Neuenfels und Jansons begeistern mit Pique Dame in Salzburg

Schicksalsmelodien

Das Ende des Versteckenspielens: Hans Neuenfels und Mariss Jansons machen aus Peter Iljitsch Tschaikowskys „Pique Dame“ bei den Salzburger Festspielen großes Operntheater

Von Derek Weber

(Salzburg, 5. August 2018) Was sind schon die läppischen mehr als 2200 Euro, die laut „Salzburger Nachrichten“ im Internet für eine Premierenkarte für „Pique Dame“ verlangt wurden? Ein Klacks gegen das, was dem armen Hermann blüht, als er alles auf eine Karte setzt und so sehr verliert, dass er sich in stiller Verzweiflung eine Kugel in die Brust schießt. So siegessicher ist er, dass er einer letalen Freudschen Fehlleistung aufsitzt und statt des Asses alles auf jene Pique Dame setzt, die Puschkins Erzählung und Tschaikowskys Oper ihren Namen gab.

Was in Hans Neuenfels´ kluger Inszenierung ein wenig zäh beginnt – auch weil der meist gestrichene knaben-martialische Kinderchor als Vorspiel erhalten blieb –, entwickelt sich zum Ende zu einem sich psychologisch stringent verdichtendem Drama. Die Personen, die darin vorkommen, sind gleichsam von einem unerbittlichen Schicksal getriebene Figuren, deren Handlungs- und Entscheidungspielraum immer enger wird.

Schicksal, das ist wahrscheinlich – zum Unterschied von Alexander Puschkins rational-sezierender Erzählung – der Schlüsselbegriff von Tschaikowskys Oper (für die dessen Bruder Modest das sensible Libretto geschrieben hatte, das die literarische Vorlage entscheidend modifizierte).

Die größte Änderung erfuhr wohl die Gestalt der Lisa. Während diese in Puschkins Erzählung eine Nebenfigur bleibt, deren hauptsächliche Funktion darin besteht, Hermann den Weg zur alten Gräfin und zu ihrem Kartengeheimnis zu ebnen, sind sich die beiden Protagonisten der Oper schon einmal begegnet, haben sich ineinander verliebt und treffen sich – „schicksalshaft“ – wieder. Aufgewertet ist auch die Figur des Fürsten Jelezki, für dessen noblen Charakter in Salzburg Igor Golovatenko eine Idealbesetzung ist. Mit seinem gut geführten Bass fällt er nie aus der Rolle, und Hans Neuenfels weist ihm auch in der Schlusszuspitzung eine geradezu aristokratische Haltung zu: Alles ist zum Duell mit Hermann gerichtet. Ruhig und besonnen bereitet Jelezki vor, was getan werden muss, um seinen Ruf zu wahren und die Ehre zu retten.
Meisterhaft ist das – um einiges mehr als bloß klug -, wie Neuenfels die Personen führt. Selbst das, was als nettes nebensächliches Detail erscheinen könnte, macht bei ihm Sinn: Die alte Gräfin, die den Spitznamen „Pique Dame“ trägt, trägt auch eine rote Perücke, um jünger zu erscheinen, und löst schlussendlich das Geheimnis, das sich jedem stellt, der die Oper kennt und sich ein alte, am Stock gehende Dame erwartet: Die Gräfin nimmt einfach die Perücke ab.

Daran erkennt man den alten Theaterhasen. Solche Details macht er sozusagen mit der linken Hand. Neuenfels verfügt aber auch über die große Theaterpranke: Alles, was er sagen will, wird klar herausgesagt. Da werden nicht, wie in anderen Inszenierungen, Geheimnisse erfunden und dem Zuschauer als Hausaufgabe mitgegeben. Bei diesem Regisseur hat das Rätselraten der dilettierenden Philosophen (endlich einmal) Pause.

Und das ist gewiss auch im Sinn des Dirigenten. Für Mariss Jansons ist die „Pique Dame“ eine der größten, wenn nicht die größte Oper überhaupt, oder sagen wir einfach: Sie ist seine Lieblingsoper. Das Ende des Tschaikowsky-Kitsches ist gekommen, wenn er den Taktstock hebt und die Wiener Philharmoniker – und als deren Avantgarde: die Streicher – zu spielen beginnen. Da herrscht Samt vor Süßigkeit, da ist noch der Geist von Jewgeny Mrawinsky lebendig und man erkennt sofort die Schicksalsmelodie, die diese Oper antreibt. Nicht nur kehren die Schicksalsmotive im Orchester immer wieder; die ganze Oper ist wie ein großer Schicksalsgesang, wie ein Abgesang an das schöne oberflächliche Leben der russischen Offizierskaste, das dennoch den Außenseiter Hermann so magisch anzieht, dass er daran zugrunde geht und auf die Liebe vergisst, die ihm die Beziehung zu Lisa verspricht. Er verfällt der Sucht nach dem schnellen Geld.

Das wäre ja ein durchaus aktuelles Thema. Umso beeindruckender, dass Hans Neuenfels der Versuchung zum Aktualisieren widerstanden hat. Er belässt die Handlung im Milieu des historischen Russland. Das stört nicht nur nicht; es macht auch Sinn, weil es den Bühnencharakteren eine nachvollziehbare Transparenz verleiht. Wer würde sich heute noch wie Hermann im Casino erschießen? Wer würde wie Lisa ins Wasser gehen? Und selbst der steinreichste Bürger würde mit dem Fürsten Jelensky nicht Schritt halten können. Die Großbürger sind längst ausgestorben und durch gerissene Geldmacher als Spitzeneinkommensvertreter ersetzt.

Im Vergleich mit der Amsterdamer Aufführung von vor ein paar Jahren singen andere Sänger und Sängerinnen, an denen jedoch nicht viel zu kritisieren ist. Über die Person des Fürsten Jelezki wurde bereits gesprochen. Evgenia Muraveva ist stimmlich eine geradezu ideale Lisa. Und Brandon Jovanovich schlägt der Hitze mehr als nur ein Schnippchen und ist vor allem ein überzeugender Schauspieler. Vladislav Sulimsky überzeugt als Graf Tomsky; auch die anderen größeren Partien bis hin zu Hanna Schwarz als Gräfin sind ausnehmend gut besetzt. Bei der Sängerauswahl hat gewiss Mariss Jansons seine Hand im Spiel gehabt.
Und Hans Neuenfels hat sich bis hin zum schrägen Auftritt des Zarinnen-Skeletts und den possierlichen Schäfchen im Schäferspiel einiges einfallen lassen.

Die überbreite Bühne des großen Festspielhauses wird durch das auf eine besondere Ästhetik verzichtende Bühnenbild Christian Schmidts kunstvoll verkleinert und in den Massenszenen in breiter Front genutzt. Die Kostüme (Reinhard von der Thannen) unterstützen diesen Zug der Inszenierung. Der Chor (Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor) setzt seine Masse geschickt in Szene um und ist an den Nahtstellen der Oper quasi als lebendiger Hintergrund wie ein großes Scharnier stets präsent, ohne zum Mätzchenmachen verurteilt zu sein.

Fazit: Regie funktioniert am besten, wenn sie klare Aussagen trifft und den Wald vor lauter Bäumen doch noch auf die Bühne gebracht hat.

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