Zum 125. Geburtstag der Münchner Philharmoniker: Gergiev dirigiert Mahlers Achte

Kunstbeschwörung

Valery Gergiev dirigiert zum 125. Geburtstag der Münchner Philharmoniker Mahlers Achte und Strawinskys Psalmensinfonie

Von Robert Jungwirth

(München, 13. Oktober 2018) Er sei stolz und glücklich, Teil der deutsch-österreichischen Musiktradition zu sein, sagte Valery Gergiev beim Festakt zum 125. Geburtstag der Münchner Philharmoniker. Davor hatte er das wohl gewaltigste Werke dieser deutsch-österreichischen Musiktradition in die Philharmonie am Gasteig gewuchtet: Mahlers achte Symphonie, die sogenannte „Symphonie der Tausend“, die Mahler im September 1910 mit dem Vorgängerorchester der Münchner Philharmoniker in München vor über 3000 Zuhörern selbst uraufgeführt hatte. Wer ein solches Gipfel- und Endwerk der romantischen deutsch-österreichischen Tradition zur Aufführung bringt und das auch noch so überzeugend konzentriert und überlegen, der darf wohl für sich in Anspruch nehmen, Teil dieser Musiktradition geworden zu sein.

Tatsächlich scheint dies einer der wesentlichen Gründe für Gergiev gewesen zu sein, die Chefposition in München übernommen zu haben, sich stärker als bislang mit der deutschen Musiktradition auseinander zu setzen. Als Interpret russischer Werke ist der Georgier seit mehr als 20 Jahren weltweit eine Koryphäe, als Dirigent von Bruckner, Mahler oder Strauss musste er sich diese Reputation erst noch erarbeiten. Wohl deshalb war von ihm in letzter Zeit in München auch so viel Bruckner zu hören gewesen, machte er sich mit seinem Orchester sogar auf nach Linz, wo der Komponist bekanntlich gewirkt hatte und wo er auch prominent in der Stiftskirche von St. Florian begraben liegt – von jeher eine Pilgerstätte für Bruckner-Dirigenten (im vergangenen Jahr war z.B. auch Herbert Blomstedt dort und dirigierte Bruckner mit den Bamberger Symphoniker).

Gergievs Beziehung zur hiesigen Musiktradition und zu den Musikern der Münchner Philharmoniker hat also an Intensität und Qualität gewonnen in den 3 Jahren, die der Dirigent nun an der Isar wirkt. Und es trügt sicher nicht, wenn man dieser Partnerschaft noch viele beglückende gemeinsame Konzerte prophezeit.

Die Achte Mahler ist ja wie so manches von Mahler ein Gattungsunikum, eigentlich ein Oratorium oder eine Kantate. Aber was für eine! Drei Chöre verlangt die Partitur und ein Orchester, für das der Platz in der riesigen Münchner Philharmonie gerade groß genug ist. Ein ausuferndes, überbordendes Werk, eine Kunstbeschwörung mit maximalen Mitteln – ja ein Akt von Kunstgrößenwahn, entstanden zu einer Zeit des politisch- imperialistischen Größenwahns. Doch ging es Mahler sicher nicht um eine imperialistische Haltung – ganz im Gegenteil. Eigentlich richtet sich seine Botschaft trotz des gewaltigen Aufwands nach innen, an die Wesenskräfte der Natur und des Rein-Menschlichen. So gesehen ist diese Symphonie sicher auch ein Produkt der auf Wagner fußenden Kunstreligion.

In jedem Fall ist es in höchstem Maße unbescheiden in seinen Dimensionen und Ambitionen, und man muss das sicher nicht in allem goutieren. Dennoch ist der Kunstwille, der ungeheure Schaffensakt beeindruckend. Mahler wollte einen Hymnus an die Kraft der Schöpfung komponieren, die jedem Menschen – als Teil dieser Schöpfung – innewohnt. Das ist die positive – und so gesehen -antiimperialistische Aussage des Werks. Und Gergiev, die Münchner Philharmoniker, der Philharmonische Chor München, der spanische Chor Orfeon Donostiarra, die Augsburger Domsingknaben sowie die Gesangssolisten Viktoria Yastrebova, Jacquelyn Wagner, Regula Mühlemann, Wiebke Lehmkuhl, Gerhild Romberger, der Bayreuther Tristan Stephen Gould, Boaz Daniel und Evgeny Nikitin sorgten allesamt für eine rundum gelungene und hochengagierte Einlösung dieser Kunstbeschwörung.

Wie schön und in mehrfacher Hinsicht beziehungsreich, dass Gergiev diesem Symphoniekoloss ein anderes Werk vorangestellt hat, das ebenfalls einen spirituell-religiösen Inhalt hat, das aber doch ganz anders gelagert ist: Strawinskys wunderbare Psalmensinfonie aus dem Jahr 1930. In kleiner Besetzung gelingt hier Strawinsky ein Maximum an Komplexität und Konzentriertheit im Klanglichen und Harmonischen. Man merkte der Aufführung etwas ab, dass der Philharmonische Chor der Achten als Hauptwerk wohl etwas mehr Vorarbeit gegönnt hat. Dennoch war die Aufführung sehr geschlossen und klangintensiv – auch und gerade durch die vielen solistischen Passagen der hervorragenden Instrumentalisten der Philharmoniker. Trotz aller Hingezogenheit zur deutsch-österreichischen Tradition – es ist schön und bereichernd, wenn Gergiev seine außerordentlichen Fähigkeiten in diesem Repertoire auch in München noch oft zur Geltung bringt!

Valery Gergiev schneidet die Geburtstagstorte für die Münchner Philharmoniker zum 125. Geburtstag an Foto: MPhil

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