Besuch beim Stradella-Festival

Frech und witzig

Stradellas komische Oper „Il Trespolo Tutore“ im italienischen Caprarola

Von Thomas Migge

(Caprarola, August 2019) Mit Alessandro Stradellas ungemein witziger und an Melodien reichen Opera Buffa aus dem Jahr 1679 wurde das diesjährige Festival Barocco Alessandro Stradella eröffnet. Der Dreiakter wurde im kreisrunden Innenhof des Palastes von Caprarola in Szene gesetzt. Der Palast der Papstfamilie Farnese ist ein Höhepunkt des italienischen Manierismus und ein Weltkulturgut der UNESCO. Es spielte das Ensemble Mare Nostrum unter Leitung von Andrea de Carlo.

Die Oper mit 6 Sängern, Violinen und basso continuo hat eine sehr heitere Handlung, voll mit erotischen und auch sexuell deftigen Anspielungen. Das kuriose Libretto stammt von Giovanni Cosimo Villifranchi. Die Handlung ist ein wenig vertrackt. Artemisia ist in ihren Tutor Trespolo verliebt, der ihre Gefühle aber nicht erahnt. Trespolo hingegen hat es auf seine Magd Despina abgesehen. In Artemisia sind die beiden Brüder Ciro und Nino verliebt. Mit jedem Akt wird die Handlung komplexer, bis am Ende ein Happy End folgt.

Stradella ist ein Meister im Herausarbeiten unterschiedlicher Charaktere mit Hilfe von Musik. Jede Person der Handlung unterscheidet sich so perfekt voneinander. Die Oper ist eine spritzige Aneinanderreihung von Rezitativen, von Arien und scheinbar einfachen Melodien. Die Partitur besticht durch eine große Lebendigkeit der dramatischen Situationen. Im Unterschied zu anderen musikalischen Werken Stradellas ist hier die Musik relativ einfach gestrickt, ohne kontrapunktische und virtuose Highlights.

Dass De Carlo ein Stradella-Fachmann ist, wird daran deutlich, dass er die tonalen Feinheiten der Oper deutlich herausarbeitet. Nur so ist es möglich, dass dieses Werk auch heute noch überzeugt. Das Publikum in Caprarola war begeistert. Es wurde viel gelacht.
Die Besetzung der musikalisch und handlungsmäßig sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der Oper hätte nicht besser sein können. Nicht nur die auch im Ausland bekannte Sopransängerin Roberta Mameli brillierte als Artemisia mit ihrer kräftigen und vollen Stimme und ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Alle Sänger waren perfekt in ihren Rollen. Riccardo Novara war ein überzeugend duselig wirkender Trespolo. Silvia Frigato sang einen liebestrunkenen Ciro, der Countertenor Rafat Tomkiewisz war ein ziemlich einfältiger Nino, Paolo Valentina Molinari sang eine freche und ziemlich dreiste Despina und der Tenor Luca Cervoni begeisterte als Simona en travesti.

Stradella war nicht nur Komponist, sondern auch Violinist und Sänger. Er schrieb hunderte von religiösen und weltlichen Kantaten, Oratorien, Intermezzi, Madrigale und Opern. Werke, die Andrea de Carlo seit Jahren nicht nur wieder dem Vergessen entreißt und aufführt, sondern auch auf CD einspielt. Sein Traum: das gesamte Schaffen Stradellas einzuspielen. Auch die Opera Buffa, mit der das diesjährige Festival eröffnet wurde, erscheint im Winter als CD.

Doch De Carlo, der als einer der besten italienischen Barockinterpreten gilt, hat ein enormes Problem: sein Festival erhält nur sehr wenig öffentliche Finanzmittel. Immer mehr Bürgermeister der Ortschaften, in denen sein Festival stattfindet, drehen den Finanzhahn zu, weil sie andere Prioritäten als musikalische Hochkultur haben.
Musiker und Sänger akzeptieren niedrige Gagen und der Festivaldirektor und seine Partnerin, die Cembalistin Lucia Adelaide di Nicola, arbeiten gratis. De Carlo hat sogar eine Hypothek auf seine kleine Wohnung am römischen Stadtrand aufnehmen müssen, um die Künstler zu bezahlen – denn wenn Italiens Institutionen Finanzmittel bereitstellen, dann tun sich das nicht selten mit großer Verspätung. Andrea de Carlos wirklich anspruchsvolles Festival ist deshalb immer ein gefährliches finanzielles Vabanquespiel.

Werbung

 

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.