Neumeier vertanzt Anna Karenina

Anna Karenina Foto: Kiran West

Wer allzuviel umarmt

Die Uraufführung von John Neumeiers Ballett „Anna Karenina“ überzeugt in Hamburg nur zum Teil

Von Christian Gohlke

(Hamburg, 2. Juli 2017) Wie verwandelt man einen komplexen Gesellschaftsroman beträchtlichen Umfangs in einen Ballett-Abend? John Neumeier, dem man mangelnde Erfahrung im Umgang mit großen Stoffen der Weltliteratur schwerlich wird vorwerfen können, wusste natürlich, dass nur „einige Grundgedanken und Figuren“ des gewaltigen Romanwerks von Tolstoi aus dem Jahr 1877 ins Ballett übernommen werden können, um daraus „etwas Glaubwürdiges mit der Konstellation der Figuren und ihren Beziehungen zu entwickeln“, wie er in einem Interview sagte. Insofern trägt die neue Kreation des Hamburger Ballett-Chefs, die am Sonntag zur Eröffnung der 43. Ballettwochen uraufgeführt wurde, im Untertitel zurecht den Zusatz: „Inspiriert von Leo Tolstoi“.

Die drei großen, den Roman bestimmenden Handlungsstränge sind auch im Ballett gut erkennbar, ohne dass Neumeier sich dafür entschieden hätte, die Geschichte um Anna Karenia in der Zeit des späten 19. Jahrhunderts anzusiedeln. Daraus ergeben sich zwei Schwierigkeiten: Zum einen ist ohne die Moralvorstellungen dieser Epoche kaum verständlich, warum die Gesellschaft Anna Karenina wegen einer Affaire mit gesellschaftlicher Ächtung straft. Ein Motiv, auf das der Choreograph gleichwohl nicht verzichten wollte, obwohl es durch die Verlegung des Stoffes in unsere Gegenwart an Dringlichkeit verloren hat. Und damit sind wir schon beim zweiten und weit größeren Problem des Abends: Neumeier will allzu viele der unzähligen Figuren, Themen und Motive des Romans in seinem Ballett unterbringen. Viel Zeit bleibt da nicht für die einzelnen Handlungselemente. Die Szenen wechseln rasch. Möglich wird diese schnelle Abfolge durch ein Bühnenbild (Neumeier hat es, wie auch die Beleuchtung, selbst gestaltet), das lediglich aus einigen verschiebbaren Wandelemanten besteht und so reibungslose Übergänge ermöglicht. Doch wer allzu viel umarmt, ließe sich mit einem schönen Satz aus dem „Rosenkavalier“ sagen, wer allzu viel umarmt, der hält nichts fest. Eine entschiedenere Auswahl – oder eben ein Ballett in mehreren Teilen – wäre nötig gewesen, um den Figuren ein differenziertes Eigenleben zu verleihen.

Zu skizzenhaft wirkt, was über Lewin und Kitty, aber auch, was er über Dolly und Stiwa erzählt wird. Die Figuren bleiben ohne Tiefe, weil ihnen im Rahmen dieses Abends kaum die Möglichkeit gegeben ist, sich als Charaktere zu entfalten und lebendig zu werden. Sicher, immer wieder gibt es großartig getanzte Szenen. Zum Beispiel glänzt Aleix Martinez als Lewin mit großen Solo-Auftritten, die Neumeier ihm geschaffen hat. Als Gestalt bleibt er bei aller tänzerischen Bravour aber wenig konturiert. Dass Lewin sein Glück in der einfachen Landarbeit zu finden glaubt, wird zwar dargestellt: Zu Cat Stevens‘ „Morning has broken“ reiht er sich in den Reigen der Bauern ein, die im rhythmischen Gleichtakt mit der Sense eine Wiese mähen. Das ist, zumal als Schattenriss, schön anzusehen (und wird, wie das aufkommende Gelächter im Publikum verriet, von manchen Zuschauern als Parodie empfunden), fügt sich aber nicht zu einem Charakterbild. Um eine Entwicklung des grüblersichens Sinnsuchers Lewin erkennbar zu machen, hätte die Figur zuvor stärker profiliert sein müssen. So bleibt der Eindruck, es würden in einer Art von „Choreographer’s-digest-Fassung“ in schneller Folge die wichtigen Stationen der Handlung abgearbeitet.

Anna Karenina Foto: Kiran West

Anna Karenina Foto: Kiran West

Überzeugend gelingt hingegen die Darstellung der zentralen Dreiecksgeschichte zwischen Wronski, Anna und ihrer Familie. Karenin wird als Politiker im Wahlkampf unserer Gegenwart eingeführt, der Frau und Sohn zu Werbezwecken nutzt, um der Öffentlichkeit das Bild einer heilen Welt zu präsentieren. Ivan Urban tanzt ihn beeindruckend als einen kalten, seelendürren Menschen, dem wenig am Wohl Annas und des gemeinsamen Sohnes Serjoscha gelegen ist. Er ist es vor allem, der Anna an ihre Familie bindet. Ein Konflikt, den Neumeier eindringlich mit zwei hart aufeinander folgenden Szenen anschaulich macht. Anna spielt ausgelassen mit Serjoscha, dem Marià Huguet eine fast noch kindliche Anmut verleiht. Sie pflegen einen liebevoll neckischen, mitunter zärtlichen Umgang miteinander. Der Leichtigkeit der Szenerie entspricht die Musik, die Neumeier für sie ausgewählt hat: Tschaikowskys Marche Miniature, gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester unter der Leitung von Simon Hewett. Die leidenschaftlichen Gedanken an Wronski, die in Annas Vorstellung unvermittelt einsetzen und zu einer intensiven Begegnung mit dem imaginierten Geliebten führen, werden im harten Kontrast dazu mit Musik von Alfred Schnittke unterlegt, die während des Abends meist dann eingesetzt wird, wenn Konflikte und Spannungen dargestellt werden. Die vielleicht schönste Sequenz des ganzen Balletts macht just diesen Zwiespalt der Protagonistin anschaulich. Anna und Wronski sind nach Italien geflohen. Ein hinreißender Pas de deux vermittelt die glückliche Zweisamkeit des Paares aufs schönste. Dabei bedient Neumeier sich einer klassischeren Ballettsprache, als sie sonst an diesem Abend genutzt wird. Doch auch diese Idylle wird von Gedanken an den zurückgelassenen Sohn getrübt. Anna Laudere gestaltet, technisch meisterhaft und mit großem Gefühl, Karenina als eine von dunklen Ahnungen heimgesuchte Figur, zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Sohn und der Leidenschaft für Wronski, den Edvin Revazov so athletisch wie elegant darstellt.

Szenen von solcher Ausdruckskraft, Konzentration und emotionaler Tiefe zeigen John Neumeier auf der Höhe seiner Kunst. Dagegen fällt der Schluss dann wieder ab. Zu unvermittelt kommt Annas Tod, zu unklar bleibt Wronskis Reaktion. Bei aller Hochachtung für die exzellenten tänzerischen Leistungen der Compagnie des Hamburger Balletts und bei aller Bewunderung für einzelne Szenen von großer Kraft und Eindringlichkeit bleibt am Ende des langen, aber nie langweiligen Abends doch das Gefühl eines Ungenügens. Eine noch radikalere Konzentration auf den Kern des Romans hätte vielleicht zu einem glücklicheren Ergebnis geführt. Ob der Abend dann freilich noch den Titel „Anna Karenina“ hätte tragen können, bleibt eine andere Frage.

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