Mirga Grazinyte-Tyla in München

Sirene der Bewegung

Die Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla, der Pianist Rafal Blechacz und das City of Birmingham Symphony Orchestra zu Gast in München

Von Robert Jungwirth

(München, 21. November 2017) Multitasking ist die Hauptbeschäftigung für Dirigenten. Immer sind sie gleichzeitig mit enorm vielen Dingen beschäftigt, setzen Hände, Arme, Gesicht und Augen ein, um komplexe Partituren den Orchestermusikern zu veranschaulichen, während sie gleichzeitig das klangliche Ergebnis registrieren und kontrollieren und natürlich mit dem Notentext in der Partitur abgleichen. Dirigenten sind die Multitasker schlechthin. Vielleicht gibt es deshalb immer wieder Seminare, bei denen Manager ein Orchester dirigieren dürfen.
Aber auch wenn man sich den Lebenslauf der jungen litauischen Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla ansieht, mag man an den Zauberbegriff unserer Tage denken. Vorbei die Zeiten, als junge Dirigenten (Frauen gab es ja lange Zeit nicht) an Stadttheatern sich in Ruhe erprobt haben, bevor sie dann an immer größere Häuser verpflichtet wurden. Mirga Grazinyte-Tyla war zwar auch 2. Kapellmeisterin in Heidelberg, dann Kapellmeisterin in Bern und Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters, aber alles relativ kurz und gleichzeitig war sie Assistent Conductor beim Los Angeles Philharmonic und hatte eine Vielzahl von Gastauftritten, z.B. bei Gidon Kremers Kremerata Baltica. In Heidelberg, Bern und Salzburg war sie jeweils nur zwei Spielzeiten. Davor hatte die umtriebiges Litauerin in Graz, Bologna, Leipzig und Zürich studiert – eine bewegte Frau also, die in den vergangenen Jahren vermutlich keine eigene Wohnung brauchte; ein paar Koffer dürften gereicht haben.

Seit einem Jahr ist sie nun Chefdirigentin des renommierten City of Birmingham Symphony Orchestra in der Nachfolge von Andris Nelsons. Was für eine Karriere. Davor hatte Mirga Grazinyte-Tyla auch noch den Salzburger Young Conductors Award gewonnen – ein mittlerweile sehr wichtiger Dirigentenpreis. Mit ihrem Orchester ist sie jetzt gerade auf Tournee durch Großbritannien und Deutschland.

Zunächst einmal ist man überrascht, wie zierlich und klein Mirga Grazinyte-Tyla ist, wenn sie das Podium betritt – noch dazu eines, das die riesigen Dimensionen der Münchner Gasteig-Philharmonie hat. Sie trägt flache Ballerinas, keine high heels wie ihre Kollegin Barbara Hannigan. Auch gibt sie sich weniger mondän als natürlich, ja bodenständig. Doch sobald sie den Einsatz zu Mozarts „Zauberflöten“-Ouvertüre gibt, sprühen Funken aus der kleinen Person. Blitzschnell und akkurat sind ihre Bewegungen, in perfekter Koordination von linker und rechter Hand. Im Orchester hört man historische Trompeten, Mozart also mit historischem Musizier-Bewusstsein. Das überzeugt, und die Musiker des CBSO sind ganz bei der Sache. Die akkuraten Bewegungen von Mirga Grazinyte-Tyla wechseln sich ab mit fließenden, einladenden Gesten, das wirkt auch aufs Publikum einladend sympathisch. Und sympathisch ist die junge Frau ohnehin.

Auch in Chopins zweitem Klavierkonzert, bei dem das Orchester nur eine Nebenrolle spielt, ist ihre Kommunikation mit den Musikern detailreich und engagiert. Schade, dass Rafal Blechacz am Flügel dagegen so wenig introvertiert wirkt. Seine Läufe sind glasklar akzentuiert, nichts gerät ihm verzärtelt oder gar pathetisch, aber er wirkt doch recht verschlossen. Auch klingt bei ihm beinahe alles gleich wichtig, es fehlen Abstufungen, es fehlt die Nonchalance, die Atmosphäre und das Leggero-Spiel. Vor allem im tänzerischen dritten Satz klingt sein Chopin recht trocken bis spröde.

Im zweiten Satz bezaubert Mirga Grazinyte-Tyla dafür Orchester und Publikum mit geradezu schlangenartigen Bewegungen, die das Larghetto auch wirklich sehr seelenvoll zum Klingen bringen. Dabei wirkt die junge Frau wie eine Sirene, die statt mit Gesang mit ihren Armbewegungen betört.

Natürlich war man vor allem auf Beethovens Sechste nach der Pause gespannt. Doch von der wunderbar intensiven Akkuratesse ihres Mozarts war sie in der Symphonie leider weit entfernt. Stattdessen bot Grazinyte-Tyla eine Art Weichzeichner-Beethoven mit rosa Wölkchen bei der Landpartie und einem Gewitterchen im vierten Satz. Szenen wie von Watteau gemalt im bewegungsarmen Andante. Das aber ist nicht der Beethoven, den man sich wünscht. Um wieviel energetischer und dramatischer hat das der knapp 90-jährige Herbert Blomstedt vor einem Jahr auf einer Tournee mit den Bamberger Symphonikern dirigiert – und auf CD mit dem Leipziger Gewandhausorchester.
Grazinyte-Tyla gerät dieser Beethoven arg gepflegt – vielleicht aus falsch verstandenem Respekt vor der pastoralen Stimmung. Doch wenn die schon fast in Langeweile umkippt, ist die Interpretation auf dem Holzweg. Auch klanglich überzeugt das CBSO hier nicht wirklich.
Aber auch Simon Rattle, der mit 25 Jahren beim CBSO begonnen hat, hat vermutlich nicht sofort alles gekonnt. Mirga Grazinyte-Tyla besitzt viel Talent und hat nun ein wunderbares Instrument zur Verfügung mit dem sie sich entwickeln kann. Die Musikwelt wird es mit Interesse verfolgen.

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