,

Aufgewühlte Emotionen

Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie (Bertrand de Billy, Capriccio)

Von Christoph Zimmermann

Zu Lebzeiten wurde Alexander Zemlinsky viel gespielt, so dass es seltsam anmutet, dass seine Opern „Die Traumgörge“ und „König Kandaules“ erst posthum zur Uraufführung gelangten (Nürnberg 1980 bzw. Hamburg 1996). Wie auch bei anderen zeitgleichen Komponisten, welche bei allem Klangexperimentieren an der Tonalität festhielten (Korngold, Schillings, Schreker), gab es Jahre, Jahrzehnte des Vergessenseins, was aber mittlerweise als korrigiert gelten darf. Zu einem besonderen Zemlinsky-Anwalt wurde James Conlon in seinen GMD-Jahren beim Kölner Gürzenich-Orchester (1989-2003).

Die „Florentinische Tragödie“ schildert ein Ehedrama aus der Renaissance-Zeit. Dass der Tuchhändler Simone und seine Frau Bianca aneinander vorbei leben und dieser erfrorenen Beziehung erst durch einen erotischen „Eindringling“ (Guido Bardi) neue Intensität zugeführt wird, ist psychologisch nachvollziehbar. Wie aber nach dessen Ermordung Bianca von Bewunderung für Simones Kraft ergriffen wird, dass wiederum dieser die Schönheit seiner Frau neu wahrnimmt, hat viel Befremdliches, da muss man keineswegs an den erst viel später entstandenen Nazi-Film „Wege zu Kraft und Schönheit“ denken. Aber die angemessene Deutung dieses Finales ist vorrangig eine inszenatorische Herausforderung.

Der Livemitschnitt 2010 aus dem Wiener Konzerthaus konnte sich auf musikalische Belange konzentrieren. Damals beendete der Dirigent Bertrand de Billy seine Chefzeit beim Sinfonieorchester des ORF, welches er bei der Zemlinsky-Oper zu überwältigenden Klangfluten animiert. In die Gestaltung des Guido Bardi durch Charles Reid muss man sich etwas hinein hören, doch prinzipiell überzeugt die Rollenleidenschaft des Sängers. Heidi Brunner, vom Mezzofach herkommend, gibt der Bianca erotische Kundry-Farben. Wahrhaft sensationell mit seinem voluminösen, aber auch sehr differenzierenden Bariton gestaltet Wolfgang Koch den Simone.

Werbung

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.