Roger Norrington begeistert in Salzburg

Wenn die Musik Fahrrad fährt

Roger Norrington zeigt mit der Camerata Salzburg wie gut Haydn und Strawinsky zusammen passen

Von Derek Weber

(Salzburg, 21. August 2017) Es gibt sie noch, diese heimlichen Höhepunkte, die den meist verborgen bleiben, wo kein aberwitziges Staraufgebot herrscht und man trotzdem begeistert ist. Hier, im Großen Saal des Mozarteums, der klein genug ist, dass die Camerata Salzburg am Podium auch bei Igor Strawinskys Dumbarton Oaks Concerto mit 15 Musikern einen fülligen Klang produziert, tun sich wunderbare Welten auf. Dann nämlich, wenn mit einem älteren Herrn namens Sir Roger Norrington der ehemalige musikalische Leiter des Ensembles eines seiner selten gewordenen Konzerte in Salzburg gibt. Da sitzen zwar die Streicher, aber die Bläser spielen im Stehen (links und rechts von ihnen).

Und der Klang mischt sich gut. Alle Musiker spielen, geschart um einen ganz ausgezeichneten Konzertmeister, was das Zeug hält, angefeuert von einem Dirigenten, der mit ihnen intensivst kommuniziert und, wo es nur irgendwie geht, Zeit findet, mit dem Publikum zu schäkern. Was sich gut trifft, weil er einen Einfall und eine Überraschung nach der anderen bereithält. Da gibt es gleich zum Einstand in Joseph Haydns selten gespielter Sinfonie Nr. 87 im Menuett Sforzati, die einem vorher höchstens im Traum erschienen sind. Nicht übermäßig schnell ist dieser Tanz, aber markant vorgetragen. Und das Adagio ist so etwas wie ein „Adagio vivo“ oder „vivace“. (Wenn es so eine Tempobezeichnung überhaupt gibt.) Norrington war ja nie ein Langsamer.

Da sind wir schon gelandet: Auf diesem besonderen Stern, dem Mond von Norrington, wo die Musiker lauter unvorhersehbare Dinge tun. Es ist wie in einer der Geschichten von Stanislaw Lem, wo einer irgendwo im Weltall in einen Konzertsaal gerät und erst zum Schluss merkt, wo er war und was da wirklich gespielt wurde: Ein Geruchskonzert.
Dazu passend und Haydn und Bach ins 20. Jahrhundert transponierend tischt Norrington zwei Strawinsky-Stücke auf: die ziemlich unbekannten „Danses concertantes für Kammerorchester“ und das neoklassizistische „Dumbarton Oaks“ Konzert aus dem Jahr 1938. Dabei lässt er dieses Konzert mit größerer Delikatesse und raffinezza und mit viel mehr Schwung spielen als Strawinsky selbst, flauschiger, wenn man so will, oder so, als könnte die Musik Fahrradfahren. (Es gibt davon eine Aufnahme mit dem Dumbarton Oaks Festival Orchestra, anhand derer man das nachvollziehen kann.)

Dabei bleibt Norrington stets einer Genauigkeit und Klarheit verpflichtet, die jedes ungenaue Ausfransen des Rhythmus‘ vermeidet. Das gilt auch für die abschließende 101. Haydn-Symphonie („Die Uhr“), in welcher der Dirigent einmal mehr Zeit fand, den Kontakt mit dem Publikum zu pflegen und schon zwischen den Sätzen Applaus einzusammeln. Und wenn man genau hinhörte, fiel einem auf, wie sauber die Streicher intonierten und dass sie das vom Dirigenten eingeforderte vibratolose Spiel so perfekt verfolgten, dass es gar nicht als eine besondere Zutat (oder eher: Wegtat?) auffiel. Selten kann man jemanden so virtuos und selbstverständlich mit Stilfragen wie diesen umgehen hören. Das war wirklich wie von einem anderen Stern, und das in einer Zeit, in der auch im Konzertsaal oftmals die mit exquisitem Drumherum-Trara garnierten Häubchen serviert zu werden pflegen.

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