Brittens Sommernachtstraum in Wien

Vom Traum zum Trauma

Damiano Michielotti inszeniert Brittens „Sommernachtstraum“ in Wien

Von Derek Weber

(Wien, 15. April 2018) Benjamin Brittens 1960 entstandene Oper „A Midsummer Nights Dream“ ist weder ein Werk für Vom-Blatt-Inszenierer, die glauben, auf die Bühne wuchten zu müssen, was und wie´s im Libretto steht, noch für einen Routinier-Dirigenten. Es verlangt weiche Glissandi und viele Farbtöne, aber auch gläserne Härten und markige Rhythmen. Nichts spielt sich in dem so einfach klingenden Werk von selbst. Ganz unterschiedliche, zueinander in keinem einfachen Verhältnis stehende Sphären sind darin verwoben: die Welt der Elfen genauso wie eine erfundene, wenig lebendige und etwas steife aristokratische Gesellschaft, eine theaterversessene Handwerker-Kommune, der bösartige Elfenkönig Oberon und seine Gemahlin Titania und – nicht zuletzt – zwei junge Liebespaare, die sich im Wald verirrt haben und vom stets allesverwirrenden Waldgeist Puck gefoppt werden.

Nichts ist für den, der das Stück inszeniert, was es zu sein scheint. Wer den Wald von Athen als einen wörtlichen Auftrag an den Bühnenbildner nähme, wäre schon verloren, verirrte sich zwischen den Sträuchern, Bäumen und Büschen. Der Wald könnte ohne weiteres auch zwischen den dunklen Straßenschluchten Manhattans liegen. Dazu kommt in der Brittenschen Opernfassung eine schillernde musikalische Struktur, die vom Dirigenten und seinem Orchester höchste Flexibilität verlangt, vor allem in den vielen Schattierungen der Piani. Die Elfen: ein Kinderchor mit Kindersolisten (in Wien die hervorragenden „St. Florianer Sängerknaben“). Dazu polternde Handwerker mit den sensiblen Seelchen von Künstlern. Halbwüchsige Jugendliche, die ihre Macken haben, schwer erziehbar und so verletzlich und unsicher wie die Theater spielenden Handwerker auch.

Benimmt sich nicht auch Oberon wie ein ungezogenes Kind? Was für ein Glück, dass diese Rolle aufs Dezenteste für einen Altisten geschrieben ist, dem das Schreien und Toben versagt bleibt! Als genervter Erzieher tritt er nur Puck gegenüber auf. Und dieser Puck – und da springen wir schon mitten in die neue Inszenierung des Theater an der Wien hinein – ist diesmal ein introvertierter kleiner Bub, nur in beschränktem Sinn ein quirliger Quälgeist, eher Opfer als ein Missetäter, der seinerseits jugendliche Opfer piesackt und durch ständige Irrtümer und freches Forsch-Sein in unangenehme Situationen bringt.

In der Inszenierung Damiano Michielottis – er ist im Theater an der Wien kein Unbekannter mehr – wird die Sprechrolle des Puck von Maresi Riegner eher dezent verwaltet als aufgetischt. Sie bleibt bewusst – von der Konzeption her – blass, ist ein Kind auf der Suche nach seinen durch einen Autounfall zu Tode gekommenen Eltern. Ob mit dieser psychologischen Motivation und dem dutzendsten über Video zugespielten Autounfall viel für das Stück gewonnen ist, bleibe dahingestellt. Aber natürlich freut man sich, dass der kleine Kerl am Ende von seinem Trauma erlöst ist.

Foto: Werner Kmetitsch

Anderes löst sich früher auf: Oh Gott, denkt man sich, als am Beginn ein prosaisch hell erleuchtetes Schulzimmer (Bühnenbild: Paolo Fantin) erscheint. Aber siehe da: Mit schlauem, stets schummrigem Licht (Alessandro Carletti) stellt sich eine Art von Waldstimmung her, die dann und wann mit gehörig viel Nebel ergänzt wird. Die Bühne lässt sich vergrößern und verkleinern, und im Bühnenhintergrund ist sogar noch Platz für eine kleine Bühnen-Bühne. Die Schuluniformen tauschen sich rasch gegen andere Gewänder, und als eselköpfiger Handwerker Bottom erscheint am Beginn des 2. Aktes ein erschreckendes Eselsmonster.

Am Ende löst sich alles in geläutertes Wohlgefallen auf: Die richtigen Liebespaare finden sich dank Oberons umsichtiger Intervention. Bottom wird zurückverwandelt und spielt mit den anderen Handwerkern (hier: groß geratenen Schülern) das zur ungewollten Komödie verwandelte Drama „Pyramus und Thisbe“ vor dem Herzogspaar Theseus und Hyppolyta.

Die unvermeidlichen Knirscher, die aus dem Versuch erwachsen, der Oper ein durchgängiges dramaturgischen Gerüst zu verpassen, nimmt man am Ende ohne Gram zur Kenntnis. Zu Recht gefeiert wurden neben dem Regisseur der Dirigent des Abends, Antonello Manacorda (und mit ihm die Wiener Symphoniker, die großartig aufspielten) und – je nach Herausragen aus dem Solistenkollektiv die einzelnen Sänger, natürlich neben Daniela Fally (Tytania) vor allem der Sänger des Oberon, Bejun Mehta.

Man mag mich schlagen, aber der Oberon ist die wahrscheinlich schönste Rolle für einen Countertenor, stets in der rechten Lage und ohne Koloratur-Schnickschnack. Das hört und spürt man von der ersten Minute an. Vielleicht liegt hier das letzte Geheimnis dieser Oper.

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