Simone Boccanegra in Salzburg

Geschichtenerzählen vor belangloser Kulisse

Andreas Kriegenburg inszeniert Verdis „Simone Boccanegra“ bei den Salzburger Festspielen, Valery Gergiev dirigiert

Von Derek Weber

(Salzburg, 15. August 2019) Schon die ersten Probenfotos machten es klar: Das wird keine historische Inszenierung, kein Genua des 14. Jahrhunderts mit einem verbissenen Klassenkampf zwischen Patriziern und Plebejern, in den auch die Fehde zwischen Genua und Venedig hineinspielt. Die in der ersten Fassung 1857 in Venedig uraufgeführte und später 1881 an der Mailänder Scala neu vorgestellte (und von Verdi zusammen mit Arrigo Boito bearbeitete) Version der Oper ist nichtsdestotrotz ein gelungenes und politisch geschärftes Werk, das die politischen Auseinandersetzungen in Genua in den Mittelpunkt stellt. Und anders als beim viel früher entstandenen „Macbeth“ ist kaum jemand je in Versuchung geraten, die frühe mit der „reifen“ Fassung zu vermengen oder die eine gegen die andere Version auszutauschen. Denn im Grunde handelt es sich dabei um zwei grundverschieden angelegte Opern. In der zweiten Fassung ist das, was von Anfang an in der Dramaturgie angelegt war stärker und konsequent ausgearbeitet: die – wenn man so will – Orientierung auf die sozialen Auseinandersetzungen steht im Mittelpunkt, was sich musikdramatisch in der Zurückdrängung der traditionell angelegten Schwerpunktbildung (auf die Sopran- und Tenorrolle) niederschlägt, der Bariton (Simon Boccanegra) einmal nicht als Liebeskonkurrent des Tenors auftreten muss und mit der Gestalt des bösen Intriganten Paolo dem Werk eine markante neue Richtung gegeben wird, die durch die großen Chorszenen weiter verstärkt wird.

Am tragischen Ende wird Simone Boccanegra aus sozusagen „privaten“ Gründen von Paolo vergiftet und stirbt, nicht ohne zuvor den Tenor (den jungen Patrizier Gabriele Adorno) in einen Versöhnungsprozess miteinbezogen und ihn als seinen Nachfolger eingeführt zu haben. Überhaupt ist in dem Werk die Verzahnung von „Privatem“ und „Politischem“ besser gelungen als in jeder anderen Verdi-Oper. Da hatte Verdi eben in Arrigo Boito einen Librettisten von Format zur Seite. Nicht zufällig schätzten Claudio Abbado und Giorgio Strehler diese Oper über alle Maßen. Und wer in den 1990er-Jahren die Wiener Staatsoper besucht hat, hatte Gelegenheit, Strehlers auf ultimative Klarheit angelegte Inszenierung auch in Wien zu sehen. Der Prolog der Oper, der die Vorgeschichte des Dramas zeigt, wird einem als Meisterstück einer Inszenierung immer in Erinnerung bleiben; Abbados kongeniale, nie „schwere“ musikalische Umsetzung ebenso. Und: Was Strehler und Abbado gelang, war, das Meer als Akteur im Hintergrund (oder Untergrund?) in Szene zu setzen.

Natürlich soll man in der Regel nicht vergangene Inszenierungen gegen aktuelle Umsetzungsversuche ausspielen. Hier freilich ist die Erinnerung fast übermächtig: Was vermögen die Handy benützenden Volksmassen der neuen Salzburger Inszenierung von Andreas Kriegenburg gegen die in verschiedenen Farben vorbeihuschenden Genueser Giorgio Strehlers in der Wirkung auf den Zuschauer auszurichten?
Das ist wahrlich nicht als Beginn einer historisierenden Lektion gemeint. Aber wer braucht schon dieses Handy-Bild, um soziale Auseinandersetzungen deutlich zu machen? Das ist falsch gemeinte Aktualisierung, erklärt nichts, macht nichts klarer. Dafür fehlt der Inszenierung das Meer als Akteur. Die ganze Zeit fragt man sich: „Wo ist es, wo bleibt es?“ Erst ganz am Schluss taucht es als hellblaues Streifchen am Horizont auf.

Heutzutage ist man ja schon froh, wenn Genua nicht an einer Tankstelle liegt und die Handlung um die „Verschwörung des Fiesko zu Genua“ gut und nachvollziehbar erzählt wird. (Was das Klavier auf der Bühne sollte, auf das sich Simon Boccanegra gegen Ende der Oper zu hieven musste, wird freilich nicht recht klar.) Aber das Geschichtenerzählen, das kann Kriegenburg. Ebenso, wie die musikalische Seite bei Valery Gergiev in besten Händen ist, auch wenn er manchmal die Lautstärke des Orchesters (natürlich die Wiener Philharmoniker) etwas überstrapaziert. Allein, dass er beim Dirigieren zum Bleistiftstumpen greift, ist schon ein Indiz dafür, wie sehr er Verdis Musik schätzt und wie sehr er sie als Herausforderung empfindet.

Gergievs Verdi-Kompetenz mag manche überrascht haben, die ihn für seinen Bayreuther „Tannhäuser“ kritisiert haben. Was man am „Simone Boccanegra“ mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen durfte, war sein unbedingter Wille zur Tempostraffung, und zu einer gewissen leggerezza, die diese Oper unbedingt benötigt. Dass er für Transparenz zu sorgen vermag, hat er nicht nur hier bewiesen.

Dem Dirigenten zur Seite steht eine erlesene Sängerschar, die von Luca Salsi als Simone Boccanegra angeführt wird, der rollenfüllend auftritt, auch wenn er stimmlich nicht immer die ganze Farbenpallette ausnützt. René Pape ist als Jacopo Fiesco in der Rolle eines italienischen Bassisten zu hören, der mit der Unerbittlichkeit und Geradlinigkeit des großen Gegenspielers von Boccanegra gut umzugehen weiß. Charles Castronovo überzeugt als Gabriele Adorno und André Heyboer füllt den Part des unsympathischen Intriganten und Giftmörders Paolo Albiani mit der leidenschaftlichen Kraft des Zu-kurz-kommenden Intriganten aus. Marina Rebeka gibt der weiblichen Hauptrolle der Amelia Grimaldi ein klares Profil, auch wenn dieses beim Forcieren in mancher Höhenlage rasch schneidend wird.

Die Kostüme (Tanja Hofmann) sind männlicherseits unauffällig und nahe an den Büromode-Usancen, schmucklos ist das Bühnenbild von Harald B. Thor, werkdienlich agiert wie stets die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.

Kurz: Man darf mit der Produktion zufrieden sein, was allein schon die große Auffahrt vieler großer Limousinen und die Robenshow im Drumherum zur Genüge rechtfertigt. Oper ist eben vor allem und besonders an der Salzach immer noch Event. Verdi zum Trotz.

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