Walküre in Düsseldorf

Wotans erotische Umtriebigkeit

„Ring“-Fortsetzung an der Deutschen Oper am Rhein mit „Walküre“ – inszeniert von Dietrich Hilsdorf, dirigiert von Axel Kober

Von Christoph Zimmermann

(Düsseldorf, 28. Januar 2018) Dass der bayreutherfahrene Axel Kober die musikalische Leitung innehat, ist selbstverständlich. Der Dirigent beweist auch jetzt sein „feeling“ für Wagners Musik, schwört seine Musiker auf ein luzides Klangweben ein, lässt es aber auch an orchestralen Eruptionen nicht fehlen. Die Inszenierung liegt in den Händen von Dietrich Hilsdorf. Für die „Walküre“ gibt es ein Vorbild, nämlich die Inszenierung in Essen 2009. Nicht zuletzt das Bühnenbild (Dieter Richter) orientiert sich an dieser Produktion.

Sein weitläufiger Innenraum dient (mit optischen Varianten) für Hundings Hütte ebenso wie für Gebirgsgegend und Walkürenfelsen. Das hat essenzielle Auswirkungen auf das Inszenierungskonzept, vor allem das im Mittelakt. Dieser zeigt eine Art Familiensitzung, an welcher auch die Personen des Beginns – Sieglinde ist nach 6 Monaten (Übertitelhinweis) übrigens sichtlich schwanger – teilhaben. Und zwei Walküren aus dem letzten Akt sorgen schon jetzt für etwas Koketterie. Wotans erotische Umtriebigkeit und seine Folgen werden solcherart in ein plausibles Bild gefasst.

Auch sonst setzt Hilsdorf Wagners Libretto nicht einfach 1:1 um. Den Orchestersturm zu Beginn der Oper schildert er nicht primär als die Flucht Siegmunds, sondern als akustische Kulisse für irgendeine kriegerische Aktion Hundings, dessen Heimkehr zudem das gespannte Eheverhältnis mit Sieglinde verdeutlicht. Kontrast danach ist das Zueinander-Finden der sich zunächst unbekannten Geschwister. Hilsdorf lädt das mit starken und sehr zärtlichen gestischen Details auf; differenzierte Mimik kommt vertiefend hinzu. Das greift regelrecht ans Herz. Aber es gilt natürlich auch wieder einmal zu sagen, dass Wagners Musik speziell in diesen Szenen ein unwiderstehliches Narkotikum darstellt.

Simon Neal (Wotan), Katarzyna Kuncio (Waltraute), Evelyn Krahe (Schwertleite), Linda Watson (Brünnhilde), Jessica Stavros (Gerhilde) Foto: Hans Jörg Michel

Hilsdorfs detailgenaue, stringente Personenführung kulminiert nicht zuletzt in der Figur Wotans. Das Verlieren von Macht und die Aussichten auf eine düstere Zukunft der Welt haben ihn nach den „Rheingold“-Eskapaden einer neuen Verantwortlichkeit entbunden, was neue Eigenmächtigkeiten freilich nicht ausschließt. Ein Glück für Hilsdorf, dass ihm in Simon Neal ein grandios expressiver Rollenvertreter zur Verfügung steht. Die oft als überlang empfundene Erzählung Wotans erlebt man kaum je so eindringlich wie bei ihm. Auch der Siegmund von Corby Welch ist Weltklasse, Elisabet Strid kündet mit vokaler Emphase von Sieglindes Leid. Renée Morloc hat einen bestechenden, überhaupt nicht keifigen Fricka-Auftritt. Linda Watson ist der Brünnhilde stimmlich nach wie vor gewachsen, in der Darstellung wirkt sie allerdings einigermaßen neutral.

Hilsdorfs Regie krankt an einigen Übertreibungen (z.B. Kleidertausch Sieglinde/Siegmund als Ausdruck geschwisterlicher Identitätsfindung), bietet aber so viel Erhellendes, dass die weitgehende Ablehnung der Inszenierung durch das Publikum nicht verständlich ist.

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