Levit verschärft Schostakowitsch

Ein Fugen-Tagebuch nach Bach

Igor Levit stemmt bei den Salzburger Festspielen in fast drei Stunden die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch

Von Klaus Kalchschmid

(Salzburg, 9. August 2017) Da wollte es ein Großer mit dem Größten von Allen aufnehmen, inspiriert durch eine Aufführung des „Wohltemperierten Klaviers“ von Johann Sebastian Bach zu dessen 200. Todestag im Jahr 1950. Und so komponierte der 44-Jährige Dmitri Schostakowitsch noch einmal einen gewaltigen Zyklus aus 24 Präludien und Fugen, allerdings anders als Bach, der seine 2 x 24 = 48 Paare chromatisch ordnete (also auf C-Dur/c-moll Cis-Dur/cis-moll folgend ließ, usw.). Im sogenannten „Quintenzirkel“ folgen bei Schostakowitsch einem Paar in einer Dur-Tonart und der dazugehörigen Moll-Parallele jeweils Tonarten mit einem weiteren Vorzeichen: auf C-Dur/a-moll G-Dur/e-moll, dann D-Dur/h-moll, A-Dur/fis-moll usw.

Manche Stücke wirkten beim Abend Igor Levits im Großen Saal des Mozarteums wie Bach-Paraphrasen, sehen auch im Notenbild täuschend ähnlich aus, manches atmete tief und erschütternd Schostakowitschs Melancholie und Schwermut oder offenbarte seinen so typisch vieldeutigen Sarkasmus und erinnerte daher manchmal an ein musikalisches Tagebuch. Auch wenn Schostakowitsch hinter den Finessen und der Komplexität Bachs zurückbleibt, verblüfft doch die Variationsbreite in den meist knappen Präludien, aber auch die Variabilität der Fugen-Themen und ihre effektvolle Dramaturgie der Verarbeitung in meist drei- oder vierstimmigen Fugen.
Igor Levit spielte mit nur einer Pause die beiden jeweils knapp 80 Minuten dauernden Teile mit je 12 Paaren unmittelbar hintereinander, verständlicherweise mit Hilfe von Noten. Denn allein den Überblick in einer der oft ausufernden Fugen zu behalten, sie sowohl dynamisch wie im Geflecht der Stimmen, im Ausdruck ebenso wie im großformalen Überbau klug zu strukturieren, allein das erfordert eine enorme Gedächtnisleistung und einen großen Weitblick.

Viele große Momente gab es zu erleben an diesem langen, kontrastreichen, ebenso spannenden wie für alle Beteiligten anstrengenden, aber am Ende umso beglückenderen Abend. Da wurde das h-moll-Präludium rhythmisch prägnant und düster geschärft, brach die „marcatissimo“ zu spielende Fuge Nr. 11 (H-Dur) wild aus, zumal Levit fast immer die vorgeschriebenen Tempo- und Dynamik-Angaben verschärfte, ja radikalisierte. Er nahm sich gegenüber den Eintragungen im originalen Notentext Freiheiten, die allerdings immer Sinn machten. Deshalb gab es nach der sarkastisch wilden, höchst virtuosen Toccata der Des-Dur-Fuge (Nr. 15) auch spontanen Applaus.
Manches klang geradezu impressionistisch (wie die b-moll-Fuge oder das F-Dur-Präludium); das cis-moll-Präludium dagegen hatte eindeutig sein Vorbild in Bachs Es-Dur-Präludium aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers. Expressiv moderne Chromatik prägte die Es-Dur-Fuge (Nr. 19), Präludium und Fuge c-moll (Nr. 20) spielte Levit dagegen wie ein überirdisches Mirakel, ebenso schlicht wie von natürlichem Ausdruck vergoldet, während das B-Dur-Präludium (Nr. 21) wie ein Hummelflug schwirrte. Gewaltig türmte sich dann ganz zum Schluss die F-Dur-Fuge auf, als wollte da jemand ein keinerlei Widerspruch duldendes Bekenntnis mit gemeißelten Akkorden im Fortefortissimo abgeben.

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