West-Eastern Divan Orchestra in Salzburg

Wo das Lachen aufhört

Das West-Eastern Divan Orchestra spielt Alban Bergs „Drei Orchesterstücke“ zum Fürchten

Von Derek Weber

(Salzburg, 20. August 2017) Dieser letzte Schlag mit dem Riesen-Holzhammer sitzt. Von dem erholt sich keiner mehr so schnell. Denkt man sich zumindest am Ende von Alban Bergs im Kontext des Kriegsbeginns vom Juli 1914 komponierten Marsch am Ende der Drei Orchesterstücke op. 6. Von dem Krieg haben immerhin hochrenommierte Historiker vor nicht allzu langer Zeit noch zu berichten gewusst, dass die Politiker patschert, wie sie waren, „hineingestolpert“ seien. Stimmt alles nicht, sagt der Musiker Berg. Er war der Wahrheit um vieles näher. Da tönt der Krieg gewaltig heran. Was heißt „tönt“? Er wälzt alles nieder, was sich nach herkömmlichem Komponieren anhört.
Zwischen Nicht-Krieg und Krieg geschrieben, gibt der Marsch all denen eine Stimme, die die Katstrophe kommen sahen. Bis zu dem von Gustav Mahler abgeschauten Vernichtungsschlag, der nun nicht mehr nur den Komponisten, sondern ganz Europa traf…

Und dieser Schlag muss so schrecklich sitzen, wie beim East-Western Divan Orchestra, in dem Musiker spielen, die aus der Nähe unserer heutigen Kriegsgebiete kommen. Davon erholt sich keiner, der ihn hört – und sieht. (Denn so unsichtbar ist die Hammer-Aktion ja nicht.) Denkt man. Aber beim Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim im Großen Salzburger Festspielhaus wurde sie eher mit sportlichem Jubel bedacht, ganz so, als hätte jemand gerade das entscheidende Tor geschossen. Man geht fröhlich lachend hinaus, selbst nach dieser Musik, der so gar nicht zum Lachen zumute ist.

Das mag ein bisschen an der Programmgestaltung liegen, die für jedes Hundi aus jedem Dörfli ein süßes Zuckerli parat hatte. Jedes Stückli schön verpackt, von Maurice Ravels „Tombeau de Couperin“ und seinen fünf Kinderstücken „Ma mère l´oye“ bis zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester op. 35, von dem man gar nicht glauben mag, dass es 1933 entstanden ist, in einem Jahr, in dem die sowjetischen Kulturbürokraten dem Komponisten schon ganz schön zusetzten. Und trotzdem hatte der Mann noch immer ausgesprochen freche, trotzige musikalische Einfälle. Hat Stalin dann wenig später alles kaputt gemacht, auch Schostakowitsch‘ Freund und Mentor General Tuchatschewski.

In Salzburg wurde das Konzert in exquisiter Besetzung gespielt. „Gespielt“ haben sich damit Martha Argerich und der im Sudan geborene Trompeter Bassam Mussad, der inzwischen in Deutschland lebt. Die Zugabe besorgten – wie bei der Kombination Argerich – Barenboim üblich – der Dirigent und die Pianistin gemeinsam am Klavier.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.