Currentzis mit Beethoven-Symphonien beim Musikfest Bremen

Headbanging zu Beethoven

Teodor Currentzis eröffnete das Musikfest Bremen mit sehr unterschiedlichen Interpretationen

Von Markus Wilks

(Bremen, 25. August 2018) Teodor Currentzis ist unberechenbar – weiterhin. Obwohl der 46-jährige Dirigent inzwischen seit einigen Jahren die Klassik-Branche verführt, überrascht er immer wieder mit seinen Interpretationen. Während er in Mozarts „Da Ponte“-Opern vor allem mit rasenden Tempi und Zuspitzungen aller Art für Aufsehen gesorgt hatte, begeisterte er vor einem Jahr mit einer so nicht erwarteten vielschichtigen Wiedergabe voller aufregender Momente von „La clemenza di Tito“. Zur Eröffnung des Musikfestes Bremen stellte Currentzis seine wiederum unkonventionelle Sicht auf Beethovens Sinfonien 5 bis 7 vor. Der Jubel des Publikums kannte kaum Grenzen – ähnlich wie wenige Tage zuvor bei den Salzburger Festspielen, wo musicAeterna allen neun Sinfonien gespielt hatte.

Was Currentzis‘ Interpretationen eint, ist die schier unendliche Energie, die er auf seine im Stehen spielenden Musiker überträgt. Manche seiner Einsätze sehen wie Handballwürfe aus, manche Tänze am Pult sind recht eigensinnig. Wenn aber, wie im effektvollen Finale der „Siebten“, die Cellisten quasi Hardrock-Klassik spielen und Currentzis‘ Körpersprache übernehmen (inklusive Headbanging), kann man sich der mitreißenden Wirkung kaum entziehen. Weniger überzeugend wirkte der permanente Überdruck in der „Fünften“, die unter einem grundlegenden Missverständnis litt. Einerseits ließ der Dirigent auf historischen Instrumenten spielen, die als Synonym für Transparenz und klangliche Zuspitzung gelten können, andererseits sorgte er mit der groß besetzten Streichergruppe für einen so mächtigen Grundklang, der sämtliche Feinheiten erstickte (wenn etwa die in dieser Sinfonie so wichtige Piccoloflöte in vielen Stellen kaum zu hören ist, stimmt die Balance nicht).

Überhaupt darf man in Bremen, dem Sitz der Deutschen Kammerphilharmonie, in Sachen Beethoven besonders kritisch sein, denn sie hat unter Paavo Järvis Leitung weltweit mit ihren Beethoven-Zyklen für Furore gesorgt und preisgekrönte CDs aufgenommen. Im direkten Vergleich überraschte es dann schon, dass Järvis Team nicht weniger energetisch und überrumpelnd spielt, aber den Notentext präziser und vielschichtiger wiedergibt als Currentzis‘ musicAeterna. In dessen auf großen Klang getrimmter Interpretation der „Fünften“ fehlte es oft an Trennschärfe und Differenzierung hinsichtlich Artikulation und Dynamik. Freilich gab es auch großartige Momente wie das gespenstische Fagottsolo zu Pizzicato-Klängen der Streicher im dritten Satz und die Klarinettenfarben im Andante.
Ganz anders agierten die Musiker in der „Pastorale“ (Sinfonie Nr. 6), denn in ihr konzertierten sie miteinander und lauschten tief in die Partitur hinein. Bei einem quasi barocken Zugriff auf den Notentext passierte unglaublich viel, sodass die Stimmungsnuancen in dieser Sinfonie meisterhaft umgesetzt wurden: großes Klangkino vor allem in der „Szene am Bach“. Nun stimmten meistens die Proportionen zwischen den alten Holzblasinstrumenten mit ihren markanten Farben und dem übrigen Orchester. Lediglich in den Sätzen drei und vier brachte Currentzis, der an diesem Abend ansonsten vergleichsweise konventionelle Tempi gewählt hat, seine Musiker an den Rand des sauber Spielbaren – und manchmal darüber hinaus.

Zum Höhepunkt des Abends geriet Beethovens 7. Sinfonie, deren energische Rhythmik vom Animateur Currentzis mit einer überstarken Pauke, wilden Streichern und schroffen Akzenten lustvoll betont wurde. Endlich berücksichtigte musicAeterna aber auch Beethovens Pianissimo-Angaben und unterschritt sie sogar. Mit gegenseitigen Umarmungen feierten sich Musiker und Dirigent – wieder einmal hatte das aufeinander eingeschworene Kollektiv einen gemeinsamen Spielrausch gemeistert.

Übrigens darf sich das Musikfest Bremen rühmen, bereits zum vierten Mal Konzerte mit Teodor Currentzis angeboten zu haben. Auch in der 29. Ausgabe des Festivals bleibt Gründungsintendant Thomas Albert dabei seiner Linie treu, Stars zu unkonventionellen Programmen zu überzeugen und im Sinne eines Scouts das Potenzial von aufstrebenden Künstlern zu nutzen und sie zu fördern. Auch in diesem Jahr gibt es Stammgäste wie Marc Minkowski, der Offenbachs „Hoffmann“ konzertant dirigiert, und Jérémie Rhorer (mit Rossinis „Barbier“), doch auch die Bremer Orchester kommen zum Einsatz – zurecht, denn beide Ensembles trugen bislang immer zu den Höhepunkten des Musikfestes bei. Während die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Evgeny Kissin als Solisten begrüßt, debütiert der neue GMD Marko Letonja mit den Bremer Philharmonikern beim Musikfest. Im Reigen der rund 40 Konzertabende gibt es auch wieder das Arp-Schnitger-Festival an verschiedenen Orgeln der Region und viermal „Musikfest Surprise“ mit Überraschungsprogrammen. Ebenso unkonventionell ist der inzwischen traditionelle Eröffnungsabend: Aus 27 (!) Konzerten an neun verschiedenen Veranstaltungsorten in der festlich beleuchteten Bremer Innenstadt wählte der Besucher drei 45 Minuten lange Konzerte aus und konnte sich zwischen Jazz, Beethoven-Sinfonik, Chormusik und Kammermusik entscheiden. Dieses Angebot noch zu überbieten, dürfte die Herausforderung für das Jubiläumsjahr 2019 sein. Aber auch das werden Thomas Albert und sein Team meistern.

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