Tristan-Préludes von Henze in Salzburg

Über Wagner hinaus

Die Wiener Philharmoniker spielen in Salzburg Hans Werner Henzes „Tristan“-Préludes für Klavier, Tonbänder und Orchester mit Franz Welser-Möst am Pult und Igor Levit am Klavier

Von Derek Weber

(Salzburg, 25. August 2018) Franz Welser-Möst, dem Dirigenten der gefeierten Salzburger „Salome“ – und die enthusiastische Aufnahme durchs Publikum war nicht zuletzt sein Verdienst – ist ein zweiter Coup gelungen: Zusammen mit Igor Levit als pianistischem Solo-Assistenten hat er nicht nur Hans Werner Henzes „Tristan-Préludes“ zu einem denkwürdigen musikalischen Ereignis gemacht, sondern mit seiner gesprochenen Einführung auch ein Tabu gebrochen, das bisher nur Nikolaus Harnoncourt angetastet hat: Er hat dem Publikum das Stück erklärt, bevor er es dirigierte. Eine lobenswerte Tat, die man nicht immer und nicht bei jedem Konzert braucht, die aber hoffentlich Schule machen wird.

Denn was wäre sonst wohl im Gedächtnis des Publikums dieses Konzerts der Wiener Philharmoniker haften geblieben? Die nach der Pause gespielten orchestralen Auszüge aus Wagners „Götterdämmerung“, sind Ohrwürmer allesamt, gegen die Henzes subtile Musik sicherlich den Kürzeren gezogen hätte. Ein Kommentar, wie ihn Welser-Möst einschob, hat das Gewicht mit einem Mal anders verteilt.

Auch das ist lehrreich: Wenn Henze vielfältiges Schlagwerk einsetzt, bleibt das – von wenigen Passagen abgesehen, in denen Wichtiges und für den Komponisten Erschütterndes verhandelt wird – immer noch im Piano-Leisen und Differenzierten im Vergleich zu Richard Wagners Pauken- und Beckenorgie. Natürlich ist die „Götterdämmerung“ grundsätzlich martialischer im Tonfall als der „Tristan“, aber Henze hatte in den 1970er-Jahren sicherlich das rechte Gespür für die grundsätzliche Differenz beider Musiken, seiner und der Wagners.

Henze hat viel mehr gemacht, als einen platten Kommentar zu Wagners „Tristan“ anzubringen. Er hat mannigfache Bezüge hergestellt und persönliche Betroffenheiten wie die Trauer über den Tod von Ingeborg Bachmann und W. H. Auden und das Entsetzen über politische Katastrophen wie den Militärputsch in Chile in seine Musik mit einfließen lassen. Vor allem aber hat er seinem Kommentar auch eine musikalische Stimme gegeben: das Klavier.

In Salzburg war dieser Klavierpart mit Igor Levit nicht nur prominent, sondern auch goldrichtig besetzt. Ein Glücksfall, denn er füllte seine Rolle in jeder Hinsicht – vor allem mit großer, aber kontrollierter Emotion im Lauten wie im Leisen aus. (Genau das schwebte ja Henze vor: eine sozusagen „kühle“ Emotion.) Levit prägte mit seinen Interventionen die Aufführung entscheidend mit. Er fügte seinen Part mit den elektronisch bespielten Tonbändern zu einem Ganzen zusammen, bei dem sich die Grenzen zwischen „realer“ und elektronisch realisierter Musik dauernd verschieben. Sogar der Beginn von Johannes Brahms´ Erster Symphonie hat darin Platz. Manchmal tönt – versteckt, nie offen – Gustav Mahlerisches daher.

Die orchestralen Auszüge aus der „Götterdämmerung“ aber, die nach der Pause auf dem Programm standen, nahmen sich nach Henzes „Tristan“ wie ein grobes Versatzstück aus einer fremden Welt aus. Zwar wurde Wagners Musik heftigst beklatscht, doch mutete das wie eine atavistische Verbeugung vor einem längst vergangenen Zeitalter – dem 19. – Jahrhundert an. Und Henze, dem man oft vorwarf, zu „tonal“ zu komponieren, stand mit einem Mal als einer da, der ungestraft jenen Herrn Brahms zitieren durfte, den Arnold Schönberg einmal als den „Modernen“ bezeichnet hatte.

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