Henzes Bassariden bei den Salzburger Festspielen

Antiken-Rätseldrama

Hans Werner Henzes „Die Bassariden“ kehren nach 52 Jahren an den Ort der Uraufführung zurück – die Salzburger Festspiele

Von Klaus Kalchschmid

(Salzburg, 16. August 2018) Salome sah sich dieses Jahr in Salzburg einem nackten Männer-Rumpf ohne Kopf gegenüber und musste imaginäre Lippen küssen, eine von Hunden zerrissene Leiche Achills gab es in Kleists „Penthesilea“ auch nicht, aber am Ende von Hans Werner Henzes „Die Bassariden“ – anders als bei der Salzburger Uraufführung 1966 in der englischen Originalfassung – trägt Agaue unter dem blutigen weißen Nachthemd den Kopf ihres Sohns Pentheus, den sie in bacchantischer Verzückung getötet hatte. Auch zuvor war Regisseur Krzysztof Warlikowski nicht um Effekte verlegen: Da wiegen und wippen sich rotgewandete Frauen in einer Art chinesisch angehauchtem Säulen-Raum mit Polstersesseln – alles in dunklem Rot – beim Mänadentanz, während eine junge schlanke splitternackte Frau Kopf und Haare ebenso wild wirbelt wie ihren Unterleib.

Henze gliederte seine „Oper seria“ nach einem Libretto von W. H. Auden und Chester Kallmann nicht in Akte, sondern in die vier, ineinander übergehenden Teile der klassischen Symphonie mit einem Sonatensatz, der die Musik von Pentheus und seinem Gegenspieler Dionysos verarbeitet, Scherzo und Adagio samt Fuge sowie einer großen Passacglia über ein 43-töniges Thema als Finale: Kadmos (Willard White), König von Theben, hat die Herrschaft an seinen Enkel Pentheus abgegeben. Die Menge preist den neuen Herrscher. Da ertönt von ferne der süße a-cappella-Ruf eines Fremden. Mit wehenden Fahnen zieht die Menge in das Tal am Fuße des Berges Kytheron, um den Gott willkommen zu heißen. Zurück bleiben der alte Seher Teiresias (Nikolai Schukoff), Kadmos, seine Tochter Agaue (Tanja Ariane Baumgartner), und Beroe (Anna Maria Dur), die Amme seines Enkels Pentheus. Vor der Klangkulisse der zunehmend euphorisierten Menge der Bassariden und ihren Ayayalya-Rufen sinniert Kadmos über den jungen Gott. Pentheus erteilt dem Hauptmann (der in jeder Hinsicht attraktive junge ungarische Bassbariton Károly Szemerédy) den Befehl, Anhänger des Dionysos gefangen zu nehmen, um in der Folter etwas über ihren Gott in Erfahrung zu bringen. Der Hauptmann kann nur wenige Gefangene vorführen, darunter einen vermeintlichen Priester des Dionysos, in Wahrheit ist es dieser selbst.

Mit verführerisch schöner Musik verwirrt der „Fremde“ Pentheus, neingestandene Faszination bemächtigt sich seiner. Ein Spiegel soll ihm die Erkenntnis über das Geschehen auf dem Kytheron bringen, doch stattdessen sieht er die traumatische Vision einer Tanzpantomime, in der Nymphen von Satyrn verfolgt werden. Der hypnotische Einfluss des Fremden wird immer stärker. Er überredet Pentheus, als Frau verkleidet unerkannt das Geschehen auf dem Berg zu verfolgen. Doch Pentheus wird entdeckt und bald erkennt Agaue entsetzt, dass sie statt eines Löwen-Kopfes, den ihres Sohnes in Händen hält.

Diese nicht ganz unkomplizierte, psychoanalytisch befrachtete Handlung kann man im puristischen Einheitsbühnenbild im Wortsinn entfalten wie es Christof Loy vor zehn Jahren in München brillant gelungen ist und im zeitlosen Look das Archaische binden. Doch konkrete Militär-Uniformen, wechselnde Chorkostüme, das beständige Be-, Ent- und Verkleiden, macht nur ein einziges Mal wirklich Sinn: wenn Pentheus sich mit einem langen weißen, zart symbolistisch bedruckten Kleid als Frau herrichten lässt und herzzerreißend hilflos das Ausdrucksrepertoire ekstatischer Verzückung einüben will. Der großartige, ungemein intensive, männlich herb und doch ausgesprochen schön singende Russell Braun verkörpert den von einem Demagogen, Menschenfänger und Schaumschläger verführten Mann grandios. Und dieser Dionysos ist beim charismatischen jungen Tenor Sean Panikkar mit seinen Wurzeln in Sri Lanka ein exotisch erotisierender Jüngling im weißen Kapuzenpulli.
Seiner Mutter Agaue ist Pentheus ödipal verbunden, wie zumindest die Inszenierung suggerieren will, und das kann mit üppig sinnlichem Mezzo, der auch schlanker, heller Töne fähig ist, die Mezzosopranisten Tanja Ariane Baumgartners exzellent verkörpern, wie als Autonoe der feine, jugendliche Sopran Vera-Lotte Böckers fasziniert; in München konnte sie bereits 2016 als großartige Eudoxie in „La Juive“ überzeugen. Der riesige Wiener Staatsopern-Chor (Einstudierung: sang berückend intensiv, fein abgetönt und mit großer Wärme.

Das satirisch gemeinte Intermezzo und manche Chorszene ergeht sich in Anspielungen auf die brutal misshandelnde erotische Versklavung junger Menschen in Pasolinis letztem Film „Saló“ und kommt doch über Unterwäsche-Werbung nicht hinaus, wie überhaupt die dreigeteilte Bühne von Małgorzata Szczęśnika, die auch die Kostüme entwarf, ihre ästhetischen Reize besitzt und doch durch die Regie kaum Mehrwert erhält. Links gibt es noch eine Art abstrakte Garage, durch deren rückwärtiges Tor der Chor praktikabel auftreten kann und rechts das grüne Art-Deco-Schlafzimmer von Pentheus mit Schrank, Bett und Stühlen aus gelbem Edelholz.

Wie bei der Uraufführung am 6. August 1966 unter Leitung von Christoph von Dohnányi, die auf CD dokumentiert ist, spielten die Wiener Philharmoniker. Unter Leitung von Kent Nagano wurde daraus bei aller kontrollierter Wucht, die es manchmal zu hören gab, ein Fest der leise dunkel raunenden Phrasen, Akkorde und suggestiven Klangfelder. Manchmal ertappte man sich selbst dabei, wie man fasziniert den abgründigen Farben und Verläufen des Orchesters zuhörte und auf alles andere vergaß.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.