Vilde Frang Köln

Perkussiv in den Raum geschleudert

Vilde Frang zu Gast beim Gürzenich-Orchester unter Francois-Xavier Roth
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 5. Februar 2017) Wenn die Geigerin Vilde Frang das Podium betritt  erwartet man bei aller Energieausstrahlung der jungen Künstlerin nicht unbedingt eine dramatisch explosive Interpretation. Superschlank und zart in der Erscheinung, dazu wirkungsvoll umweht von den Stoffen ihrer luftigen Robe schwebt sie eher wie eine Elfe herein. Bei den ersten Tönen von Igor Strawinskys Konzert in D wurde jedoch klar: Hier agiert eine Interpretin von vitaler Entschlossenheit, nicht willens Musik zu verzärteln, sondern die Essenz eines Werkes zum Leben zu erwecken. Von „fiebriger Neugier“ war über diese zupackende Art in einem Zeitungsporträt mal die Rede. Die Geigerin selber sagt: „Die Musik stellt permanent Fragen, auf die man als Interpret Antworten finden muss.“
Aus diesen Worten spricht auch Strenge gegen sich selbst. Unschwer nachzuvollziehen, dass Vilde Frang – „jede Komposition ist ein ganzes Universum“ – auch den Orchesterpart mit all seinen Details verlässlich im Ohr hat, denn sonst würde sie ja „lediglich durch das Schlüsselloch spitzen“. Bei Strawinskys Violinkonzert mit seiner lodernden Virtuosität und seiner hintergründigen Ironie ist dies besonders wichtig. Da gilt es, auf Kapriolen von Fagott und Posaune zu reagieren (Toccata) oder mit dem Cello zu dialogisieren (Aria I). Vilde Frang spielte mit großer Entschlossenheit, ließ die dunkle Lyrik von Aria II ebenso zu ihrem Recht kommen wie sie die Pizzicati im Finalsatz (Capriccio) perkussiv in den Raum schleuderte. Dank der lebendigen Begleitung des Gürzenich-Orchesters unter dem tänzerisch vorantreibenden Dirigat Francois-Xavier Roths erlebte man eine funkelnde Wiedergabe dieses 1931 geschriebenen Werkes, dessen letzte Kölner Aufführung übrigens 55 Jahre (!) zurück liegt.
Ohne romantische Schwerlastigkeit
Das Orchester befindet sich inzwischen auf einer Asien-Tournee (Seoul, Partnerstadt Peking, Shanghai), der vierten nach 2008, 2010 und 2014. Gürzenich-Debütantin Vilde Frang ist mit dabei, spielt statt Strawinsky allerdings das Beethoven-Konzert. Im zweiten Teil wechselt man zwischen Mahlers Fünfter (1905 uraufgeführt von den Gürzenichern) und Brahms‘ Zweiter; letztere Sinfonie war jetzt auch in Köln zu hören. Roth leitete sie ebenfalls taktstocklos (umso beschwörender die Gestik der gespreizten Finger), verzichtete auf romantische Schwerlastigkeit, ging die Musik vielmehr angenehm flüssig und mit Eleganz an. Roth verzichtete auf übertriebene Ritardandi, gönnte sich allerdings eine unerwartet gedehnte Generalpause im Allegretto grazioso.
Als musikalisches hors d’oeuvre stand Anton Weberns Passacaglia d-Moll auf dem Programm, die wie beispielsweise auch Schönbergs „Verklärte Nacht“ eine letzte nostalgische Rückschau auf die Klangwelt der Romantik hält und in der Mitte des Werkes sogar ein reines E-Dur wagt. Ins Moll gewendet bildet dieser Dreiklang den Schluss der zehnminütigen Komposition, wobei den Posaunen noch ein kurzes Streicher-Pizzicato folgt. Das harmonisch Fragile von Weberns Musik wurde unter Roths kontrollierter, emotional aber immer wieder anstachelnder Stabführung zu einem bestechenden Klangereignis.
Mit einer charmanten Ansprache wies der Dirigent zuletzt noch auf die frische  Gründung einer Orchesterakademie hin. Es existiert zwar bereits eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Musikhochschule. Dort werden junge Instrumentalisten aber vorrangig auf eine Solistenkarriere vorbereitet, weniger auf eine Laufbahn als Orchestermusiker. Das soll die Akademie kompensieren helfen. Nach einer zielgerichteten zweijährigen Ausbildung wird die Möglichkeit zur Mitwirkung bei Gürzenich-Konzerten geboten. Diesmal erhielten vier Nachwuchstalente diese Chance.


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