Spartacus

Sandalenballett

Stechschritttanz der Römer Foto: Wilfried Hösl

Der sozialistische Realismus feiert in München mit dem Ballett „Spartacus“ fragwürdige Urständ
Von Christian Gohlke
(München, Anfang Januar 2017) Das Beste an dieser Produktion ist das von Bettina Wagner-Bergelt verantwortete Programmbuch. Ihm ist zu entnehmen, dass Spartacus für Karl Marx „den Kampf des antiken Proletariats gegen seine römischen Unterdrücker“ symbolisierte. Das machte den antiken Sklaven, gegen den der römischen Praetor Crassus zu Felde zog, im sowjetischen Russland zu einer idealen Projektionsfläche: Rom stand gleichsam für den dekadenten Westen, Spartacus und seine Anhänger für den heldischen Kampf der unterdrückten und ausgebeuteten Unterschicht.
Diese Züge sind im Ballett von Yuri Grigorovich, das 1968 am Bloschoi-Theater in Moskau Premiere feierte und zu einem ungeheueren Erfolg wurde, nur zu deutlich erkennbar. Crassus und seine Kurtisane Aegina führen ein ausschweifendes und lasterhaftes Dasein, wohingegen Spartacus und Phrygia in wahrer Liebe zueinander verbunden und ganz der edlen Sache verpflichtet sind. Die Choreographie von Grigorovich setzt weniger auf eine differenzierte Charakterzeichnung als auf holzschnittartige Gegensätze. Die guten Sklaven leiden und erheben sich endlich heldisch, die bösen Römer schwelgen im Luxus, sind hinterlistig und kämpfen gefühllos. Im Stechschritt marschieren sie über die Bühne, tragen Standarten vor sich her und erheben bei jeder Gelegenheit den rechten gerade ausgestreckten Arm zum Gruß. Sollte das Moskauer Publikum damit an Aufmärsche der Nazis erinnert werden? Ob der geradezu ostentative Gebrauch nationalsozialistischer Gesten und Symbolen vom Choreographen bewusst eingesetzt wurde, um die Konfrontation zwischen gut und böse noch klarer zu markieren, bleibt der Spekulation des Zuschauers überlassen. Jedenfalls wirkt eine solche Ästhetik heute befremdlich und abstoßend, zumal, wenn sie keine 200 Meter von der Feldherrnhalle entfernt so ungebrochen eingesetzt wird wie nun in „Spartacus“.
Der neue Ballettchef Igor Zelensky, der Grigorovichs Ballett nach München geholt hat, scheint sich über historische Zusammenhänge den Kopf nicht sonderlich lange zerbrochen zu haben.
Und so fragt man sich: Was hat dieser Historienschinken im Stile des sozialistischen Realismus in München verloren? „Spartacus“ ist – man muss es deutlich sagen – nicht nur ästhetisch fragwürdig, sondern auch grauslich altbacken. Die Kulissen (aufgemalte graue Steinquader vor grauem Hintergrund) und die Kostüme von Simon Virsaladze verbreiten mit ihren verwaschenen dunklen Farben und ihrem längst verblassten Futurismus, der teils an Sandalenfilme der 1950er Jahre, teils an billige Science-fiction-Movies erinnert, eine drückende, muffige Atmosphäre. Auch die schwer erträgliche Musik von Aram Chatschaturjan, die sich in stampfenden Rhythmen und schmachtender Elegik erschöpft, scheint einem Blockbuster längst verblichener Zeiten entnommen zu sein. (Karen Durgaryan kostet am Pult des Bayerischen Staatsorchesters beides weidlich aus.)
Für Zelensky mag bei der Wahl dieses Stückes enzig entscheidend gewesen sein, dass „Spartacus“ die Möglichkeit bietet, die technische Brillanz seines ganzen Ensembles auszustellen. Grigorovichs Choreographie ist meist sehr schnell und schon darum fordernd und kraftzehrend. Die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts meistern diese Aufgabe großartig. Die Massenszenen gelingen präszise. Die Kämpfe zwischen den Römern und den Sklaven werden mit großer Energie getanzt, ermüden in ihrer ständigen Wiederholung aber doch rasch. Die Bilder gleichen sich nur allzu sehr: Immer wieder marschieren die Soldaten. Ein Kampf folgt auf den letzten. Bald formieren sich die Römer unter Crassus (Erik Marzagaliyev), bald die Sklaven unter Spartacus (Vladimir Shklyarov). Mal vergnügt sich der eine mit seiner Kurtisane (Prisca Zeisel), mal wird dem anderen von seiner Geliebten (Maria Shirinkina) Mut zugesprochen. Diese intimen Szenen könnten im martialischen Gang der Handlung wohltuende Ruhepunkte sein. Doch erotische Spannung und Leidenschaft will sich zwischen den Partnern nicht einstellen. Ihre Darstellung beschränkt sich auf die (oft genug beeindruckend präzise) Exekution technischer Abläufe. So zieht sich der dreistündige Abend quälend in die Länge.
„Spartacus“ ist die erste Produktion des Bayerischen Staatsballetts, die unter der Leitung Igor Zelenskys Premiere hatte. Sie ruft auf ungute Weise eine Pressekonferenz in Erinnerung, die der frisch nach München Berufene im September letzten Jahres gab. Die Frage, warum er gerade „Spartacus“ für seinen Einstand gewählt habe, tat Zelensky unwirsch ab. Er wollte oder konnte sie nicht beantworten. Wie denn eigentlich die Stimmung in der Compagnie sei, wollte eine Journalistin außerdem von ihm wissen. Für so etwas, lautete die Antwort, habe man bei ihnen keine Zeit. Hier werde hart gearbeitet. Es gäbe Testosteron, nicht Stimmung. Leider stimmt das.


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