Blomstedt dirigiert Bruckners Sechste in Salzburg

Ein 92-Jähriger dirigiert ein Jugendorchester

Die immer noch unerklärlich selten gespielte Sechste Symphonie von Anton Bruckner sowie Dvoraks „Biblische Lieder“ mit Herbert Blomstedt, Christian Gerhaher und dem Gustav Mahler Jugendorchesters bei den Salzburger Festspielen

Von Derek Weber

(Salzburg, 27. August 2019) Herbert Blomstedt, der mit 92 Jahren älteste Dirigent der Salzburger Festspiele, kehrt am Ende der diesjährigen Saison am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters noch einmal an die Salzach zurück. Und es ist wahrlich nicht das Alter, das seinem Auftritt die Aura des Besonderen verleiht, sondern seine unnachahmliche Art, mit den jungen Musikern umzugehen und sie dorthin zu führen, wo er den Klang haben will. Ganz ohne Zwang und ganz ohne übertrieben große Gesten, ohne je die Dirigentenpeitsche in die Hand zu nehmen oder große Pirouetten zu vollführen.

Das Gustav Mahler Jugendorchester (GMJO) benötigt auch wirklich keine Gewaltkur. Es ist eine nicht mehr wegzudenkende Institution. Ende der 1980er-Jahre – so lange ist das schon her! – von Claudio Abbado gegründet, ist es seit Jahrzehnten in Europa unterwegs.

Auch der Auftritt bei den Festspielen ist Teil einer größeren Europa-Tournee, die – wie immer – vor wenigen Tagen in Bozen begann. Zu Ende gehen wird sie in Lissabon. Und alle Konzerte werden von Herbert Blomstedt geleitet. Unglaublich, welche Energie in dem alten Herren steckt! Der freilich schreibt diese Kraft seinem Naturell zu, wir sehen die Wurzel eher in seiner spirituellen, Verankerung.

Er wirkt auch fast lebendiger als der Gesangssolist dieser Konzerte, Christian Gerhaher, der in der Felsenreitschule seinen Teil zum Abendprogramm beitrug und Antonin Dvoráks in Amerika entstandene „Biblische Lieder“ (op. 99) zum Besten gab, die – nebenbei bemerkt – nur zum Teil von Dvorak selbst instrumentiert wurden.

Dass die zehn Lieder in tschechischer Sprache gehalten sind, mag ihrer internationalen Verbreitung hinderlich gewesen sein. Doch ist das zum Teil ein Scheinproblem. Denn auch Gerhahers Tschechisch ist, wie eine neben mir sitzende Dame aus Tschechien versicherte, durchaus verbesserungswürdig. Es dürfte vielmehr der einfache, ja geradezu intime Tonfall der Lieder sein, der ihr geringes Auftauchen in den Konzertsälen erklärt.
Was den Raritätenstatus der Lieder bestimmt, ist letzten Endes wohl genauso ein Rätsel wie die stiefmütterliche Behandlung von Anton Bruckners Sechster Symphonie im Konzertleben. Das hat sich zwar in den letzten Jahren etwas gebessert. Aber von einer mit den anderen Symphonien vergleichbaren Akzeptanz kann noch nicht die Rede sein.

Das mag mit dem gängigen Vorurteil zu tun haben, dass bei Bruckner nur das ins Monumentale Gesteigerte auch das Wahre, Gute und „Echte“ repräsentiere. Natürlich ist die Sechste Symphonie im Vergleich mit der Fünften, Siebenten oder Achten kürzer geraten. Aber „unbrucknerisch“ ist sie deshalb noch lange nicht. Einem solchen falschen Werturteil stünde schon allein der mit „Adagio. Sehr feierlich“ bezeichnete, wunderbar weit ausholende und intensiv in die Tiefe gehende zweite Satz entgegen.

Auch das Scherzo ist nicht schlechter gelungen als die vergleichbaren Sätze in anderen Symphonien. Es mag etwas neckischer daherkommen als die anderen Scherzi, Bruckner hat ja die ganze Symphonie wohlwollend als seine „keckste“ bezeichnet.

Vielleicht hat auch die besondere Aufstellung und Besetzung Herbert Blomstedts zum besseren Verständnis der Komposition beigetragen: So grundierten etwa zehn (!) im Hintergrund aufgestellte Kontrabässe die Symphonie. Und bevor es an das (mäßig angewandte) Schluss-Rubato ging, ließ er das Tempo noch einmal anziehen, wie eine Quasi-Steigerung.
Alles ist genau überlegt, ohne dass man bei ihm je den Eindruck haben könnte, dass irgendein Eingriff willkürlich geschehen sei. Da steckt eben die Erfahrung eines langen Dirigentenlebens dahinter. Und die protestantische Geradlinigkeit eines adventistisch-musikalischen Überzeugungstäters.

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