Currentzis‘ Antrittskonzert mit Mahler in Stuttgart

Ausdrucksbesessenheit

Teodor Currentzis beginnt seine Amtszeit als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters mit Mahlers Dritter

Von Georg Rudiger

(Stuttgart, 20. September 2018) Die berührendsten Momente in der Musik sind oft die leisesten. Das Posthornsolo im dritten Satz von Gustav Mahlers dritter Symphonie ist solch ein Augenblick, der in seiner Zerbrechlichkeit besonders kostbar werden kann. Beim fulminanten Antrittskonzert von Teodor Currentzis als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters im ausverkauften Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle spielt der Solotrompeter Jörge Becker das gefürchtete Solo hinter der Bühne so rein und zart, dass die Zeit stehen bleibt im Weltgetümmel, das Gustav Mahler davor und danach komponiert hat. Das Publikum lauscht ergriffen – kein Nebengeräusch stört diesen magischen Moment.

Teodor Currentzis geht es in seinen Interpretationen um mehr als den möglichst perfekten Zusammenklang von Tönen. Die Dritte Symphonie hat er sich für sein Antrittskonzert ausgesucht, weil sie ihn sehr berühre. Mahler wollte in seine Symphonien mit allen Mitteln der Musik eine Welt aufbauen. In seiner Dritten wird vor allem in den ersten drei Sätzen das, was aufgebaut wird, immer wieder zerstört. Die Musik verselbständigt sich, bricht aus, zieht Fratzen – und kann nur mit Mühe wieder in ruhigere Gefilde zurückgeholt werden. Diese existentielle Dimension macht Currentzis ohne jede Effekthascherei hörbar. Er entwickelt das eine aus dem anderen, formt die Details, hat aber auch immer das große Ganze im Blick.

Nach der in der Öffentlichkeit stark kritisierten Orchesterfusion hat der Südwestrundfunk mit der Berufung von Teodor Currentzis einen echten Coup gelandet. Der Grieche polarisiert mit seiner Selbstinszenierung, seinen manches Mal grellen, auch manierierten Interpretationen, seiner Ausdrucksbesessenheit. Beim Antrittskonzert mit diesem fusionierten Klangkörper, dessen höchst problematische Entstehungsgeschichte in den letzten beiden Jahren auch zu hören war, ist nichts davon zu spüren.

Natürlich trägt Currentzis auch zu Mahler seine hautengen Stretch-Jeans, die schwarzen Lederstiefel mit den roten Schnürsenkeln und das weite Hemd, das am Ende völlig durchgeschwitzt ist – das außergewöhnliche Outfit versteht er einfach als seine Arbeitskleidung. Was am meisten überrascht: Currentzis stellt sich ganz in den Dienst des Komponisten. Gustav Mahlers Partituren sind voll von Spielanweisungen. Der Grieche setzt sie genau um. Ein dreifaches Piano ist bei ihm wirklich an der Grenze der Hörbarkeit. Besonders im Leisen entwickelt er eine Differenzierung, die beglückt und diesen Koloss durchhörbar macht. Vor allem aber, und das erstaunt ebenfalls, gibt er dem Orchester viel Raum. Seine Einsätze mit der bloßen Hand – er dirigiert wie immer ohne Stab – sind Einladungen, keine Befehle. Bei leisen Streicherpassagen lässt er die Stimmführer entscheiden, wann sie mit ihrer Gruppe in den Klang gehen. Er ist im ständigen Kontakt mit dem Orchester, auch wenn die Partitur vor ihm liegt.

Den gewaltigen Kopfsatz lässt Currentzis lange Zeit im Gesanglichen. Der Hörnerklang zu Beginn ist groß, nicht brutal (erstklassig: Solohornist Thierry Lentz). Wie überhaupt das SWR Symphonieorchester selbst in den dynamischen Spitzen nicht überdreht, sondern immer noch einen runden, vollen Sound generiert. Das von Andreas Kraft mit warmem Ton gespielte, mit „sentimental“ überschriebene Posaunensolo wird von den hier noch etwas unkoordiniert einsetzenden Celli und Kontrabässen wieder mit dem Marschrhythmus zurück auf die Erde geholt. Beim zweiten Mal klappt die Stelle wie aus einem Guss. Und wenn dieser Satz am Ende der Durchführung völlig auseinanderbricht und die kleine Trommel – bei zwei verschiedenen Tempi – zum Appell ruft, dann versteht man viel von Mahlers musikalischen Welten.

Natürlich gelingt nicht alles bei diesem außergewöhnlichen Konzert. Gerade im vierten Satz (Alt: Gerhild Romberger) kann die Spannung nicht gehalten werden. Aber das sind Peanuts angesichts dieser beseelten, mit außergewöhnlichen Instrumentalsoli (Violine: Natalie Chee) gespickten Interpretation, die sich Zeit nimmt und ungeheuer plastisch geformt ist. Der Stuttgarter Knabenchor collegium iuvenum (Einstudierung: Michael Culo) läutet mit seinem glockenhell gesungenen „Bim Bam“ schon das Happy End herbei (Damen des MDR-Rundfunkchors, Einstudierung: Hannes Reich), ehe Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester mit dem langsamen Finalsatz eine echte Liebeserklärung an das Leben geben. Die homogenen Streicher zaubern ein letztes Mal ihren feinen, transparenten Klang, die sanften Trompeten veredeln in der Höhe. Ein Ereignis!

Werbung

 

 



0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.