erfährt man nicht nur, dass erst nach dem Kauf herauskam, welcher in Venedig wohlbekannte und hochgeschätzte Künstler wie Sebastiano Ricci mit den Fresken beauftragt war, sonst wäre die Kaufsumme wohl weit höher ausgefallen; sondern auch, warum es ein derart schönes Treppenhaus gibt, dessen Fresken zum Großteil übermalt waren: Heute betritt man das ehemalige „Casino“ gleichsam über den Hintereingang durch einen kleinen begrünten Hof, einst gab es das Entrée durch einen großen Garten und man wurde vom kleinen, aber wahrlich feinen Treppenhaus mit Deckengemälde „empfangen“.

Im 99 Plätze fassenden Saal mit seiner schönen Empore auf allen vier Seiten finden ebenso Empfänge wie Konzerte und Plattenaufnahmen statt. Der dritte Abend des Jubiläumswochenendes mit dem Beginn des Reynaldo Hahn gewidmeten Festivals war einer wunderbar vielfältigen Auswahl von 25 seiner 126 Lieder gewidmet, die Tassis Christoyannis gerade alle für die erste Gesamtaufnahme auf vier CDs eingespielt hat, die noch im Herbst erscheinen soll. Diese französischen „Mélodies“, oft auch schon fast Chansons, teilweise auf Englisch und dann „very british“ oder im venezianischen Dialekt und dann wie reine Canzonetten komponiert, spiegeln, was für ein schillernder Charakter dieser Komponist gewesen sein muss: Als Sohn eines jüdischen Diplomaten wurde er in Caracas geboren, wuchs nach der Emigration der Eltern in Paris auf, war Schüler Jules Massenets, lernte Stéphane Mallarmé und Marcel Proust kennen, dessen Geliebter er wurde. Nach seinen ersten beiden Opern „l’îsle du rêve“ von 1898 (im Januar im Sonntagskonzert des Münchner Rundfunkorchesters zu erleben) und „La Carmélite“ aus dem Jahr 1902 (im März konzertant in Toulouse) wandte er sich der leichten Muse zu. Aus dieser Zeit stammt „Ô mon bel inconnu“, die Palazzetto Bru Zane als dritte musiktheatralische Arbeit Hahns in der Saison 2019/20 auch auf CD herausbringen wird. 1945 erfuhr Reynaldo Hahn endlich die verdiente Anerkennung als Komponist und wurde sogar Direktor der Pariser Opéra.

Tassis Christoyannis ist der perfekte Interpret für diese überaus farbigen „Mélodies“, denn keine theatralische Volte lässt er sich entgehen, verfügt dabei aber über ein baritonales Spektrum, das vom federleichten Pianissimo in der Kopfstimme eines Baritenore bis zur kernigen Tiefe und einem sonoren Fortissimo eines Bassbaritons reicht, immer zugleich nah am Text und präzise in der musikalischen Ausformung, dabei stets getreu der Maxime Reynaldo Hahns: „Bei der Deklamation steht das perfekte Artikulieren an erster Stelle, an zweiter steht eine korrekte Aussprache.“ Tags zuvor gab es Kammermusik Hahns in einem Konzert mit dem russisch-französischen Quatuor Tchalik und dem Pianisten Dania Tchalik, fünf Geschwistern, die sich einer Violin-Romanze von 1902, dem zweiten Streichquartett (1946) und dem Klavierquintett von 1921 widmeten. Es war das aufregendste und kompositorisch reichste Stück des Abends, von den Tchaliks in der mit jeder Menge großformatiger Gemälde reich ausgestattenen „Scuola Grande San Giovanni Evangelista“, die gleich neben dem Palazzetto liegt, herrlich lebendig und facettenreich dargeboten.

In diesem großen historischen Festsaal fand auch das Jubiläumskonzert mit Véronique Gens und „I Giardini“, einem Klavierquintett, statt. Dafür hat Alexandre Dratwicki etliche sehr geschickte, klanglich reizvolle Bearbeitungen von Klavier- oder auch Orchesterliedern Massenets, Saint-Saëns‘, Messagers oder Faurès hergestellt, darunter das sechste Lied aus Hector Berlioz‘ „Nuits d’été“, Hahns „La Dernière Valse“ oder gar das durch Edith Piaf berühmt gewordene „La Vie en rose“. So bekam der Abend, der auch Originalwerke für Klavierquintett enthielt, eine schöne Rundung und war irgendwo zwischen feiner Kammermusik und leicht Opernhaftem angesiedelt. Gens, die wie Tassis Christoyannis schon bei zahlreichen Operngesamtaufnahmen für die Stiftung mitgewirkt hat, etwa 2017 in München bei Benjamin Godards „Dante“, war dafür genau die richtige Sängerin mit wunderbar gehaltvoll wandlungsfähigem Sopran. In der neuesten CD-Veröffentlichung kann man sie in der hierzulande nahezu unbekannten, noch nie aufgenommenen ursprünglichen Fassung von Gounods „Faust“ mit gesprochenen Dialogen und etlichen später gestrichenen oder ausgetauschten Nummern als Marguerite erleben.

Eine weitere Neuveröffentlichung zum Jubiläum umfasst zehn CDs und bietet einen reichen Querschnitt durch die zehnjährige Editions- und Veröffentlichungs-Geschichte der Stiftung. Darunter sind zwei CDs mit Ausschnitten aus den Opern-Gesamtaufnahmen; je eine CD ist Operette und „Café Concerts“, Kantaten, Geistlicher Musik, Orchesterwerken, konzertanter und Kammermusik gewidmet. Da wird deutlich, wie reich die französische Musikgeschichte der Jahre zwischen 1780 und 1920 war und wie viele Schätze „Palazzetto Bru Zane“ schon heben konnte, darunter etwa Charles Gounods „Cinq-Mars“ und „Le Tribute de Zamora“, beide in München konzertant aufgeführt und dann auf CD mit reich ausgestattetem, zweisprachigem Buch veröffentlicht , das immer auch das Libretto auf Französisch mit englischer Übersetzung enthält.

Vom 3. Oktober bis 26. Oktober gibt es weitere fünf Konzerte innerhalb des Reynaldo Hahn-Festivals in Venedig; manches davon live zu hören auf www.bru-zane.com/classical-radio. Auch die Ausstellung mit großartigen Venedig-Fotos von Reynaldo Hahn ist bei freiem Eintritt noch bis 31.Oktober im Palazzetto Bru Zane (San Polo 2368), zu sehen. Über www.bruzanemediabase.com lassen sich jede Menge Informationen über französische Musik des 19. und frühen 20. Jahrhundert abrufen.

Am 7. Oktober findet im Pariser Théâtre des Champs-Élysées die festliche „Gala des 10 ans“ statt. Dort werden Solistinnen und Solisten wie Rodolphe Briand, Emmanuel Ceysson, Tassis Christoyannis, Cyrille Dubois, Véronique Gens, Edgaras Montvidas, Lara Neumann und Olivier Py zusammen mit dem Orchestre de chambre de Paris und dem Choeur du concert spirituel unter der Leitung von Hervé Niquet Wiederentdeckungen von Saint-Saëns, Gounod, Hervé, Godard, Offenbach, Lemoyne, Halévy, Méhul und Audran präsentieren.

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