Reimanns Lear in Salzburg erstaufgeführt

Behauptung ohne Brisanz

Aribert Reimanns „Lear“ erstmals in Salzburg: mit Gerald Finley und den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst und einer enttäuschenden Regie von Simon Stone

Von Klaus Kalchschmid

(Salzburg, 20. August 2017) Außer Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ nach Jakob Michael Reinhold Lenz (1965) und Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ (1979) ist keine Oper der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so erfolgreich und wird so oft aufgeführt wie Aribert Reimanns „Lear“. Jetzt gab es neben zwei weiteren Meilensteinen des Musiktheaters aus dem letzten Jahrhundert (Bergs „Wozzeck“ und Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mszensk“) als bereits 31. Produktion seit der Münchner Uraufführung im Jahr 1978 (mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelpartie) bei den Salzburger Festspielen die Erstaufführung dieser grandiosen Vertonung des Shakespeare-Dramas – und damit die erste Reimann-Oper in der Geschichte der Festspiele.

Selbst Verdi verwarf die Idee, eine Oper nach diesem Drama zu komponieren, und vielleicht war eine solche auch erst möglich dank der Errungenschaft der Emanzipation der Dissonanz und der damit möglichen Brutalität von schneidenden Harmonien und Klängen eines großen Orchesterapparats, der schmerzhaft scharf oder hochexpressiv sanft, der gewaltig vielstimmig und -schichtig oder aber reduziert auf nur eine Bassflöte oder ein Solo-Cello sein kann; eben einem Klang- und Ausdrucksspektrum, das dieses vielleicht brutalste und bitterste aller Shakespeare-Stücke verlangt.

In der Felsenreitschule sitzt dem edel gekleideten Premieren-Publikum ein ebensolches auf der Bühne vor den steinernen Arkaden gegenüber – 147 Statisten, die im Lauf des Abends vereinzelt blutbeschmiert mitspielen müssen und mitten im zweiten Teil von der Security in eine ungewisse Zukunft getrieben werden. Die schmale, breite Spielfläche besteht zur Gänze aus echten (Wiesen-)Blumen, die schon bald ausgerissen, zertreten und zerrieben werden, bis für die Sturmszene unter Sprühregen nur noch Humus übrig ist (Bühne: Bob Cousins). König Lear (Facettenreich intensiv: Gerald Finley zwischen aggressiv machtgierig und berührend wahnhaft) in Gestalt eines Mannes in den besten Jahren begrüßt im schicken Anzug mit weißem Sakko am Anfang nicht seine Mitspieler, sondern das (echte) Publikum: „Wir haben euch hierher befohlen, um unser Reich vor euren Augen unter unseren Töchtern aufzuteilen.“

Gun-Brit Barkmin, Evelyn Herlizius, Gerald Finley Foto: Anne Kirchbach

Das sind die schmeichlerisch machtgeile Goneril (hochdramatisch elegant giftspritzend in Rosa: Evelyn Herlizius) und Regan (nicht minder gleißend und ums Erbe bedacht, aber in lindem Giftgrün: Gun-Brit Barkmin) und die zarte, vermeintlich kalte, aber einfach nur ehrliche Cordelia, die versichert, ihren Vater wie eine Tochter zu lieben, „nicht mehr und nicht weniger“. Anna Prohaska gibt ihr mit leichtem, aber gut fokussiertem lyrischem Sopran im kleinen Mattgoldenen schon zu Beginn berührend Gestalt, während Goneril und Regan Wollkostüme der 1960er Jahre tragen wie einst Jackie Kennedy beim Tod ihres Mannes. Die Herren sehen uniform aus wie das (männliche) Salzburger Festspiel-Publikum (Kostüme: Mel Page). Und noch einer glitzert mit seinem Sakko, einschmeichelnd abstoßendem Singsang und schlangengleichem Gang: der Schauspieler Michael Maertens als Narr, den Reimann stets zum schillernden solistischen Streichquartett sprechen lässt.

Der junge Film- und Theaterregisseur Simon Stone lässt Shakespeare/Reimanns deutschsprachigen „Lear“ – eingerichtet von Claus H. Henneberg nach der Übersetzung von Johann Joachim Eschenburg (1777) – als post-dramatisches, oft geradezu episch distanziertes, gegen Ende auch oratorisches zeitgenössisches Theater spielen, bei der der Musik plötzlich die alleinige Funktion der ästhetischen Überhöhung zukommt, die nun einsam die Fallhöhe des Stücks markieren muss. Wäre da nicht die Präsenz der Sänger, dieses Konzept würde ganz und gar kalt lassen, ja scheitern, denn nicht nur die Spannung zwischen den Figuren verliert sich auf der Breite der Bühne und vieles, wie das Abgleiten des Reichs in eine Diktatur der Willkür, wie sie an den Statisten zum Exempel erhoben wird, die nacheinander in eine Blutlache getunkt werden, bleibt Behauptung ohne szenische und inhaltliche Brisanz zu entfalten.

Aber da sind als Lichtgestalten von Stück und Oper neben Anna Prohaskas Cordelia der Bassbariton Derek Welton als Herzog von Albany – am Ende im blauen Jogginganzug -, Matthias Klink (Kent) oder der feine, gertenschlank jünglingshafte, ungemein präzise auch in der Baritonlage artikulierende Countertenor Kai Wessel als Edgar – später als Mickey Mouse der Bezugspunkt seines geblendeten Vaters Gloster (Lauri Vasar) in Verzweiflung und der des wahnsinnigen Lears, die sich wohl beide an ihre Kindheit erinnern. Dazu der intrigante Stiefbruder Edmund (mit durchschlagskräftigem, höhensicherem Tenor: Charles Workman).

Packend wird die Inszenierung endlich mit der späten Wiederbegegnung des greisen, umnachteten Lear im sterilen Krankenhausbett mit seiner Tochter Cordelia, von Reimann mit betörend intensiven Streichern gestützt und bewegend intensiv auskomponiert. Danach fällt Gaze über die ganze Bühne und nach statuarischem Abhandeln der tödlichen Kämpfe aller gegen alle (Regan wird vergiftet durch Goneril, die sich selbst tötet, und dem Fall Edmunds durch Edgar) sieht man die erwürgte Cordelia zur knochenbleich weißen Marmorstatue erstarrt. Sie wird vom Vater beweint, der sich die Totenfarbe von ihren Haaren abstreift, um sich selbst damit zu imprägnieren. Am Ende wird Cordelia wieder lebendig, geleitet den Vater erneut aufs Krankenbett, bettet ihn in ihren Schoß und verlässt mit ihm gemeinsam diese Welt. Da wird eine problematische, unentschiedene Produktion mit einem Mal auf vielfältige Art sinnig, berührend und weit über sich hinausweisend.

Die Wiener Philharmoniker hatten unter Vladimir Jurowski im Haus für Mozart den „Wozzeck“ des Wieners Alban Berg ebenso großartig differenziert wie traumhaft klangsinnlich gespielt, doch bei der herben, höchst anspruchsvollen, nicht nur rhythmisch äußerst komplexen und vertrackten Partitur Reimanns wollte sich in der heiklen Akustik der Felsenreitschule unter Leitung von Franz Welser-Möst die gleiche Faszinationskraft nicht immer einstellen. Da fehlte den dunklen Streicherkantilenen der letzte Nachdruck und auch die schmerzvolle Schönheit, wirkten die scharfen Cluster-Ballungen wohl diffuser als sie komponiert sind. Und wer zu nahe an den erhöht auf einer Balustrade spielenden sechs zusätzlichen Schlagwerkern saß, mußte immer wieder um sein rechtes Ohr bangen.

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