Rheingold an der Deutschen Oper am Rhein

Norbert Ernst (Loge), Michael Kraus (Alberich), Simon Neal (Wotan) FOTO: Hans Jörg Michel

Goldrausch des Bürgertums

Axel Kober und Dietrich W. Hilsdorf schmieden in der Deutschen Oper am Rhein einen neuen „Ring“. Am Freitag hatte Das Rheingold in Düsseldorf Premiere. Mit gemischtem Erfolg beim Publikum.

Von Oliver Schneider

(Düsseldorf, 23. Juni 2017) „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“, so beginnt Heinrich Heines Gedicht „Die Loreley“. Und damit lässt Loge (Norbert Ernst) den Vorabend der Ring-Tetralogie beginnen, bevor das Es-Dur Vorspiel langsam im Graben anschwillt. Im eleganten roten Seidenanzug eines Pariser Bourgeois im 19. Jahrhundert tritt Loge auf, der von Vergnügen zu Vergnügen taumelt, finanziell vielleicht schon längst ruiniert ist und nur noch den äußeren Schein wahrt. Dietrich W. Hilsdorf und sein Regieteam interpretieren Das Rheingold aus seinem historisch-biographischem Kontext heraus als eine Collage des Bürgertums. Im Mittelpunkt stehen die Götter-Bürger, die sich nach ihrer Emanzipation vom Adel rasch von der Arbeiterschaft in ihrer neuen Rolle bedrängt sehen. Der Ansatz ist natürlich nicht neu. Patrice Chéreau hat ihn seinem Jahrhundert-Ring 1976 zugrunde gelegt. Aber Hilsdorf geht noch einen Schritt ein weiter, indem er das von Wagner geschaffene Abbild seiner Zeit um Gedanken aus Émile Zolas Familien-Romanzyklus um die Rougon-Macquart anreichert, zumindest den Vorabend der Tetralogie ansatzweise in Paris ansiedelt und damit die bürgerliche Entwicklung quasi europäisiert.

Dass bei Familie Wotan schon vieles mehr Schein als Sein ist, symbolisiert das vergoldete Bühnenportal (Bühne: Dieter Richter). Vieles ist in dieser Welt nur noch Theater. Die Rheintöchter sind im besseren Fall Kurtisanen (Anke Krabbe, Maria Kataeva, Ramona Zaharia stimmlich alles andere als Leichtgewichte), mit denen sich Loge nur zu gerne vergnügt. Familie Wotans Heim hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Der Göttervater selbst ist gleich auf beiden Augen sehschwach, die „kleinen“ Götter Donner, Freia und Froh sind mit ihren bekannten Schwächen und Requisiten (Kostüme: Renate Schmitzer) konventionell gezeichnet.

Hämmern und dämmern

Nach Nibelheim geht es durch eine Türe unter einem Spieltisch. Und für das Nachtalbenreich greift Hilsdorf auf ein weiteres historisches Faktum des 19. Jahrhunderts zurück: den Goldrausch an der amerikanischen Westküste. Alberich ist ein schmieriger, humpelnder Goldschürfer, der längst so mächtig ist, dass andere wie Sklaven für ihn arbeiten. Auch sein Bruder Mime muss unter seiner Gier und seinen Machtgelüsten leiden. Der junge Schweizer Cornel Frey lässt schon das Verschlagene von Siegfrieds Ziehvater durchschimmern. Die noch schlummernde revolutionäre Gefahr für die Bürger und die Parvenüs zeigt sich, wenn die sich schindenden Knechte Alberichs mit Getöse die mit Gold gefüllten Loren durch die Wände stoßen.

Michael Kraus (Alberich) FOTO: Hans Jörg Michel

Michael Kraus (Alberich) FOTO: Hans Jörg Michel

Zurück bei den Lichtalben im Haus Wotan dämmern Fricka & Co. vor sich hin – die große Zeit des Bürgertums scheint sich schon dem Ende entgegen zu neigen, weil die Bauhandwerker Fasolt und Fafner – sie sind Vertreter einer Unterschicht (Bogdan Taloş als gutmütigerer Fasolt und Thorsten Grümbel als rascher korrumpierbarer Fafner) –, die bis zur Auszahlung ihres Lohns die Göttin Freia (gut Sylvia Hamvasi) als Pfand genommen haben.

Die Antipoden Alberich und Wotan, die sich in ihrem Machtstreben gegenseitig behindern, sowie den Spielmacher Loge hat Hilsdorf mit den Protagonisten am genauesten erarbeitet. Und es ist nach dem „Rheingold“ schon klar, dass Wotan und seiner Familie inklusive Nachkommenschaft keine rosige Zukunft bevorsteht. Mögen sie für gewöhnlich in Walhall eine standesgemäße Unterkunft beziehen; auf Richters Bühne ist sie das nicht. Schon wenn sie über Donners (vielversprechend für die Zukunft Torben Jürgens) Regenbogen-Brücke schreiten (würden) und dafür das kitschige Portal mit Lämpchen in den Regebogenfarben erleuchtet wird, wird einem bewußt, dass hier nur scheinbar ein Ruhepol für eine kurze Zeitdauer geschaffen wurde.

Habgier und Rücksichtslosigkeit als Lebenszweck

Bei einem nicht unerheblichen Teil des Premierenpublikums stieß die Interpretation auf Ablehnung. Ob es der Mix aus Libretto-gestützten und scheinbar unzeitgemässen Requisiten und der zeitlichen Verlagerung ins Entstehungsjahrhundert war? Oder die wenigen überflüssigen Elemente wie einige Videos, die wohl eigentlich das Geschehen auf der Bühne spiegeln, aber leider nicht ganz parallel gesteuert waren? Gerechtfertigt war der massive Widerspruch nicht. Man darf gespannt sein, wie Hilsdorf den Ansatz in den kommenden drei Opern weiterentwickeln wird.

Für den musikalischen Teil des Abends gab es hingegen ungeteilte, wenn auch abgestufte Zustimmung. Selbstverständlich steht der Bayreuth-erfahrene Generalmusikdirektor Axel Kober selbst am Pult der zum Saisonende nochmals ihr Bestes gebenden Düsseldorfer Symphoniker. Man hat den Eindruck, Kober habe sich bei seinem Dirigat von Kirill Petrenkos Bayreuther „Ring“-Dirigaten ein wenig inspirieren lassen, so schlank, flüssig und transparent und damit ideal für den Konversationston des „Rheingolds“ wird hier musiziert. Sängerisch hat man in Düsseldorf in jeder Hinsicht ein Ensemble zusammengestellt, das sich durchaus mit solchen an noch größeren Häusern messen kann. Maßgeblich verantwortlich dafür ist Norbert Ernst als auch Bayreuth-erfahrener Loge. Perfekt ist seine Diktion, überzeugend seine Charakterisierung des Auslösers des Untergangs der Götter. Von Habgier und Rücksichtslosigkeit charakterlich verdorben ist Michael Kraus‘ Alberich, heldenbaritonal-kräftig und doch letztlich als von Anfang an schwache Persönlichkeit gibt Simon Neal den Wotan. Die erfahrene Renée Morloc stattet die Fricka mit matronenhafter Präsenz und durchschlagkräftigem Mezzosopran aus, während Susan Maclean als aus der Tiefe emporfahrende Erda ungewohnt blass wirkt.

Weitere Vorstellungen am 25. und 29. Juni, 2., 12., 14. und 16. Juli in Düsseldorf. Premiere in Duisburg mit zum Teil anderer Besetzung und den Duisburger Philharmonikern im Graben am 4. November. Karten: www.ringamrhein.de, Tel. +49 211 89 25 211 (Düsseldorf), +49 203 283 62 100 (Duisburg).
Weitere Premieren: Die Walküre (26. Januar 2018/Düsseldorf, 31. Mai 2018/Duisburg), Siegfried (7. April 2018/Düsseldorf, 26. Januar 2019/Duisburg), Götterdämmerung (27. Oktober 2018/Düsseldorf, 5. Mai 2019/Duisburg).

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