Mozarts Thamos in Salzburg

Effekte aller Arten

Carlus Padrissa inszeniert Mozarts Bühnenmusik zu „Thamos“ bei der Salzburger Mozartwoche

Von Derek Weber

(Salzburg, 24. Januar 2019) Zugegeben: Die Versuchung ist natürlich groß, ein Jugendwerk des großen Mozart sozusagen am Ort seiner Geburt aus- oder besser: umzugraben! Und wer wäre wohl weniger dagegen gefeit als die Salzburger Mozartwoche, die ja lange schon auf der Suche nach einer szenischen Auffrischung war, seit einmal das Tabu gefallen war, dass man im Jänner nur Arien, Konzerte und Symphonien dieses Komponisten aufführen dürfe. Wie groß war doch dereinst das Murren, als man es in der Ära Landesmann wagte, Joseph Haydn Mozart zur Seite zu stellen und wie klein war es, als später ein französisches Pferdeballett auftreten durfte. Da war manche Bereicherung des Repertoires dabei, das war zu hören und auch zu sehen.

Nun – in der Ära Rolando Villazon – kehrt man zur Nur-Mozart-Schiene zurück, allerdings auf einer sozusagen „höheren“ Stufe. Mozart kehrt eingepackt in eine szenisch-musikalische Bearbeitung des Altmeisters der katalanischen Theatertruppe „La Fura dels Baus“, Carlus Padrissa, der schon 1979 einer der Mitgründer der Gruppe war, wieder an die Salzach heim. Neben der „Thamos“-Schauspielmusik – bestehend aus Chören und Zwischenakt-Musiken, sind Arien aus der „Zauberflöte“ und aus „Zaide“ zu hören, verbunden mit Referenzen auf den originalen „Thamos“-Text und esotherische Lyrik, Monologe und Dialoge, Mozart-Symphonien und pseudophilosophische Überlegungen.

Die aufführende Truppe ist international. Die (erfreulich gute und konzise) Dirigentin Alondra de la Parra hat lateinamerikanische Wurzeln, die Szenographie steuert Roland Albeter bei, die Kostüme stammen von Chu Uroz, das Licht von Franc Aleu, die “Luft-Choreographie“ ist von Gaby Barberio erdacht, die Spezialeffekte stammen von Thomas Bautenbacher. Für die (videoprojizierte) Lyrik ist Alicia Aza verantwortlich, für die Komposition und Programmierung der iht sonderlich anspruchsvollen alogarihhmischen Musik zeichnet Urbez Capablo verantwortlich; sie wird auf – früher hätte man gesagt: „futuristischen“ Instrumenten –mit futuristischen Konsenamen dargeboten die Dramaturgie liegt in den Händen von Yvonne Gebauer, spätestens aus der Tschaikowsky-Opernproduktion des letzten Festspielsommers in Salzburg bekannt .

Ein buntes Ensemble tritt– entweder wirklich (also echt) bunt oder buntbemalt –in einem riesigen Pasticcio auf. Der Bachchor Salzburg singt, was das Zeug hält, die Camerata Salzburg ist als Orchester eingebunden. Manches wird von Schauspieler-Sängern heiser und heiß-wild ins Felsenreitschulenrund gerufen und auch an guten internationalen Sängern ist wahrlich kein Mangel: Rene Pape gibt den luxuriös-sonoren, abgesetzten König Menes, die ägyptische Sopranistin Fatma Said legt als Zaide-Pamina-Maid eine vielversprechende Probe für die Zukunft ab und, der indische Tenor Nutthaporn Thammathi singt seinen Thamos nicht ohne vokalen Charme.

Vieles, was zu sehen und zu hören ist, ist erfunden, alles von Mozart Stammende ist irgendwo in der Neuen Mozart-Ausgabe tatsächlich notiert.
Die ganze Breite der Felsenreitschule wird ausgenutzt, Akrobaten und wilde Kämpfer treten auf, pyrotechnische Effekte schrecken das Publikum zeitweise auf. Kurz: an Effekten aller Arten (auch aus der Videowelt) wird nicht gespart. Immer ist was los, und zeitweise geht´s geradezu zirkusmäßig her. Das Ganze wirkt als Story ziemlich gewollt, zusammengefummelt und gradgebogen. Und manchmal fragt man sich, warum etwas gerade so auf der Bühne passiert. Denn von selbst erklärt sich, von dem, was auf der Bühne passiert, nur ein kleiner Teil. Wichtig scheint zu sein, dass etwas passiert, zum Beispiel dergestalt, dass gegen Ende des Spektakels ein roter Quell munter auf die Bühne zu pritscheln beginnt.

So ganz einfach scheint´ es doch nicht zu sein, aus den Überresten eines naiven alten Schauspiels ein einigermaßen homogen-logisches Stück zu machen, auch wenn man weiß oder ahnen kann, dass Mozart bei der Komposition der Musik viel gutgemeintes Ägyptisch-Exotisches durch den Kopf gegangen sein muss, als er sich als junger Spund mit dem Thamos-Thema anzufreunden begann. Für heute aber reicht´s wohl kaum zu mehr als zu einem „falschen“, weil dick aufgetragenen, pseudopathetischen Bühnenstück. Was soll´s, ein populistisches Spektakel gibt halt nicht mehr her. Und tatsächlich fühlt man sich am Ende, wenn´s so richtig zu krachen und fauchen beginnt, eher an ein andalusisches Osterfeuerwerk erinnert als an die ernste jugendliche Phantasie Mozarts.

Aber wer weiß, vielleicht hätte diese leicht kitschige Herumtollerei dem jungen Mozart ja auch gefallen. Er war ja gerüchteweise für unkonventionelle Späße zu haben. Heute fühlt man sich freilich bei so viel falschem Pathos gefoppt und an politische Taschenspielertricks erinnert. Der Beifall fürs Theater hielt sich dementsprechend in Grenzen. Was nichts daran ändert, dass der Beifall groß genug war, um damit den Einsatz der Menschen auf der Bühne abzugelten. Ob das Ergebnis nicht auch mit weniger sportlichem Aufwand erzielbar gewesen wäre – darüber mag man gehörig spekulieren. Auch darüber, ob sich ein solcher Aufwand an Material und Ressourcen auf Dauer und in Permanenz wiederholen lässt.
Im kommenden Jahr soll Robert Wilson Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias“ in der Mozart-Bearbeitung zur Aufführung bringen. Das sollte doch besser gelingen. Immerhin ist das ein Werk aus einer Hand, das zum Unterschied von Mozarts „Thamos“ auch im 18.Jahrhunder schon ein großer Erfolg war.

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