Blomstedt mit den Wienern in Wien

Späte Liebe

Herbert Blomstedt eröffnet die neue Konzert-Saison der Wiener Philharmoniker mit Berwald und Dvorak

Von Christian Gohlke

(Wien, 22. September 2018) Die Wiener Philharmoniker musizieren in aller Welt, und in manchen Jahren kommt es sogar vor, dass sie andernorts häufiger auftreten als in Wien. Doch obwohl das Orchester sich in den letzten Jahrzehnten zu einem florierenden Reiseorchester entwickelt hat, sind die zehn Abonnementkonzerte, die in jeder Saison im Goldenen Saal des Musikvereingebäudes stattfinden, nach wie vor das eigentliche Kerngeschäft der Philharmoniker. In Wien gehören diese Konzerttermine (je eine Soiree am Samstag und eine Matinee am Sonntag) zu den Höhepunkten des Kulturprogrammes, zu denen sich die feine und musikliebende Gesellschaft einfindet. Um eines der begehrten Abonnements zu erhalten, sind Wartezeiten von zehn Jahren und mehr hinzunehmen.
Jetzt wurde die neue Saison mit einem Konzert unter der Leitung von Herbert Blomstedt eröffnet. Der Dirigent ist zwar in den USA aufgewachsen, hat aber schwedische Wurzeln und setzt sich auch deshalb immer wieder besonders für nordische Komponisten wie etwa Jean Sibelius oder Franz Berwald ein. Dessen 3. Symphonie in C-Dur (auch als „Sinfonie Singulière“ bekannt) war im ersten Teil des Konzertes zu hören. Das ungewöhnliche Werk, dessen Edition in der Berwald-Gesamtausgabe Blomstedt besorgt hat, wurde 1845 komponiert, zu Lebzeiten des Komponisten (geboren 1796 in Stockholm, gestorben ebendort im Jahre 1868) aber nie aufgeführt. Insgesamt hatte der Mann als Musiker wenig Glück und so musste er nach Reisen durch Europa seine späten Jahre als Leiter einer Glasfabrik und später eines Sägewerkes hinbringen.

Berwald, immerhin ein Zeitgenosse von Beethoven und Schubert, Mendelssohn und Schumann, ist nun aber keineswegs ein minder begabter und darum vergessener Epigone dieser großen Meister der Tonkunst, sondern ein singulärer Fall. Die Wahl seiner Themen, die Harmonik und formale Gestaltung sind völlig eigenständig und originell. Besonders zugänglich und einprägsam ist diese Musik freilich nicht.
So hält sich Berwald im einleitenden Allegro fuocoso seiner Dirtten zwar an die überkommene Sonatenhauptsatzform. Unter Blomstedts sicherer Leitung bleibt der Orchesterapparat auch dank eines eher moderat gewählten Tempos stets transparent, so dass dem Geflecht der Themen gefolgt werden kann. Doch eine gewisse motivische Kurzatmigkeit verleiht dem Satz etwas seltsam Unstetes, stimmungsmäßig nur schwer zu Erfassendes. Formal höchst eigenwillig nehmen sich dann die beiden Mittelsätze aus, weil das Scherzo ganz überraschend ins Adagio eingebettet wird. Zunächst dürfen sich endlich einmal größere Melodienbögen entfalten, herrlich singen die Violinen der Philharmoniker, kostbar gesellen sich die Stimmen den Holzbläser dazu, doch dann folgt nach einem Forte-Schlag der Pauke abrupt ein rasch dahineilendes Scherzo. Das Presto-Finale schlägt endlich den Bogen zum Kopfsatz, aus dessen Seitenthema es abgeleitet ist. Es ist mit seinen Blechbläser-Fanfaren der eingängiste Teil dieser wunderlichen Symphonie und wird von den Wienern mit Engagement und Präzision gespielt.

Zum regulären Konzert-Repertoire wird die Dritte von Franz Berwald wohl nie gehören. Sie ist zugleich sonderbar und einzigartig, erstaunlich und befremdlich – eben „singulière“. Schön, dass sie wenigstens gelegentlich erklingt, und gut, dass sich ihrer in Wien mit Herbert Blomstedt ein echter Kenner annahm.

Blomstedt, inzwischen 91 Jahre alt, aber agil und frisch wie nur je (er dirigiert auswendig), hat ja erst spät und eher zufällig bei den Wiener Philharmonikern debütiert: 2011 sprang er bei der Mozartwoche für einen erkrankten Kollegen ein. Wie gut Orchester und Dirigent harmonieren, konnte man seither immer wieder beobachten. So geriet zum Beispiel im vergangenen Sommer die Aufführung von Bruckners 4. Sinfonie bei den Salzburger Festspielen zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Blomstedts uneitle, sich ganz in den Dienst der Partitur stellende Art kam jetzt auch der Interpretation von Antonin Dvoraks Symphony Nr. 7 zugute, die nach der exotischen Konzerteröffnung mit Berwald auf dem Programm stand. In diesen sozusagen böhmischen Klanggefilden sind die Wiener Philharmoniker nun wirklich zu Hause, und so war es eine reine Freude, sich von ihrem exquisiten Spiel unter Blomstedts Leitung mitreißen zu lassen.

Herb und vorwärtsdrängend der Kopfsatz, mit großer dramatischer Steigerung und butterweich erklingendem Hornmotiv vor seinem zarten Verklingen im Piano, schwermütige, herrlich gespielte Holzbläserstimmen im slawisch gefärbten Adagio, ein rhythmisch markantes Scherzo, das aber nie überschärft wirkte: Bei Blomstedt entwickelt sich die ganze Symphonie wundervoll organisch. Nichts wirkt forciert und gewollt an dieser Interpretation, alles erscheint sich leichthin und natürlich zu ergeben. Kein Wunder also, dass der Beifall nach dem hinreißend schwung- und lustvoll gespielten Finale groß war im Musikverein. Wer nicht zu den Glücklichen gehört, die dort ein Abonnement besitzen: In Brüssel, Luxemburg und Baden-Baden wird das Konzert in den nächsten Tagen wiederholt.

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