Evgeny Kissin spielt Beethoven in Salzburg

Auf dem Weg zu Beethoven

Evgeny Kissin, der Beethovenianer

Von Derek Weber

(Salzburg, 6. August 2019) Mit dem Auftauchen neuer Wunderkinder scheint sich in den letzten Jahren eine neue Konjunktur in Salzburg und anderen Festspielorten anzubahnen. Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit einem Aufschwung für die alten Herren an den Dirigentenpulten, die locker eine 9 oder mehr vor den nachfolgenden Ziffern vorzuweisen haben. Wer wird die in die (angebliche) Krise geratene Welt der klassischen Musik retten, die Jungen oder die Alten? Oder gar die Generation der dazwischen Liegenden? Die hat es am schwersten: Zu wenig ergraut, schuftet man sich nach oben. Oder sind gar die Dirigentinnen, die neuen Hoffnungsträgerinnen?
Wie auch immer: Salzburg war immer schon ein fruchtbarer Boden für außergewöhnliche musikalische Talente. Geschichten wie Fotos erzählen davon. Wer kennt nicht das Bild des jungen Daniel Barenboim? Wer weiß nicht, wie das mit Anne Sophie Mutter war?

Am letzten Dienstag aber kam einer zu seinem jährlichen Konzertbesuch ins Große Festspielhaus, der einmal zu Recht als Wunderkind galt, nachdem er im Alter von 12 Jahren beide Klavierkonzerte von Frédéric Chopin aufgenommen hatte.

Inzwischen hat Evgeny Kissin erfolgreich auch das Wunderknaben-Alter hinter sich gelassen und ist dabei, den Sprung ins „Wundermann“-Leben (wenn man denn so sagen darf) zu schaffen. Und zwar bewusst mit der Hilfe Ludwig van Beethovens. Im vorigen Festspiel-Sommer spielte er – wie es schien: in lockerer Entspannung – eine ungemein virtuos angelegte „Hammerklavier“-Sonate, ein Werk, das üblicherweise Pianisten schweißgebadet zurücklässt. Federleicht hörte sich das bei ihm an, mit lockerer Hand hingeworfen; keine Spur von harter Arbeit.
In diesem Sommer hörte sich sein Salzburger Konzert dann doch um einiges angestrengter an. Das lag zum einen an dem anspruchsvollen Programm: Neben der „Grande Sonate Pathétique“ (Nr. 8 in c-Moll op. 13) standen die „Eroica-Variationen“ (op.35) auf dem Programm, Variationen über ein Thema, das von Beethoven gleich mehrfach als Ausgangsmaterial verwendet wurde, sodann die 17. Klaviersonate („Der Sturm“) und schließlich die „Waldstein-Sonate“ (die Sonate Nr. 21 in C-Dur op. 53.) Dass Kissin danach noch die Energie für Zugaben (wiederum sämtliche von Beethoven) aufbrachte, soll besonders angemerkt werden.

War der Pianist schlechter vorbereitet als im Jahr zuvor? Den Eindruck hatte man nicht. Jede dynamische Feinheit – und Kissin hat deren viele anzubieten – schien genau überlegt, bis hin zu den fast geräuschhaft angeschlagenen Akkorden am Beginn der „Pathétique“.

Was an Kissins Spiel besonders beeindruckt, ist sein variantenreicher, aber immer glasklarer Anschlag, der kein kompromisslerisches Sowohl-als-auch kennt. Er weiß genau, wo er Zeit braucht, um Akkorden die Zeit zum Nachwirken zu geben oder sie durch kleine Pausen vorzubereiten, und wo er – wie in den „Eroica-Variationen“ – dem dahin rauschenden Unterbau einzelne Töne gleichsam als pikante Würze zur Seite stellt.
Kein Geringerer als Swjatoslaw Richter hat den jungen Kissin einmal als „Chopinisten“ bezeichnet. Nun, daran, dass er diesen frühen Ehrentitel ablegen darf, arbeitet der älter und reifer werdende Pianist mit großer Konsequenz. Mit den Konzerten des Vorjahres und dieses Jahres hat er sich bewusst eine Brücke zum „Beethovenianertum“ geschlagen. Für ihn scheint das ein geradliniger Weg zur Reifung zu sein. Nicht zufällig gilt Beethovens Klavierwerk als schwieriger Gipfel der Klaviermusik, der wohl auch einen munter drauflos spielenden Chopin-Virtuosen dazu zwingen kann, neue (vielleicht als „konstruktivistisch“ zu bezeichnende) „Farben“ – wenn man das denn so nennen will – ins Spiel zu bringen.

Man könnte nach dem Salzburger Konzert den Eindruck gewinnen, dass das mit der partiellen Rücknahme an souveräner Virtuosität verbunden sei. Dass er sich aber bei den Zugaben auf einige Werke Beethovens beschränkte, deutet doch darauf hin, dass ein programmatischer Impetus am Werk war. Dem Jubel des Publikums jedenfalls tat dies sowieso keinen Abbruch. Es liebt Kissin, mit welchem Programm auch immer er auftritt.

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