Fantastischer Mendelssohn in Potsdam

Ich will dich erleuchten

Antonello Manacorda führt mit der Kammerakademie Potsdam Mendelssohns Lobgesang auf

Von Bernd Feuchtner

(Potsdam, 31. August 2017) Klagend fragt Tenor Pavol Breslik „Ist die Nacht bald hin?“ und findet aus der wiederholten musikalischen Phrase nicht mehr hinaus – da antwortet Maria Bengtson mit ätherischer Sopranstimme „Die Nacht ist vergangen!“ und löst den Knoten auf. Dies war der magische Moment in der Aufführung von Mendelssohns „Lobgesang“ durch die Kammerakademie Potsdam mit Antonello Manacorda. Und er brachte zugleich die Klarheit, worum es Mendelssohn ging in diesem Stück, das er 1840 zum Gutenberg-Fest schrieb und bei dessen Uraufführung mit 500 Sängern in der Thomaskirche 2000 Menschen zuhörten: Mendelssohn ging es um Aufklärung.

Kraftvoll und nicht zu feierlich lässt Manacorda zu Beginn das Hauptthema „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ im Orchester aufklingen. In der flotten Durchführung zeigt sich die Qualität der Kammerakademie Potsdam: In einem Orchester von lauter Solisten wirkt das sinfonische Gewebe bis in jeden einzelnen Faden hinein belebt. Und natürlich spielen sie auf Naturhörnern: Historisch informiertes Musizieren versteht sich von selbst. Nicht nur, weil einzelne Motive des Vokalteils schon hier aufscheinen, ist die Musik beredt, sondern weil Mendelssohn hier exemplarisch Klangrede geformt hat, teilt sich dem Publikum eine Begeisterung mit, die nicht leeres Tönen ist oder frömmelnde Mechanik, sondern spirituelle Erfüllung. Die plötzlichen Verlangsamungen – in der Klarinette wunderbar ausformuliert – bilden Episoden der Nachdenklichkeit und sorgen dafür, dass die Durchführungsmaschine nicht leerläuft.

Wie schon zehn Jahre früher in der Reformationssinfonie stellt Mendelssohn auch in seiner 2. Sinfonie B-Dur den Tanzsatz vor den langsamen Satz, meidet also das gewohnte agitatorische Vierakteschema der Sinfonie, wie Beethoven das schon in seiner menschenfreundlichen Neunten getan hatte. Der elegante Tanz wird bei Manacorda zum Zeichen menschlicher Erfindungskraft – schließlich hatte erst die Buchdruckerkunst den Bann der kirchlichen Doktrin und Tyrannei gebrochen und das Wissen auch im Bürgertum verbreitet. Damit aber nun kein Übermut aufkommt, legen die Musiker ins Adagio alle Beseelung, deren sie fähig sind.

Wenn das Chorfinale so musiziert wird wie in Potsdam, werden alle Einwände gegenstandslos, die dem Werk Uneinheitlichkeit und Heterogenität vorwerfen – unverständlich, warum sie in den Programmheften immer noch hergebetet werden. Mendelssohn hat eben keine Litanei komponiert, sondern sich genau überlegt, wie er das Lob der Schöpfung gesungen haben wollte, einer Schöpfung, der man mit Liebe begegnet statt mit Gewalt. Er hat seine Chorsinfonie für die Bürgerschaft Leipzigs geschrieben, sich als städtischer Handwerker gefühlt, der das Seine beiträgt, damit die Gemeinschaft blühe. Das erklärt auch den Hass, den Wagner auf Mendelssohn richtete: Er hatte von Mendelssohns Werken profitiert, von der Gründung des Konservatoriums bis zum Aufbau des Gewandhausorchesters, doch weil er in seiner Einbildung ewig zu kurz kam, hasste er jede Hand, die ihn je gefüttert hatte. Mendelssohn schrieb bürgerliche Musik im besten Sinne, Wagner aber war Antibürger. Mendelssohn wollte aufbauen, Wagner aber wollte zerstören. Seinen Antisemitismus pflegte er nicht zuletzt deshalb, weil er damit verletzen konnte: Eben auch seinen noblen und erfolgreichen, nur vier Jahre älteren Leipziger Kollegen Mendelssohn samt dessen Christentum, das Wagner ja nicht teilte, auch wenn er scheinheilige Opernstoffe daraus schnitzte.

Schon aus diesem Grund war man dankbar für die Potsdamer Aufführung, die ganz unangestrengt die hohe musikalische und gedankliche Qualität von Mendelssohns Zweiter vorstellte. Neben den fabelhaften ersten Solisten Maria Bengtson („Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“) und Pavol Breslik („Wache auf, der du schläfst, ich will dich erleuchten“) trug auch Johanna Winkel mit ihrem kontrastreich gefärbten Sopran zur Eindringlichkeit des Finales bei, dazu auch der NDR Chor, der, von Daniel Zimmermann perfekt einstudiert, sowohl die zartesten Piani als auch das kraftvollste Fortissimo immer sinnlich erfüllte.

In der ersten Hälfte des Konzerts zur Saisoneröffnung spielten die Ottensamer-Brüder Andreas (Berliner Philharmoniker) und Daniel (Wiener Philharmoniker) die beiden Konzertstücke für Klarinette und Bassetthorn, die Mendelssohn für Heinrich Josef Baermann und dessen Sohn Carl geschrieben hatte, die berühmtesten Klarinettenvirtuosen seiner Zeit. Die beiden Solisten und die Kammerakademie unter Manacorda machten daraus zwei Kabinettstückchen, die das Publikum im ausverkauften Nikolaisaal zu Beifallstürmen hinrissen. Andreas Ottensamer ist in dieser Spielzeit Artist in residence in Potsdam und wird noch öfter hier zu erleben sein. Mendelssohn ebenfalls, denn er steht im Fokus der Spielzeit – war sein Sommernachtstraum doch im Neuen Palais uraufgeführt worden. Bei der Potsdamer Winteroper wird sein „Elias“ szenisch in der Friedenskirche realisiert, und für ein Kammerkonzert öffnet im Februar die Villa Mendelssohn Bartholdy ausnahmsweise die Tür, die sich einst ein Enkel des Komponisten gebaut hatte.

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