George Balanchines Jewels in München

Zu wenig Karat

Das Bayerische Staatsballett kann mit George Balanchines „Jewels“ nicht wirklich glänzen

Von Christian Gohlke

(München, am 27. Oktober 2018) „Jewels“ heißt die Choreographie von George Balanchine, die Igor Zelensky als erste Premiere seiner inzwischen dritten Spielzeit als Intendant des Bayerischen Staatsballets auswählte. Der Legende nach wurde das Ballett durch einen Besuch Balanchines bei einem Juwelier in der Fifth Avenue inspiriert. Aber der Bezug zwischen seinem Ballett und den Edelsteinen, die er bei Van Cleef & Arpels zu sehen bekam, ist so lose, dass Balanchines neue Arbeit erst knapp vor der Uraufführung 1967 beim New York City Ballet auf den Namen „Jewels“ getauft wurde.

Sein Triptychon ist tanzgeschichtlich bedeutsam, gilt es doch als erstes rein abstraktes abendfüllendes Ballett überhaupt. In den drei Teilen Emeralds, Rubies und Diamonds wird keine Geschichte erzählt. Aber jeder Abschnitt reflektiert gewissermaßen eine Lebensstation Balanchines und eine mit ihr verknüpfte choreographische Tradition.

„Emeralds“ erinnert nicht nur wegen der langen Tüllröcke (Bühne: Peter Harvey, Kostüme: Karinska) an romantische Ballette wie „Giselle“ und „La Sylphide“, sondern auch in der sanft fließenden Bewegungssprache, die Balanchine zur ebenfalls ruhigen Musik von Gabriel Fauré (sachdienlich dirigiert von Robert Reimer) kreiert hat. Zwei Solistinnen stehen im Mittelpunkt, und auch sie erinnern in ihrer schwebenden Unnahbarkeit ein wenig an romantische Heldinnen, wie der Choreograph sie aus Paris, wo er seit 1924 lebte, gekannt hat. Etwas blass blieben Prisca Zeisel und Emilio Pavan am Premierenabend als Erstes Solopaar. Technisch einwandfreier erschien der Auftritt von Jeanette Kakareka an der Seite des eleganten Henry Grey.

Bezieht sich der erste Teil des Abends auf die romantische Traditon des 19. Jahrhunderts, so sind die Einflüsse der amerikanischen Gegenwart zur Zeit der Entstehung des Balletts im Mittelstück „Rubies“ unverkennbar. Nicht weicher Lyrismus ist hier prägend, sondern Schnelligkeit und harte Rhythmik, vorgegeben von Igor Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester (dynamisch gespielt von Adrian Oetiker). Die Damen des Corps de ballet erinnern hier in kurzen Röcken an Revue-Tanzerinnen vom Broadway, die Herren erscheinen in ihren Jogging-Posen als Sportstypen der Gegenwart. Elemente des Tangos sind in der Choreographie ebenso auszumachen wie Andeutungen des Stepptanzes. Das könnte, zumal die Tänzer sich häufig gegen den Rhythmus der Musik bewegen und Balanchine ihre synkopierten Akzente geschickt für komische Pointen nutzt, durchaus amüsant sein, wirkt bei den Tänzern des Bayerischen Staatsballetts indes allzu gewollt, nicht leichthin locker genug und darum manchmal unfreiwillig komisch. Osiel Gouneo und Nancy Osbaldeston bleiben als Solo-Paar der Choreographie eine letzte Genauigkeit schuldig.

Ist „Rubies“ als Hommage an die USA zu verstehen, in denen Balanchine seit 1933 gelebt und wo er 1946 das New York City Ballet gegründet hat, so kann man das abschließende Stück „Diamonds“ als Referenz an die russische Heimat des Choreographen und an Marius Petipa ansehen, dessen „Schwanensee“ oder „Bayadère“ als Vorbilder gedient haben. Mit Ksenia Ryzhkova stand in München eine Ballerina auf der Bühne, die über die für diese Partie erforderliche Balance und Spitzentechnik verfügt. Jinhao Zhang, der eigentlich ihr Partner hätte sein sollen, fiel wegen einer Verletzung leider aus und wurde durch Alexey Popov ersetzt, der zwar mit gekonnten Pirouetten beeindruckte, insgesamt aber etwas hölzern wirkte und Ryzhkova als Partner nicht die Stabilität und Sicherheit bieten konnte, die nötig gewesen wären.
So hat diese Premiere vor allem gezeigt, wie heikel es ist, ein Stück wie „Jewels“ ins Repertoire aufzunehmen. Der Erfolg einer solchen Aufführung steht und fällt ausschließlich mit der technischen Brillanz des Ensembles. Und Balanchines überaus anspruchsvolle Choreographie macht auch kleinste Mängel gnadenlos sichtbar. Wie ein Pianist, der beim Spielen von Skalen oder Etüden technische Schwierigkeiten nicht durch Musikalität oder tiefen Ausdruck wettmachen kann, so offenbart ein Tänzer, der sich mit Balanchine auf der Bühne zeigt, jede noch so kleine Unzulänglichkeit: Jedes nicht perfekt gestreckte Bein, jede nicht exakt synchrone Armbewegung, jeder winzige Fehler wird hier wie unter einer Lupe sichtbar. Ganz gewiss haben die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts hart für diese Premiere gearbeitet und ein mehr als nur beachtliches Niveau erreicht. Aber die Perfektion, die nötig wäre, um einen solchen Abend zu einem festlichen, gar unvergesslichen Ereignis zu machen, konnte doch nicht aufgeboten werden. Wer je erlebt hat, mit welcher Präzision das New York City Ballet solche Choreographien meistert, muss vom Münchner Abend enttäuscht sein. Den Edelsteinen, die Igor Zelensky präsentiert, fehlt zum Funkeln der letzte Schliff.

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