Uraufführung einer Oper über Paulus in Osnabrück

Saulus und Paulus

Sidney Corbett erlöst in Osnabrück Pier Paolo Pasolinis Apostel Paulus mit seiner neuen Oper „San Paolo“

Von Bernd Feuchtner

(Osnabrück, 4. Mai 2018) Es ist nicht unbedingt die Frohe Botschaft, was Paulus da predigt. Er hangelt sich virtuos durch das unfertige Haus, das sich auf der Bühne dreht, springt von Raum zu Raum beim Versuch, nicht von der Drehscheibe abzukommen, und wettert dabei gegen Unzucht, Frevel, Ungläubige und noch so einiges. Offenbar will er damit auch seinen neuen Bewunderer Timotheus beeindrucken, aber der steht nur da und weiß nicht, was er sagen soll. Immerhin, der Parcours gelingt und Timotheus geht mit ihm – „aber erst muss ich dich beschneiden“. Droben im Zimmer krümmt Paulus sich vor Schmerzen zusammen. Er ist ein Schmerzensmann auch ohne Folter, denn er wird von Innen zerrissen, darauf liegt der Schwerpunkt von Alexander Mays Inszenierung.

Und das sagt auch die Musik von Sidney Corbetts neuer Oper „San Paolo“, dissonante Klänge von hoher Intensität, scharf-lastende Geigenstriche, dumpf-hohle Posau-nenpranken, hartes Schlagen samt Ölfässern, Sandpapier, Kettenrasseln. Statische, eckige Musik, so eckig wie die Wände und Rahmen der Hausruine, eine männliche Eckigkeit wie das Patriarchat, dem der biblische Paulus verhaftet war; bei seinem Schiffbruch auf Malta, auf dem Weg nach Rom, hätte er sich anschauen können, dass das Matriarchat nierenförmige Tempel errichtet hatte. Aber das interessierte Pier Paolo Pasolini nicht bei seinem Plan, einen Paulus-Film zu drehen, den er fünfzehn Jahre lang unerbittlich verfolgte und doch nicht vollenden konnte. Ralf Waldschmidt hat daraus das Libretto für Sidney Corbett destilliert, der damit nach dem „Großen Heft“ seine zweite Uraufführung in Osnabrück hatte.

Wolf Gutjahrs Bühnenbau symbolisiert natürlich die Kirche, deren Bau zwar Petrus (Rhys Jenkins als kraftvoller Revoluzzer mit Bart und speckiger Jacke) ankündigt, deren geistige Konstruktion aber von Paulus stammt. Auf die weißen Wände wird vieles projiziert, vor allem die bebrillten Gesichter des kindlichen Saulus, des Paulus als alter Mann sowie in seinem Bühnenalter; manchmal dreht der Bau sich auch virtuell weiter, wenn er real schon aufgehört hat zu rotieren. Auch Pasolini taucht mitunter kurz auf. Er ähnelt dann ein wenig Jan Friedrich Eggers, der den Apostel mit Brille als Intellektuellen zeichnet: stets auf der Bühne, stets präsent mit männlich-festem Tenor, im Anzug predigend, was ihn immer absetzt von den Menschen, mit denen er sich konfrontiert sieht und die einem bestimmten Zeitstil zugeordnet sind (Kostüme Katharina Weissenborn). Empathie ist nicht seine Stärke, denn er hat eine Botschaft, und damit ist der Konflikt vorgegeben. „San Paolo“ ist ein Stationendrama, dessen Szenen Pasolini aus der Antike in seine Gegenwart verlegt hatte, in die Zeit und an die Orte des Faschismus, des Widerstands und des Kapitalismus. Der Chor steht dann wie ein lebendes Bild bereits formiert, wenn der Spielraum sich hereindreht und löst sich erst aus dem Freeze, wenn die Musik der Szene beginnt. Und Paulus muss Position beziehen: Schuld auf sich laden, wenn er zum Mittäter bei der Ermordung des Stephanus wird, seine Bekehrung begründen, wenn die Widerstandskämpfer ihn als früheren Faschisten erkennen, die Ausdehnung der Mission auf die Heiden propagieren, wenn seine jüdischen Landsleute darauf beharren, dass der Messias nur dem auserwählten Volk erschienen sei.

Einmal predigt er die Liebe, die alle Menschen einschließen müsse, die Universalität des Evangeliums, dann aber fällt er wieder zurück in die Vorurteile des Patriarchats, verbietet den Frauen das Wort und die Entscheidungsfreiheit, verteufelt die Sexualität. Pasolini, der den Paolo ja im Namen trug, interessierte sich für die Konflikte des Paulus, nicht für seine Heiligenlegende, und das war es auch, das Sidney Corbett fas-zinierte. Sein Paolo ist kein aus eigenem Antrieb Handelnder, sondern ein Getriebener, das Drama ist statisch, tritt auf der Stelle. Die Musik legt einen Nebel über die Handlung, durch den die Menschen blind irren. Und in dem sie seit Jahrtausenden die gleichen Kämpfe ausfechten. Daniel Inbal leitet das Orchester mit unerbittlicher Präzision durch diese bleiernen Zeiten und in die unvermeidlichen Gefechte. Auch der von Markus Lafleur einstudierte Chor beeindruckt durch hohe stimmliche und szenische Präsenz.

Gesungen wird großartig an diesem Abend; der Komponist weiß, wie die Sänger am besten wirken. Susann Vent-Wunderlich schleudert Paulus mit beeindruckend dra-matischem Sopran Widerstand entgegen, Genadijus Bergorulko ist ihm ein ver-ständnisvoll baritonaler Begleiter. Und Lina Liu ist mit leuchtendem Sopran die Stimme Gottes, grundiert vom Kinderchor (samt Dornenkronen) und begleitet von zahlreich projizierten (Frauen-)Augen. Diese antipaulinischen Setzungen der in italienischer Sprache gesungenen Oper sind die wenigen Augenblicke der Ruhe auf diesem schwer belasteten Weg. Ach ja, zwei weitere Momente der Schönheit gibt es, wenn zu einem Orchesterzwischenspiel der kleine Junge Saulus in der Geborgenheit der Eltern gezeigt wird, und später bei einer Flötenmelodie, die sich dann auch in die Singstimme einschleicht. Geborgenheit und Ruhe kannte der bekehrte Paulus jedoch nicht, er musste seinen Kampf kämpfen, dessen Getöse durch die Jahrtausende bis zu uns nachhallt und dessen Krämpfe aus der Zeit Pasolinis heute zu uns zurückzukehren scheinen. Das Publikum dieser zweiten Vorstellung zeigte sich beeindruckt von der eineinhalbstündigen Oper, die ihm doch einiges zumutet, und besuchte auch das Nachgespräch zahlreich.

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