La Cenerentola

Opernkritik: La Cenerentola

Ludwig II. gibt sich die Ehre

Kini mit Knallbonbons: Mercedes Arcuri als Clorinda, Vittorio Prato als Dandini, Dorothea Spilger als Tisbe, Marco Filippo Romano als Don Magnifico Foto: Christian POGO Zach

Mit einer knackig-bunten „La Cenerentola“ in der Regie von Brigitte Fassbaender feiert das Gärtnerplatztheater sein 150-jähriges Jubiläum
Von Klaus Kalchschmid
(München, 4. November 2015) Auch er hat seinen opulenten Auftritt in Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Gioachino Rossinis „La Cenerentola“, mit der das Staatstheater am Gärtnerplatz seinen 150. Geburtstag feierte – wegen noch andauernder Generalsanierung des Stammhauses im Cuvillèstheater: Im hermelinbesetzten Königsmantel erscheint Ludwig II. alias der als Prinz Don Ramiro verkleidete Diener Dandini vor der Kulisse von Neuschwanstein, umringt von herrlich tuntigen Hofschranzen (klangprächtig und erzkomödinatisch: der Männerchor des Gärtnerplatztheaters)! Nicht ohne Hintersinn ist das, war es doch der Märchenkönig, der den Bau des Gärtnerplatztheaters 1863 erst ermöglichte und es 1870 vor dem Bankrott rettete. Und also schwimmt am Ende der Prinz mit goldener Krone im türkisfarbenen Glitzersakko mit seinem Aschenputtel, das die strenge schwarze Robe der reifen Sissi trägt, im Nachen durch die Blaue Grotte von Schloss Linderhof.
Soviel Kitsch mit ironischen Schrammen darf, ja muss sein in einer Inszenierung, die in einem anspielungsreich bunten Ambiente, das sich wie im Barocktheater schnell verwandeln lässt (Bühne und Kostüme: Dietrich von Grember) oft dem Affen Zucker gibt und dafür Sänger zur Verfügung hat, die lustvoll nicht zuletzt den Klamauk ausspielen; wie etwa Marco Filippo Romano als vollschlanker Don Magnifico, der am morgendlichen Frühstückstisch frisch geduscht nur mit einem Handtuch um die Lenden erscheint und den geld- und adelsgeilen Vater zweier nicht minder gewalttätig in die High Society strebender Töchter als komödiantisches Kabinettstück mimt. Mühsam trotzt er seiner Körperfülle einen Kniefall ab, turnt aber virtuos über die Möbel oder ringt hyperventilierend nach Luft ob des Verkleidungsspiels, das seine verleugnete dritte Tochter vom Aschenputtel zur Prinzessin erhebt. Dabei präsentiert er seinen prägnanten Bassbuffo auf dem Silbertablett, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Wie schon kürzlich in Bellinis „La sonnambula“ ist Arthur Espiritu als Prinz Ramiro ein spielfreudiger, sinnlicher und herrlich höhensicher singender tenore di grazia, der mit Diana Hallers Angelina (oder italienisch für Aschenputtel: Cenerentola) aufs Schönste harmoniert. Sie besitzt genau den in allen Lagen klingenden, koloraturensicheren Mezzo, den es für diese Partie braucht und spielt entzückend. István Kovács als „Berater“ des Don Ramiro und Vittorio Prato als Diener des Prinzen bilden fast ein bassbaritonales Zwillingspaar, angenehm unaufgeregt und sonor. Nervtötend aufgedreht dagegen Angelinas Schwestern Clorinda (Mercedes Arcuri) und Tisbe (Dorothea Spilger), von Fassbaender manchmal allzu heftig in den Slapstick gedreht, was die beiden Damen dann nicht nur szenisch allzu schrill werden lässt.
Umso schöner die kleinen Gags am Rande, etwa wenn die beiden Schwestern zum ersten Auftritt aus ihren prallgefüllten Kleiderschränken stolpern, Herr und Diener an der rechten und linken Rampe stehend miteinander telefonieren oder als Zeichen für Brautwerbung weiße Calla mit winzigen Schwanenhälsen als Fruchtstand überreicht werden – die phallischen Tulpen ohne Blätter in Ernst Lubitschs Film „Serenade zu dritt“ lassen grüßen!
Anfangs gehen die Gäule mit Michael Brandstätter etwas durch am Pult des Gärtnerplatz-Orchesters, das er so in den musikalischen Irrwitz treibt, dass er damit buchstäblich auch die Sänger unter Druck setzt und zu ebenfalls großer Lautstärke antreibt. Doch das gibt sich im Laufe des Premierenabends, der zwar am Ende etwas das Lustspiel-Timing verliert und die Gags allzu sehr auswalzt, aber zunehmend musikalisch an Leichtigkeit gewinnt.

Weitere Aufführungen en suite bis 15. November 2015
www.gaertnerplatztheater.de

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.