Macbeth Wien

Zwei Machtbesessene auf dem Weg zur Hölle

Davinia Rodriguez und Placido Domingo Foto: Herwig Prammer

Giuseppe Verdis "Macbeth" in gleich zwei Versionen im Theater an der Wien – eine mit Placido Domingo
Von Derek Weber
(Wien, 15. November und 17. November 2016) Was für eine monströse Oper, dieser Verdi-"Macbeth"! Das Gegenteil von harmlos – egal, ob wir die erste Fassung von 1847oder die zweite von 1865 zum Maßstab nehmen. Man möchte nicht ahnen, was da von Anfang an musikalisch eingemeindet war! Ein kräftiger Schuss Belcanto ist ebenso darin enthalten wie sozusagen das Gegenteil davon, eine Art von canto bruto, von häßlichem – oder sagen wir lieber: die Wahrheit abbildendem Gesang. Giuseppe Verdi hat das bekanntlich ausdrücklich vorgeschrieben, im doppelten Sinn des Wortes. Nicht schön und nicht mit geschmeidiger Eleganz solle die Sängerin der Lady singen, so wollte er es. Es gibt nichts Vergleichbares, nicht im 19., eigentlich auch kaum im 20. Jahrhundert, "Wozzeck" vielleicht. Während aber bei Büchner ein brutal ins Unglück Gestoßener und von den Privilegierten Getretener im Zentrum steht, zeigt Shakespeare die Täter: Zwei Machtbesessene auf dem Weg zur Hölle, zur Macht um jeden Preis. Solche Eskapaden soll es ja auch heute zuhauf geben. Verdi machte daraus eine lapidar erzählte Fahrt in den Abgrund.
Kein Wunder, dass "Macbeth" Regisseure (oder auch intellektuelle Dirigenten wie Giuseppe Sinopoli oder Claudio Abbado) immer wieder angezogen hat. Und es wird schon kein Zufall sein, dass sich "Macbeth"-Aufführungen gerade in den letzten Jahren allerorten gehäuft haben, an der Wiener Staatsoper ebenso wie in München, Zürich oder am Teatro Comunale di Bologna.
Und die Wiener Staatsoper setzt noch eins drauf, indem sie Ihre Produktion von 2015 Anfang Dezember wieder ins Programm nimmt. Weil heuer auch ein Shakespeare-Jahr ist, kam die Oper dazu noch gleich zwei Mal neu inszeniert in verschiedenen Versionen und in alternierender Besetzung ins Theater an der Wien .
Man hat gesagt, dass Shakespeares "Macbeth"-Drama drei Protagonisten habe:   Macbeth, seine Frau und die Hexen. Dass daran etwas ist, merkt man in allen zwei Varianten der neuen Produktion des Theater an der Wien, musikalisch durch den ausgezeichneten Arnold Schonberg Chor, szenisch aber  sozusagen nur ex negativo: als Mangel, als große Leerstelle, als biedere witch show und harmloses Hexengehopse, das am Beginn des letzten Akts durch ein pseudo-apokalyptisches Hieronymus-Bosch-Video bloß aufgemotzt, nicht aber besser wird.
Mehr zu Herkunft und Befindlichkeit der Hexen zu sagen hat uns der Regisseur – es ist (nun schon zum zweiten Mal) der Intendant des Theaters, Roland Geyer, verwehrt. Umso ausführlicher äußert er sich zur Befindlichkeit des Protagonistenpaares. Die Macbeths lieben sich, spielen die Erotik der Machtbesessenheit durch. Es ist nicht, wie so oft schon gesehen, die starke Lady, die ihren schwachen Ritter zum blutigen Morden treibt. Beide sind sich hier zielstrebig einig: Der König muss weg, und mit ihm die ganze Sippe, die der Alleinherrschaft der Macbeths im Weg steht. Dass das Machtspiel auch nach dem Tod des machtbesessenen Duos weitergehen wird, kann man in der Inszenierung nicht einmal ahnen. Da hat man schon tiefer Schürfendes gesehen.     
Dicht wird das Drama erst dort, wo – nach dem durch eine Hieronymus-Projektion bewerkstelligten Bruch – die Musik die Regie übernimmt und die Sänger ihr willig folgen. Denn der Dirigent der zwei Abende, Bertrand de Billy, bringt die Oper zügig und zielstrebig zu Ende und führt die Wiener Symphoniker mit straffer, doch immer feinzeichnender Hand einem verdienten Applaus zu.
Da sind wir also wieder bei den zwei Fassungen der Oper, von denen wir jener von 1865 uneingeschränkt den Vorzug geben. Erstens ist hier der nicht auf Shakespeare fußende Tod Macbeths auf offener Bühne wieder eliminiert und zweitens hatte Verdi für den Schlusschor einen zündenden musikalischen Einfall, der weit in die Zukunft wies. Hier ist Hanns Eisler vorausgeahnt. Verdi, der Moderne, könnte man sagen – in diesem Fall trotz einer harmlosen Inszenierung, die sich zeitweise lähmend auf die Noten legte, aber zumindest am Schluss von den Sängern aufgefangen wurde, das eine Mal von einem sehr virilen und kämpferischen Macbeth (Roberto Frontali) und in der Fassung von 1847 von einem Plácido Domingo, der vergessen ließ, dass er eigentlich trotz aller Kantilenen schon ein älterer Herr ist.
Von den beiden Ladies hinterließ Davinia Rodriguez einen besseren sängerischen Eindruck, auch wenn sie das Kriterium der Hässlichkeit, das Verdi für die Stimme einforderte, nur unzureichend umzusetzen vermochte. Bewusst hässlich zu singen, ist eben nicht ganz so leicht. Gegenüber der zweiten Lady (Adina Aaron) hatte sie aber den Vorteil, dass ihre Stimme bis in die letzten Tiefen klar und mit Kraft durchzeichnete. Auch unter den Nebenrollen gab es mit Stefan Kocan als mit dunklem Bass ausgestatteten Banco und Arturo Chacón-Cruz als Macduff bemerkenswert helle Lichtblicke.   



Münchner Philharmoniker


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