Haitink mit Mahlers Neunter in Salzburg

Vom Absturz bedrohte Schönheit

Wie Bernard Haitink seinen Hörern Mahlers Neunte Symphonie nahegehen lässt

Von Derek Weber

(Salzburg, 28. Juli 2017) Gott sei Dank gibt es sie noch, die älteren Dirigenten mit ihrem verläßlichen musikalischen Kompass: Bernard Haitink führte am Freitag im Salzburger Großen Festspielhaus die Wiener Philharmoniker sicher durch Gustav Mahlers Neunte. Seine letzte vollendete Symphonie. Sie gilt nicht zu Unrecht als eine der Nahtstellen, wenn nicht als das Übergangswerk von der späten Romantik zur frühen Moderne. Mit ihr beginnt das 20. Jahrhundert in der Musik.

Das hört sich von Aufführung zu Aufführung verschieden an, einmal stärker zum 19. Jahrhundert gerückt, das andere Mal näher am 20. Jahrhundert. Die Möglichkeiten sind vielfältig, und kaum eine Interpretation gleicht der anderen. Aber es gibt in dieser Symphonie eine strukturelle Besonderheit, auf die schon Arnold Schönberg hingewiesen hat. Er fand, in ihr spreche der Komponist kaum mehr als Subjekt. Der Komponist ausgelöscht? Aber wer spricht dann zu uns? Die tönende Form selbst?
Nicht, wenn Bernard Haitink sich dieses Werks annimmt. Er lässt solche Gedanken gar nicht aufkommen. Zwar meint man Mahler Abschied nehmen zu hören, aber es ist ein Abschied von seiner Welt. Die mag im 19. Jahrhundert verankert sein. Doch die Vorstellung, Mahler habe gleichsam „objektive“ Musik geschrieben, scheint – so sehr sie auch diese Musik bewunderten – eine Auffassung der Zeitgenossen gewesen zu sein. Einen späten Widerschein davon kann man noch in der 1938 entstandenen Aufnahme mit Bruno Walter hören, der die Symphonie 1912 aus der Taufe hob. Da hört sich der Kopfsatz in der Tat an wie ein Kassiber aus einer anderen Welt.

Das Gegenteil ist bei Bernard Haitink der Fall. Seine Neunte ist getränkt mit Subjektivität, mit Stellungnahme, mit einem Gefühl, als trage er Mahlers Musik auf Händen. Was man bei vielen anderen als verstörend, verstockt und nahe am Stillstand, am Ersterben wahrnehmen kann, ist bei ihm in eine Schönheit getaucht, die freilich stets vom Absturz in Dunkelheit und Chaos bedroht ist. Langsam und ohne hektische Eile fließt der erste Satz seinem Ende zu, dünnt zuweilen – so ist’s ja bei Mahler komponiert – gefährlich aus, am klarsten wohl an der Stelle, an der Flöte und Horn einander wie zufällig umspielen. Und doch sind die Abstürze ins Bodenlose, die auf die Steigerungen folgen, als bedrohliche, gefährliche Grundstimmung immer da.
Das Ländlerische des zweiten Satzes („etwas täppisch und sehr derb“) klingt nicht wie ein gefährlicher Fiebertraum, eher wie eine wach erlebte, in raschen Episoden vorüberziehende Vision, der das Tänzerische eingeschrieben bleibt. Und die Rondo-Burleske, des dritten Satzes, die Mahler als „sehr trotzig“ beschreibt und die er in fast zynischer Manier den „Brüdern in Apoll“, wohl seinen Komponistenkollegen, widmete, die da – um Arnold Schönberg zu zitieren – meinten, dass Kunst von „Müssen“ komme, hat bei Haitink einen Abglanz von Milde. Es ist bei ihm keine aggressive Lektion, die erteilt wird, eher ein guter Ratschlag unter Freunden. Ein heller Schein fällt auf den Satz, ganz so, als sei die Widmung ans Apollinische ernst genommen. Das Trotzige tritt erst am Ende zutage, quasi als zweite grantige Wahrheit, die hinter der freundlichen Belehrung verborgen war.

Umso überraschender ist der fast vorwärtsdrängende Unterton des Adagio-Finales, welcher der von Mahler geforderten, schwer entzifferbaren Anweisung („noch zurückhaltend“) eine ganz eigene Note gibt. Gewiss, es ist ein komponierter Abschied, ja doch, aber einer ohne Festkrallen, ein quasi leichter, auch nicht verklärender Abschied vom Leben und vom 19. Jahrhundert, um einiges diesseitiger als das „Ewig, ewig“ des „Liedes von der Erde“.

Am Ende nahm der sichtlich ergriffene Dirigent – hier hat das das Wort „Ergriffen“, selbst von der Musik „Ergriffen-Sein“, zu seinem Sinn gefunden – den Applaus entgegen, um ihn an die Musiker weiterzuverteilen.

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